Path:
Periodical volume 30. August 1884, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 10.1884

703 
das „kirchenräuberische Geschlecht" der Wittelsbacher halten. Um 
dieses Grundes willen sind wahrscheinlich auch jene beiden wittels- 
bachischen Frauen, Margaretha, Ludwigs des Aelteren Gattin, und 
Kunigunde, Ludwigs des Römers junge Gemahlin, wirklich zu 
Berlin bei den Franziskanern beigesetzt worden; — aber wie wir 
vermuthen, in dem jetzt bis aus die letzte Spur verschwundenen 
Kreuzgange. Die Kunde von dieser Thatsache erhielt sich noch 
längere Zeit. Rur einen Schritt kostete es nun noch, und es 
entstand im Munde der Mönche und in der Volkssage die Mei 
nung, auch Ludwig der Römer sei hier beigesetzt worden. Vor 
dem Altare der Kirche lagen hohe Personen bestattet. Der Leichen 
stein des Einen unter ihnen, der des Kraft von Lentersheim, bot 
eine Wappenzeichnung dar (s. I. Jahrgang des „Bären"), welche 
eine entsprechende Aehnlichkeit mit dem bairischen Wcckenschilde 
besaß. Deshalb ward diese Grabstätte für die des bairischen 
Herzogs gehalten. Etwa im 15. Jahrhunderte, — denn dieser 
Zeit scheint das Latein jener Tafeln bei Garzäus anzu 
gehören, — ließen die Franziskaner zu Berlin bona fide jene 
Inschriften verfertigen, — der alten Tradition, ihrem Kloster und 
vielleicht der bairischen Else, der schönen Gemahlin Friedrichs I., 
zu Ehren. Von letzterer und ihrem Gemahle, die ja noch im 
„Hohen Hause" wohnten, steht es fest, daß sie die Kirche der 
Franziskaner besonders geehrt haben; — hier fanden die drei 
ritterlichen Freunde des Burggrafen, welche für ihn gefallen waren, 
ihr Grab; — hier ward die, — ich glaube 1412 — zu Berlin 
geborene Prinzeß Barbara getauft. 
Unmöglich also kann Friedrich Wilhelm IV. auf ein Bildniß 
des „bairischen Ludwig" aufmerksam gemacht haben; vielleicht hat 
er damals seiner Gemahlin das edelschöne Bild des jungen Grasen 
Hohenlohe, des ersten Mannes, der für die Brandenburgischen 
Hohenzollern fiel, gezeigt. — 
Es wird ferner, „Bär," dir. 31. in den „Miscellen," Abs. 2, 
nach dem Wappen Thurneyssers gefragt. Anno 1865 noch, und 
auch wohl heut noch, befand sich dasselbe: 
1. am Taufstein der Klosterkirche, — ovale Form mit Re 
naissance-Schnörkeln, — 
2 An einem Krucifixus in der beifolgenden Form: 
Das Wappen, den zinnengekröntcn Thurm zeigend, ist also 
ein redendes. Farben und Vergoldung waren schon damals 
verblichen. 
3. Auf einer vom Alter fast geschwärzten Sandsteinverzierung 
in der Nordwestecke der Kirche neben dem hölzernen Unter 
bau der Orgel. 
Dasselbe Schild prangt auf dem Titelblatte der „Archidoxa" 
Thurneyssers; als Wappenhalter erscheint auf älteren Holzschnitten 
öfters ein Pegasus, und der Helm, wenn einer vorhanden ist, 
zeigt, soweit meine Erinnerung reicht, ein Tellurium. 
Nicht habe ich mehr, so oft ich das liebe, anheimelnde Heilig 
thum der Klosterkirche besuchte, ein früher hier vorhandenes Werk 
aufzufinden vermocht, das ebenfalls an den berühmten Adepten 
erinnerte: es ist dies ein von Bellermann in seiner Beschreibung 
des grauen Klosters S. 47 erwähntes, großes Altarwerk, welches 
den heiligen Franziskus darstellte, einst gewiß der Hauptaltar der 
Kirche war und die Inschrift trug: 
„Thurnysser hat mich neuw gemackt, da ich war alt und gar 
veracht, anno 1574." 
Sicher aber ist auch heute noch jene eiserne, eingemauerte 
Platte vorhanden, welche an Thurneyssers Aufenthalt im Kloster 
erinnert. Sie befindet sich im Durchgänge des Lagerhauses zwischen 
den beiden, der Königstraße zunächst gelegenen Höfen. Nur trägt 
die große, gußeiserne Platte, welche vielleicht ehedem an einem 
Ofen ihre Dienste geleistet hat, nicht Thurneyssers, sondern 
des Kurfürsten Johann George Wappen und die Inschrift: 
„Von Gattes Genaden Johanns George Markgraf zu Branden 
burg“ u. s. w., — 
also der kurfürstliche Titel in großen, lateinischen Buchstaben und 
in fehlerhafter Orthographie. Zur Seite des Wappens befindet 
sich der kurfürstliche Scepter, das Zeichen des Erbamtes, und 
eine Säule mit einer Kugel, welche sich wahrscheinlich als eine 
Allegorie auf den festen Bestand des Brandenburgischen Staats 
wesens deuten läßt, vielleicht auch auf die zollernsche Stammsage 
von dem Ursprünge ihres Geschlechts aus dem Hause Colonna siä) 
bezieht. Dabei steht die Jahreszahl 1577. Im untersten Raume 
der Tafel befinden siä) drei Figuren. Die zur Linken, eine weib 
liche, hat zu Füßen einen Opferheerd, von welchem Weihrauch 
aufsteigt. Darunter das Wort 8f>es. Daneben steht ein Genius 
mit Flügeln, in der Hand die brennende Fackel der Liebe, von der 
ehemaligen Inschrift Carlas aber waren mir nur die beiden 
Buchstaben — ri — noch lesbar. Eine dritte Figur, ein Mann 
mit einem Kreuze, sollte offenbar die Repräsentation der 
Bi des sein. 
Dres zur Beantwortung der ergangenen Anfragen. 
8. 
Miscellen. 
Eharkottenöurger Kanalisation. In einer der letzten Sitzungen 
der Stadtverordneten - Versammlung von Charlottcnbnrg ist beschlossen 
worden, eine Anleihe bis zum Betrage von sechs Millionen Mark 
zum Zwecke der Durchführung der Kanalisation aufzunehmen. Da 
mit sind die Schwierigkeiten, welche bisher der Bebauung der auf Char 
lottenburger Gebiet belegenen Terrains im Wege standen, beseitigt, 
hoffentlich wird nun auch dem Sauzustande auf Charlottenburger Terrain, 
dem schwarzen Graben ein Ende bereitet. Ueber denselben schreibt ein 
unglücklicher Anwohner an das Berl. Tagbl. Folgendes: 
„Hochgeehrter Herr! 
Im vorigen Jahre sandte ich Ihnen einen Nothschrei von den Usern 
des schwarzen Grabens; heute ist es ein Schrei um Erbarmen, den Sie 
aus dieser unglücklichen Gegend vernehmen. Sie nahmen sich damals so 
warm der Sache an, und die Zeitungen berichteten von drei Kommis 
sionen, die zusammengetreten seien, um diesen Pestpfuhl endlich zu ver 
tilgen. Drei, das schien verhängnißvoll, wie Sachverständige meinten, 
und wenigstens ist es unwirksam gewesen, denn der „schwarze Graben" be 
steht heute noch und verbreitet seine schrecklichen Ausdünstungen über di« 
ganze Umgegend, stark genug um di« Bewohner derselben zur Verzweiflung 
zu bringen. Im vorigen Herbst hat man allerdings wieder ein paar 
Arme auf kurze Strecken durch Röhrenlegung beseitigt, damit aber wenig 
oder gar nichts gebessert, vielmehr die Intensität der Miasmen, wo sie 
frei ausströmen könne», noch verstärkt; der Wind trägt sie unglaublich 
weit, und wenn ein Temperaturwechsel eintritt, namentlich Abends, in der 
Nacht, athmet man eine Luft, die über alle Beschreibung schrecklich ist. 
Gestern machte ich drei Mal den Versuch, die von der Hitze des Tages 
erfüllte Zimmerluft am Abend durch Oesinen der Fenster zu erneuern; es 
war aber unmöglich, der Grabengestank drang ein, und Alles mußte 
schleunigst so fest wie möglich geschloffen werden. In der Nacht erwachte 
ich unter dem Drucke dieser Ausdünstungen, die natürlich auch in die ge 
schlossenen Wohnungen eindringen, ich zog mich an und trat ins Freie 
hinaus. Der köstlichste Mondschein erleuchtete die dicken, weißen Nebel 
decken, die sich rings um die Wiesen gelagert hatten, und ein wahrer 
Pesthauch drang mir entgegen, und trieb mich wieder zurück. Ist es zu 
viel gesagt, wenn ich eine solche Lage eine verzweifelte nenne? Wer die 
Sache aber nicht aus eigener Erfahrung kennt, kann sie sich so schlimm 
unmöglich denken, denn solche Zustände sind ja geradezu unglaublich. Wenn 
außereuropäische Gesandtschaften, herübergekommen um Civilisation bei uns 
zu studiren, solche Dinge entdeckten und begreifen lernten, ich denke, sie 
müßten gleich einpacken und wieder abgehen, und vollends noch, wenn man 
ihnen sagte, daß man in diese unglückliche verpestete Gegend eine der ersten 
Schul- und Erziehungs-Anstalten des preußischen Staates hinein verlegt 
hat. Schüler und Lehrer, nachdem sie die Erholungszeit der Ferien hinter 
sich haben, kehren in dies« Gegend, in diese Nachbarschaft des schwarzen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.