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Periodical volume 30. August 1884, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Weiden hervor und flattern im hastigen Fluge hinaus in die 
feuchte Niederung, aus welcher jetzt mehr und mehr die Nebel 
emporwallcn und in seltsamen, spukhaften Gestalten über Moor 
und Sumpf und flimmernde Wasserlachen langsam einherschreiten. 
Grulistütten und Denkmäler im grauen Äloster ja 
Berlin. 
In Bezug aus die Anfragen, welche über die Denkmäler der 
Kloster-Kirche in einer der letztenNummern des „Bären" gestellt 
worden sind, beehre ich mich. Folgendes zu erwidern: 
Ein Bild des „bairischen Ludwig", — das ist Ludwig des 
Römers, — wird in keiner der alten Beschreibungen des Klosters 
erwähnt und hat sich wahrscheinlich auch niemals dort befunden. 
Es ist überhaupt sehr zweifelhaft, ob Ludwig der Römer zu Berlin 
begraben ist. 
Dafür spricht 
1. das Zeugniß des Garcäus, welcher sagt, es habe im 
Franzistanerkloster zu Berlin an der Wand des Chores zur 
Linken eine Tafel mit folgender Inschrift gehangen: A. C. M. 
CCCLXV obiit illustrissimus princeps et dominus Ludovicus 
Romanus, marchio Brandenburgensis, filius inuictissimi prin- 
eipis et domini Ludovici imperatoris, hic inferius sub altari 
condigna reuerentia et bonore, ut par fuit, tumulatus. 
Allein diese Inschrift ist schon um deswillen verdächtig, weil 
sie den Todestag nicht angiebt; ihre Gleichzeitigkeit mit dem 
Absterben Ludwigs des Römers möchte ich auch aus sprachlichen 
Gründen bezweifeln. 
2. Der Umstand, daß im Jahre 1357 bereits die Gemahlin 
Ludwigs im grauen Kloster bestattet sein soll. Nach desselben 
Garcäus Angabe hing neben der vorher erwähnten eine zweite 
Tafel mit der Inschrift: A. C. M. CCCLVII obiit iuclyta Domina, 
dn. Cungundis, uxor magnifici principis domini Ludovici, Ro 
mani dicti, filia quoque serenissimi regis Craconiae sub altari 
hic inferius apud dominum et maritum zuum honorifice tradita 
sepulturae. Unmöglich also kann diese Inschrift eine gleich 
zeitige gewesen sein; denn sie sagt von der früher gestorbenen 
Gattin, daß sie ihre Ruhestätte neben dem später verschiedenen 
Gemahle erhalten hat. — 
Wie schwach also diese Gründe, wenn wir dagegen das aus 
drückliche Zeugniß des Aventinus in's Feld führen, daß Ludwig 
der Römer in Baiern begraben worden sei, wo auch der ältere 
Ludwig — irren wir nicht, in der Frauenkirche zu München, — 
seine Ruhestätte gefunden hat. 
Dazu kommt, daß nach Garcäus Niemand mehr jene Tafeln 
wirklich gesehen hat. Zwar erzählt auch Engel, daß Ludwig bei 
den Franziskanern zu Berlin begraben worden sei, aber er beruft 
sich nur aus Magister Buchholzens Meinung und auf eine alte 
Tafel, die „noch vor wenig Jahre» vorhanden gewesen," die er 
also nicht mehr hat prüfen können. 
Es sind endlich in der Klosterkirche nach dem Zeugnisie Klödens, 
Gesch. d. Di. Wold. IV, 305, Nachforschungen angestellt worden, 
ob eine, jedenfalls auch äußerlich hervorragende Fürstengruft unter 
ihren Fliesen vorhanden sei. Die Nachgrabung im Chore ergab 
nun das Borhandensein einer „gemauerten Grust daselbst für zwei 
Körper." Westen war diese Grust? 
Es wird nun berichtet, daß viele Fürstlichkeiten im grauen 
Kloster ihre Grabstätte gesunden haben. Es sollen dies u. A. ge 
wesen sein: 
Herzog Emst zu Sachsen, f 1300. 
Kunegundis, die Ballenstädterin, f 1317. 
Margarethe von Dänemark, -ß 1340. 
Ausnahmslos alle Gedächtnißinale der Genannten sind aus 
der Klosterkirche verschwunden; aber vor den Stufen des Altar 
raumes liegen mehrere graue, völlig von den Schritten der Menschen, 
die hier gewandelt haben, abgeschliffene Grabesplatten. Gehört 
die eine oder die andere von ihnen diesen Fürstlichkeiten an? Wir 
möchten auch dies selbst bezweifeln. Personen höherer Stände 
ließen sich freilich oft in Franziskaner-Klöstern bestatten, um da 
durch eines reichlichen Ablastes theilhaftig zu werden, aber sie 
wählten dann gewöhnlich den Kreuzgang oder den von diesem um 
schlossenen Friedhof, und ließen sich außerdem im Mönchskleide 
beerdigen. Dann glaubten sie der Vergebung aller Sünden 
theilhaftig zu sein, wie auch später Bullen dies aller Christenheit 
verhießen. Die gemauerte Grust also, welche sich beim Wieder 
herstellungsbaue des Klosters im Jahre 1840 vorfand, gehört 
wahrscheinlich weder diesen zuletzt genannten Personen an, noch 
auch Ludwig dem Römer und seiner Gemahlin. 
Westen aber ist sie dann? Wer hat auf diesem hervorragenden 
Platze die letzte Ruhe gefunden? Ich glaube nach dem Vorange 
gangenen auf diese Frage dahin antworten zu können: 
Hier ruhten, 
weder Ludwig der Römer noch Kunigunde, von denen es gar nicht 
einmal feststeht, ob sie hier begraben sind, 
noch jene anderen fürstlichen Personen, über deren Begräbniß zu 
Berlin die Nachrichten ebenfalls durchaus nicht unverdächtig 
sind, sondem 
jene breite Grust, welche Klöden hier erblickt hat oder von der 
ihm erzählt worden ist und welche nach seiner Angabe schon stüher 
umgewühlt zu sein schien, (Klöden, Woldemar IV., p. 282) ist die 
Grust der drei Opfer vom Cremmer Damme her, 
des Grafen Johannes von Hohenlohe, 
der Ritter Philipp von Utenhoven 
und Kraft von Lentersheim. 
Und womit wir das beweisen? Noch heut liegt in der Mitte des 
Chores ein Stein mit dem Wappen Kraft's von Lentersheim, 
dem schräg rechts getheilten, oben geschachten Schilde und den 
Adlersfittigen auf dem Stechhelme. Der Stein hat, soweit wir haben 
erfahren lönnen, immer hier gelegen; er ist nicht, wie ich dies 
bei den andern Denkmälern der Kirche selbst erlebt habe, bald 
hierhin, bald dorthin geschafft worden. Unter ihm wahrscheinlich, 
der seine Inschrift längst verloren hat, befinden sich die Spuren 
der breiten gemauerten Gruft, welche Friedrich I. für seine drei 
gefallenen sränkischen Freunde so umfangreich Herrichten ließ. 
Es scheint mir dies die einfachste Erklärung. Spuren also 
einer Grust Ludwigs des Römers sind nach meiner Ansicht in der 
Klosterkirche niemals aufgefunden worden, sie konnten auch nicht 
aufgefunden werden, da er hier nicht bestattet ist, der wackere 
Fürst, der in der Mark so viel Mühe und Unglück gehabt hat. 
. Aber jene Tafeln, die Garcäus gesehen haben will? Sie 
werden vorhanden gewesen sein, nur waren sie 
1. nicht gleichzeitige Denkmäler und 
2. nur einer alten Sage zu Liebe errichtet, — einer Sage, 
die behauptete, daß hier im Franziskanerkloster zu Berlin 
der Römer und seine Gattin bestattet worden seien. 
Ich muß es nun wahrscheinlich machen, daß solch' eine 
Sage entstehen konnte. 
Zwischen dem Geschlechte des gebannten Wittelsbachers Lud 
wig des Baiern und den Franziskanern bestand ein enges, in 
der Zeit der Noth geschloffenes und mit rühmenswerther Treue 
bewahrtes Bündniß. Als Kaiser Ludwig fast von aller Welt ver 
laßen war, da tröstete ihn das Wort des großen Franziskaners 
Wilhelm Occant; als alle Kirchthüren vor dem Gebannten sich 
schloffen, da stiegen in den grauen Klöstern heiße Gebete für den 
Kaiser und sein Haus empor. Nur zu der franziskanischen 
i Geistlichkeit im Lande zwischen Elbe und Oder konnte sich also
        
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