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Periodical volume 30. August 1884, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Das fürchterlichste Schwerdt, soll in der Scheide ruhn. 
Zwar noch nicht jedes Schwerdt. Doch Rußland stiftet Frieden, 
Sein grosser Kayser war dazu für uns beschieden. 
Die eigentliche Predigt, welcher Psalm 147, 12—14: 
Preise Jerusalem Gott! lobe ihn Zion! Denn er macht vest die 
Riegel deiner Thore; Er segnet deine Kinder drinnen; Erschaffet 
deinen Gränzen Friede! 
als Text untergelegt ist, beginnt sodann folgendermaßen: 
Anwesende, die ich erbaun, ermuntern soll! 
Ist Euch, wie mir, das Herz lebhafter Freude voll; 
O so verargt mir nicht, daß ich den Thon belebe, 
Der unsre Anbetung zum Lobgesang erhebe. 
Ein ernster Moses sang, und Aron stimmte bey. 
Als Meer und Ufer wies, wie lieb Gott Jacob sey. 
Nicht Ehrfurcht oder Scherz erweckt allein Poeten. 
Auch wahre Andacht singt im Eise der Propheten. 
Auch Assaph dichtete. Auch Davids Harfenspiel 
Half, daß sein kräftig Wort tief in die Seele fiel. 
Selbst die stereotypen Wendungen, deren sich ein Pastor zu be 
dienen hat, erscheinen in gebundener Form. Denn das Textwort 
wird also eingeleitet: 
Im dritten, vor dem letzten Psalme, daselbst vom zwölften Verse an, 
Spricht David, als ein Wort des Herrn, was ich ihm heut nach 
sprechen kann. 
Der bekannte Schlußspruch lautet: 
Der Friede, welchen Gott geschloffen, 
Beherrsche Sinnen und Verstand; 
Er helfe Jesu Reichsgenossen 
Bis zu ihm selbst hinauf ins ewge Vaterland. Amen. 
Und der Segen erhält diese Fassung: 
Es segne Dich Dein Gott, und er behüte Dich! 
Sein Antlitz leuchte Dir, von nun an ewiglich! 
Ja er erhebe noch sein Antlitz, Dich zu segnen, 
Bis wir vor seinem Thron in Frieden uns begegnen. Amen. 
Daß solch ein Vorgehen Baumgartens in Berlin wird viel 
seitig besprochen worden sein, ist selbstverständlich. Kam doch so 
gar bis zu Lessing, der zur Zeit mit dem General Tauenzien in 
Schlesien sich befand, eine Kunde von dieser poetischen Predigt. 
Noch nachhaltiger mußte aber ihr Eindruck sich gestalten, als 
N. Baumgarten bald darauf plötzlich verschied, jene patriotische 
Reimerei also gewiffermaßen sein Schwanengesang gewesen war. 
Das betreffende Kirchenbuch zeigt folgenden Vermerk: „den 
17. Juni 1762. H. M. Nathanael Baumgarten, König!. Ober- 
Konststorialrath und Inspektor wie auch erster Prediger bey der 
Friedrichs-Werderschen und Dorotheenstädtischen Kirche gestorben 
an Schlagfuß. Alt 45 Jahre 1 Monath 24 Tage, in der Kirche". 
Sein Bruder Alexander Gottlieb war kurz zuvor am 26. Mai 
verschieden. 
Lessing, der, was auch bei andrer Gelegenheit sich ergab, viel 
zu sehr kosmopolitisch angehaucht war, als daß er die Begeisterung 
eines Preußen für seinen König hätte nachfühlen können, spielt 
auf die geschilderten Ereignisse an mit folgendem Briefe. 
An Nicolai 
22. Oktober 1762. 
Der ehrliche Mann (rc. Baumgarten) höre ich, ist an einer 
poetischen Dysenterie gestorben. Daran sterbe ich nicht. Eher 
noch an einer poetischen Obstruction, Constipation — wie heißt 
das griechische Wort! Schlagen Sie Hebenstreits Anhang zu 
Wohls medicinischem Lexico nach; da finden Sie es ganz gewiß. 
Ueber Baumgartens Familienverhältniffe war nur dies eine 
zu ermitteln, daß als sein Sohn erwähnt wird Otto Nathanael 
Baumgarten. Von demselben hat sich bei Semler ein Gedicht er 
halten auf den Tod seines Onkels Siegmund Jacob Baumgarten. 
Zum Schluffe sei noch erwähnt, daß des verstorbenen Kon- 
sistorialraths umfangreiche Bibliothek, zu der schon der Vater 
Jacob Baumgarten beigetragen hatte, alsbald versteigert wurde. 
Ein zu diesem Zwecke angefertigter Katalog kam auch an Lessing, 
der mehrere Sachen zu kaufen beschloß und deshalb sich in einem 
Briefe — dem bereits angeführten vom 22. Oktober 1762 — an 
Nicolai wandte. Dieser macht nun zu Lessings Brief folgende An 
merkung: 
Er hatte bey der sehr großen Anzahl der angezeichneten 
Bücher keine Preise bestimmt, sondern mir überlassen, wie viel 
ich wollte bieten lassen. Bey einigen Büchern aber hatte er 
bemerkt, daß er sie schlechterdings haben wollte. Unglücklicher 
Weise hatte er diese meistens griechischen und engländischen Bücher 
sich gleich im Anfange, da er das Bücherverzeichniß durchge 
laufen, auf einen Zettel geschrieben, und vorher schon einem 
andern Freunde auf diese Bücher ungemeffene Kommission gegeben, 
aber dies nachher vergessen, als er sich vornahm, mehr Bücher zu 
kaufen, und mir den Auftrag deshalb gab. Es wurde daher ein 
Buch von wenigen Bänden, von zwey Personen, zum allgemeinen 
Erstaunen, bis 60 oder 70 Thaler hinauf getrieben. Da erklärten 
sich beyde bietenden Personen, daß sie ungemessene Kommission 
hätten, und das Buch nicht könnten fahren lassen. Als sie, um 
auseinander zu kommen, von einander zu wissen verlangten, für 
wen sie böten, fand sich, daß sie beyde für Lessing geboten hatten. 
Schloß Seuchen. 
Von ft. Scistius. 
In jenen Kämpfen, welche durch Jahrhunderte hindurch 
zwischen Slaven und Deutschen aus das Erbittertste wütheten, 
bildete auch die Ruthe und die sie begleitende breite, sumpfige 
Niederung eine natürliche und nur schwer zu überschreitende Grenz- 
j scheide zwischen zwei feindlichen Gebieten: dem Teltow und der 
j Zauche. 
Letztere war bereits bei Lebzeiten Pribislaw's, um das Jahr 
1140, an Albrecht den Bären übergegangen, während der jenseits 
j der Ruthe liegende Landestheil Teltow noch immer von den Wenden 
besetzt war. In Gemeinschaft mit dem Erzbischof Wichmann von 
Magdeburg begann der thatkräftige Askanier nun das durch die 
Wendenkriege entvölkerte und total verwüstete Land, durch Einführung 
vlämischer Kolonisten wieder nutzbar zu machen, nach welch letzteren 
denn auch jener Höhenzug im Westen der Zauche noch heute den 
Namen Fläming führt. Zugleich mit diesen Kulturbestrebungen 
ging die Christianisirung der slavischen Bewohner Hand in Hand. 
Aber noch fast ein Jahrhundert sollte es dauern, ehe die vollständige 
Eroberung des Teltow gelungen war, denn nur mühsam vermochten 
die vordringenden Sachsen den zähen Widerstand der heidnischen 
Bevölkerung zu überwinden. Nur der westliche Theil des Teltow, 
vom Haveluscr des Grunewaldcs bis zum Teltefließ, kam noch zu 
Lebzeiten Albrecht's unter deutsche Hoheit; den ganzen Teltow zu 
unterjochen, blieb seinen Nachfolgern überlassen. Wie immer in 
damaliger Zeit, so war es auch hier zuerst die Kirche, welche uner 
schrocken und glaubensstark bis in das Centrum des feindlichen 
Gebietes eindrang. Bis nach Cölln an der Spree sandte sie da 
mals bereits ihre das Kreuz predigenden Sendboten. 
Von dem undurchdringlichen Kanalgewirr des Spreewaldes an, 
dem gesicherten Schlupfwinkel der Sorben, zog sich bis Spandau 
eine starke Grenz- und Vertheidigungslinie zwischen den beiden 
kriegführenden Völkern. Anschließend an den Spreewald, erhoben 
sich an den Ufern der Rotte die Burgen: Wusterhausen, Mitten 
walde und Zoffen. Von hier begann das breite, morastige Gebiet 
der Ruthe bis Potsdam; von da bis Spandau bildete die Havel 
mit ihrem buchtenreichen, schilfumgürteten Seenbette eine für die
        
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