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Periodical volume 30. August 1884, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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feit in Einklang stand. Ein solcher Gedanke lag ihr zu fern, 
denn wäre er ihr gekommen, so mußte er bei einem Mädchen 
wie Elsbeth die Liebe ausschließen, welche sie für Severin 
empfand. 
Unter anderen Verhältnissen hätte sic jedenfalls ihrem 
Oheim gleich mitgetheilt, daß dieser Mann in Dienertracht, 
der heute Knechtdienst that, vor wenigen Wochen ihr und 
ihrem Vater auf ihrer Wanderung durch die Jungfernhaidc 
als Herr entgegengetreten war. 
Aber Severin hatte ihr Schweigen anempfohlen und sie 
schwieg. 
Der wackere Klaus verhandelte unterdessen ahnungslos 
mit dem scheinbaren Knechte des vermeintlichen Herrn aus 
Friesack. Er übergab ihm ein Packet mit wohlsvrtirtem 
Blumensamen, empfahl ihm ganz besondere Sorgfalt für den 
in feuchtes Moos wohlverpackten Enkzweig von dem Orangen 
baum und belud ihn endlich mit dem großen Pack Wurzel- 
sträucher, die den Garten der Frau von Bredow zieren sollten. 
Der vermeintliche Knecht Severins hörte Alles geduldig 
an, neigte nur einige Male den Kopf, als ob er sich die 
Berhaltungsbefehle des Schloßgärtncrs wohl merke, und ver 
ließ dann nach einsilbigem, kurzem Abschiede den Garten der 
kurfürstlichen Burg. 
Nach der Entfernung des fremden Knechts rieb sich Klaus 
stolz und vergnügt die Hände. Der Besuch des fremden Herrn 
aus Friesack war in seinem ruhigen, gleichmäßigen Leben ein 
Ereigniß gewesen. 
Immer wieder kam er im Laufe des Tages im Gespräch 
zu seiner Nichte darauf zurück. Er pries die Freundlichkeit 
und feine Sitte des jungen Herrn und sein Verständniß in 
der Gärtnerkunst, und schloß dann jedesmal: — 
„Bis nach Friesack ist der Ruf von uns gedrungen, das 
machen nur die fremdländischen Orangen! Ich werd' mein 
Lebtag an die Ehre dieses Besuches denken!" 
Elsbeth dachte auch daran, wenn auch in anderer Weise. 
Jeder ihrer Pulsschläge galt dem, dessen Namen alle ihre Ge 
danken unaufhörlich wiederholten: „Severin!" — 
(Fortsetzung folgt.) 
Die Einsegnung. 
(Hierzu das Bild auf Seite 693.) 
Ein Tag feierlichster Art ist für die Familie des kleinen Hand 
werkers aufgegangen, die in Glück und Frieden, wenn auch in 
bescheidensten Verhältnissen lebt: Der Einsegnungstag des 
Aeltesten. 
Wochenlang hat das bevorstehende Ereigniß den kleinen Kreis 
in Auftegung erhalten, seit Monaten hat Mutter gespart, damit 
es an nichts fehle, hat Vater sich hie und da einen kleinen Genuß 
versagt, um ein Geldstück zurücklegen zu können. Handelt es sich 
doch darum, den Einzusegnenden neu auszustatten von Kopf bis zu 
Fuß. Der schwarze Anzug, die Stiesel, die Wäsche, die Mütze, die 
Handschuhe, und selbst das Gesangbuch: Alles muß neu sein an diesem 
Tage. Wieviel Berathungen hochwichtigster Art sind hierzu nöthig, 
wieviel Gänge, um bloß Alles vorzubereiten und zu besorgen. 
Mutter kommt ganz aus dem Häuschen, denn auf ihr lastet der 
Haupttheil aller Besorgungen und sie befindet sich in beständiger 
Angst, sie könne etwas vergesien, es könne irgend einer der beschafften 
Gegenstände nicht „paffen" oder irgend ein anderes Unglück eintreten. 
Haltet das nur nicht für mütterliche, kleinliche Eitelkeit! Nein die 
beste, treueste Mutterliebe hat Theil an diesen Sorgen! Es handelt 
sich um den Ehrentag des Aeltesten, den Tag, den der Beginn 
eines hochwichtigen Lebensabschnittes für ihn bezeichnet, einen Tag, 
der eine angenehme Erinnerung für die ganze fernere Lebensdauer 
bilden soll. An solchem Tage darf nichts fehlen, darf kein Miß- 
ton und Aergerniß entstehen, welche die Festesfreude stören 
könnten 
Der festliche Tag ist herangekommen. Die Glocken rufen zur 
Kirche! Frühlingslüfte wehen und tausend Knospen treiben Baum 
und Strauch. Die Gemeinde rüstet sich zum Kirchengang. Eine 
Anzahl junger Menschen soll heut die Weihe für das Leben er 
halten. Die Knaben, die da vor den Altar treten, um mit Segen 
und Gebet gestärkt zu werden für den Lebensweg, haben sämmt 
lich schon einen Beruf gewählt und in wenigen Tagen werden sie 
sich ihm zu widmen beginnen. Sie nehmen ebenso wie die 
Mädchen, die mit ihnen eingesegnet werden, Abschied von der Kind 
heit, sie treten in das Leben ein. 
Schon seit frühester Morgenstunde ist man in dem Hause, 
dessen „Aeltester" heut „zu Gott gebracht" werden soll, auf und 
in regster Thätigkeit. Noch eine Menge kleinster Kleinlichkeiten 
hat Mutter zu besorgen, dann beginnt das große Geschäft des 
„Anziehens" des Tageshelden. Die ganze Familie nimmt an 
diesem feierlichen Akte Theil. Da wird der Rock noch zurecht 
gezogen, der Shlips in die richtige Lage gebracht, widerspenstige 
Haare in die Ordnung der Frisur verwiesen und endlich steht er 
fertig da, das Einsegnungssträußchen im Knopfloch. Ein Lächeln 
des Glücks fliegt über das Muttergesicht! Wie stattlich er aus 
sieht, ja beinahe vornehm! Der Stolz regt sich in ihrem Herzen, 
und wer wird ihr ihn übel deuten in dieser Stunde!? .. 
Dringender mahnen die Glocken zum Gange nach dem Gottes 
hause. Auf dem Kirchplatze versammeln sich die Festtheilnehmer 
; und Gemeindemitglieder. Feierlicher Ernst lagert heut auf den 
Gesichtern aller Erwachsenen. Sie gedenken des eigenen Einseg 
nungstages, der längst verstorbenen Angehörigen vielleicht, die sie 
damals zur Kirche gebracht. Sie begrüßen und beglückwünschen 
die Familien, deren Kinder heut vor dem Altar den Segen er 
halten sollen und diese Glückwünsche sind herzlich und ehrlich, 
! man tritt sich heut eben menschlich näher. 
Auch „unsere" Familie ist erschienen und der feierliche Augen 
blick tritt ein, den uns der Maler mit soviel Herz und Lebenstreue 
im Bilde festgehalten hat. Man trifft den alten Geschäftsfreund 
des Vaters, der zugleich der Pathe des „jungen Mannes" ist, 
und diesem wird er jetzt präsentirt. 
Wie das Gesicht der Mutter in Freude und Glück leuchtet, 
j Alle Schmerzen, die sie um dieses Kindes willen erduldet, alle 
Sorge und Kummer sie werden jetzt wett durch den Augenblick 
höchsten Mutterstolzes. Ernster sieht der Vater drein. Auch er 
ist wohl stolz darauf, in Ehren und Züchten seinen Sohn erzogen 
und so weit gebracht zu haben, seinen Aeltesten, der von heut 
ab beginnen soll ein Mann zu werden, aber er weiß es auch 
bester als Tausend Andere, wieviel Sorgen und Mühen, wieviel 
Plage und Arbeit denjenigen erwarten, der hinaustritt, um den 
Kamps mit dem Leben aufzunehmen. 
Wie selbstbewußt der Held des Tages dasteht. In seinem 
offenen, ehrlichen Gesicht spiegelt sich Freude und doch Feierlich 
keit. Wie könnte er auch sein Herz der Stimmung entziehen die 
er bei den Menschen sieht, die ihm werth und theuer sind, de- 
! nen er Liebe und Achtung schuldet. 
Und glaubt nur ja nicht, daß der Kleine an der Hand der 
Mutter theilnahmlos bei der ganzen Sache ist. Er hat zwar die 
günstige Gelegenheit geschickt benutzt, um eine Näscherei dafür zu 
erhalten, daß er sich recht artig betrage und ruhig verhalte, wenn 
i er aber auch nach Herzenslust knabbert, so empfindet er doch gleich-
        
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