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Periodical volume 27. October 1883, Nr. 5

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Albert konnte sehr bald die Bemerkung machen, daß kein 
Einziger der bürgerlichen Offiziere seines Regimentes unter den 
Tanzenden war, es mochte Manchem ähnlich ergangen sein, 
wie ihm, der Adel war selbst unter Friedrich II. bevorzugt 
worden und in den Friedensjahrcn hatte er sich fast aller ein 
flußreichen Stellen bemächtigt, der Hochmuth der vornehmen 
Familien angehörenden Offiziere hatte in Berlin unter Friedrich 
Wilhelm II. schon ausgeartet und das Regiment der Gens- 
darmcs war durch denselben geradezu berüchtigt. Albert hatte 
eine bittere Lehre erhalten, die ihn um so empfindlicher traf, 
als die Gunst des Prinzen, die Einladung deS Generals v. I. 
ihn geradezu aufgefordert hatten, sich Gertrud v. Wehlen zu 
nähern. 
Er sah ein, daß er thöricht gehandelt, seine bescheidene 
Haltung auszugeben, sein Gefühl war um so bitterer, als cs 
gerade Gertrud >var, die ihn in seine Schranken zurückgewiesen, 
er hielt sich fern von den Tanzenden und hatte nicht übel Lust, 
sich ganz zu entfernen, als ihn plötzlich der Prinz Louis Ferdinand 
anredete. 
Wärmn tanzen Sie nicht, fragte der Prinz, dessen Rahen 
Albert erst bemerkte, als er seine Schulter berührte und ihn 
ans seiner Träumerei aufschreckte. 
Ich habe von einer Dame einen Korb erhalten, versetzte 
Albert, die gleich darauf einem Gensdarmes einen Tanz be 
willigte. Ich mag mich keiner zweiten Zurücksetzung und Be 
lehrung aussetzen. 
Wer war die Dame? forschte der Prinz lind sein Auge 
sprühte finster. Der Prinz Lollis Ferdinand gehörte zu den 
wenigen Personell bei Hofe, welche sich offen gegen die Bevor 
zugung des Adels erklärten. 
Fräulein Gertrud v. Wehlen, antwortete Albert. 
Das Antlitz des Prinzen färbte sich drnlkelroth, er ftihlte, 
daß er ohne sein Wollen Schuld trage an der Beleidigung, 
die Albert erfahreil. Kommen Sic, befahl er in erregtem 
Tone und führte Albert zu seiner Schwester, der Prinzessin 
Lvllise Radziwill. Ich erbitte den llächsten Tanz für diesen 
jungen Mann von Dir, sagte er zur Prinzessin und flüsterte 
ihr einige Worte ins Ohr. 
Die Priilzessin lächelte zustimmend. Sic sprach einige 
sreluldliche Worte zu Albert, der wie ein Betäubter da stand, 
dcilil eine solche Ehre hätte er sich niemals träumen lassen 
und die Prinzessin eröffnete mit ihm den llächsten Tanz. Er 
ward nach Beendigung deffelbcn mit der Einladung, ihre 
Salons zu besuchen, entlasien. Alle Welt musterte ihn mit 
Neugierde oder mit Neid, sein Auge strahlte, er hatte die 
glänzendste Genugthuung erhalten. Jeder fragte im Saale nach 
seinem Namen und manche stolze Schöne, die ihn vorher kaum 
beachtet, hätte ihm jetzt gern einen Tanz angeboten, da er der 
Erwählte einer gefeierten Prinzessin gewesen. Aber er zog sich 
zurück, seine Brust war zum Ueberströmcn voll, er hatte gesehen 
wie brcilncilde Schamröthe Gertruds Wailgen bedeckt, als er 
die Prinzessin zum Tanze geführt. 
Da streifte ihll eine seidene Robe — er schaute auf und 
die dunklen Augen seiner Reisegefährtin im Postwagen lächelten 
ihn an. Hier finde ich also den schönen Herril wieder, sagte 
die Bicomteffe, anscheinend überrascht von der Begegnung, der 
mich so ungalant auf der Reise verlassen? 
(Fortsetzung folgt.) 
Eine Wanderung dnrch das HchenMern-Mustmn. 
Von Dr. ffirori) Jiorn. (Fortsetzung.) 
(Mit dein Portrait S. 65.) 
Zimmer König Z-ricdrich Wikkekuls I. 
Eine in ihrer Art seltene bronzefarbig' angestrichene Holzstatue 
in Lebensgröße giebt ein äußeres Bild dieses trotz seiner rauhen 
Strenge so volksthümlichcn, weil bedeutenden Königs. Die ganze 
Umgebung, die grüngcstrichenen Wände des Zimmers mit den 
weißen Ornamenten, der einfache Hausrath paßt zu dem Charakter- 
bilde des Monarchen, ohne den sein großer Sohn Friedrich II. 
nicht gedacht werden kann. Thätig, einfach und streng, sind Bei 
namen für die drei hervorragenden Eigenschaften seines Charakters. 
Bon seiner werkthätigen Beschäftigung zeugt die einen großen 
Raum des Zimmers einnehmende Drehbank mit vollständigem 
Werkzeuge. Sie war ein Geschenk des Czars Peter an den König. 
Des Königs unablässige Arbeit für Herstellung einer ebenso schönen 
wie seldtüchtigen Armee ist in den Soldatensiguren ausgedrückt, 
welche einen der zwei Glasschränke füllen. Bon den neun Fi- 
gurm in Pappe stellt die erste einen der Riesen seines Potsdamer 
Lieblingsregimentes dar. Die andern Figuren sollen Portrait- 
statuetten von Kommandeuren damaliger Regimenter sein. Bon 
der Einfachheit des Königs spricht seine Waschtoilctte, ein in 
rohen Sandstein gehauenes großes Waschbecken aus dem Schlosse 
von Cosfenblatt. Bekanntlich war der König von einer muster 
haften Reinlichkeit und bediente sich zum Waschen derartiger aus 
gehöhlter Steine. Ein altes Oelbild an der Wand zur Seite der 
Drehbank läßt uns einen Blick in das Tabaks-Collegium thun. 
Der König sitzt mit seinen Generalen auf bemalten hölzernen Arm 
stühlen mit hoher Sprossenrücklehne, welche er mit großer Bor 
liebe selbst anzufertigen pflegte, um einen langen Tisch von rohem 
Eichenholz. Auch an den Scitcnwänden sitzen Generale auf Drcb- 
stühlcn von Weißbuchcnholz mit offener ungestrichener Sprossen- 
lchne. Aus dem Tische stehen bunte Bicrkrüge mit Zinndcckeln. 
Die Beleuchtung wird durch trübbrcnnende Talglichter unterhalten, 
die bei dem Tabaksqualme, der aus den Pfeifen quillt, eine höchst 
schwierige Aufgabe zu erfüllen haben. Der Tisch, die Stühle, die 
Bierkrüge, die Tabakspfeifen, die man hier gemalt sicht, sind in 
Originalen vorhanden, letztere auf dem Tische ausgelegt, bis auf 
die zwei messingnen Kohlenbecken, an deren Inhalte die Pfeifen 
angezündet wurden. Die Tabakspfeifen liegen in Futteralen, von 
denen die meisten von Holz sind, einige von Leder, einige von 
Messing. Ein viereckiger Tisch von rohem Eichenholz mit gedrehten 
Füßen ruft uns jenes Beispiel äußerster Strenge zurück, welches 
der König an dem Freunde seines Sohnes, der diesem zur Flucht 
verholsen hatte, an dein Lieutenant von Kalte, statuirtc. An diesem 
Tische hatte er im Schlosse von Cossenblatt die letzte Confequenz 
seines Machtspruches erfüllt, das Todesurtheil für Kalte unter 
zeichnet. Auf dem Vorblatte zu dem Buche in braunem Lederein 
band: Iraitö sur la providence von G. Sherlock 1721, welches 
in einem Glaskasten ausgelegt ist, nahm der Verurtheilte in einer 
rührenden französischen Zuschrift Abschied von feinem Freunde, 
einem von Eickstädt. Der zweite der in dem Zimmer befindlichen 
Glaskästen enthält mannigfache Erinnerungsgegenstände an den 
König und seine Gemahlin Sophie Dorothea., Hier sehen wir 
einen seiner Degen, eine seiner Schärpen, einen Ringkragen von 
ihm. Eine seiner klügsten Regentenhandlungen ist verewigt in zwei 
sogenannten Schraubethalcrn, welche auf die Aufnahme der ver 
triebenen Salzburger in die preußischen Staaten geprägt worden 
sind. Von Miniaturbildern sehen wir das Portrait der Königin 
Sophie Dorothea und dasjenige des dem Könige befreundeten 
kaiserlichen Generalissimus, des Prinzen Eugen von Savoyen, unter 
welchem die preußischen Truppen so oft gefochten hatten. Ein po 
litischer Brief des Königs eigenhändig in französischer Sprache ge-
        
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