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Periodical volume 30. August 1884, Nr. 49

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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dem jetzt im weißen Blüthenschnee der Obstbäume köstlich 
prangenden, tiefgelegenen Schloßgarten nach dem Wall hin 
auf, der an dieser Stelle mit alten Lindenbäumen besetzt, den 
reichen Hinüberblick in die weite, lichthelle und sonnengrüne 
Landschaft und auf die Silberspiegel der sich hier vereinigen 
den Hauptflüsse der Mark, Spree und Havel, gewährte. 
Unter den jungbelaubten Linden stand eine alte Stein 
bank; ringsum bedeckten Tausende und Tausende von blühen 
den Veilchen den Wallrasen und mischten ihren köstlichen 
Wohlgeruch mit dem frischen Wald- und Wiesenduft, den 
ein leichter Luftzug über den Wasierspiegel der beiden Flüsse 
hierher trug. 
Das war der Ort, wo Elsbeth sich jetzt niedergelassen 
hatte, gewiß ein Plätzchen, das eine schwärmerische Seele mit 
jener süßen Schwermuth zu erfüllen vermag, von der man 
sagen könnte: Poesie der Natur erweckt die der Seele; es 
schwimmt das Herz in Thränen, während der Mund lächelt, 
ein Widerspruch, der stets eine holde Sehnsucht in sich 
schließt. Elsbeth wandte das Auge zum sonnigen Himmel, 
als ob sie dort oben etwas suchen wollte, das sie unbewußt 
in ihrer eigenen Brust trug, irdisches Glück, das die Ahnung 
des Himmels in sich schloß. 
Es war der erste Frühlingstraum eines unentweihten 
Mädchenherzens; Elsbeth liebte ihren unbekannten Retter, 
ohne sich über dies Gefühl klar zu sein. Für jetzt war es 
nur eine stille, beseligende Sehnsucht, aber wenn es getheilt 
wurde, konnte es zur glühenden, Alles mit sich fortreißenden 
Leidenschaft aufflammen. 
Alles hing von der zweiten Begegnung Elsbeths mit 
ihrem geheimnißvollen Reiter ab. 
„Run, kleine Träumerin," — klang es plötzlich in ihr i 
Ohr, — „an was denkst Du? Ich würde fürchten, daß banges 
Heimweh Dich die Spitzen der Marien- und Nikolaikirche 
Berlins über dem Tannenwalde am fernen Horizonte suchen 
läßt, wenn ich nicht ein gar freundliches Lächeln auf Deinem 
Gesicht belauscht hätte!" 
Elsbeth wandte sich erschreckt um; Oheim Klaus stand 
neben ihr. In der Verwirrung, sich belauscht zu sehen, 
stotterte sie einige unzusammenhängende und unverständliche 
Worte. Und wenn selbst ihr Leben in Gefahr und dadurch zu 
retten gewesen wäre, so hätte sie doch nimmermehr ihrem alten 
Verwandten gestehen können, an was oder richtiger gesagt an 
tuen sie so eben gedacht hatte. 
„Du brauchst nicht roth zu werden, mein Töchtcrchen," 
— lächelte der Alte gemüthlich, — „daß Du Dich bei mir 
zufrieden fühlst und Dein Vaterhaus nicht gar zu sehr ver 
missest; ich hoffe, es soll Dir bei dem alten Ohm mit jedem 
Tage mehr gefallen! Hat Ihre Durchlaucht die Frau Kur 
fürstin Dich doch auch schon bemerkt und durch ihre Dame, 
Fräulein von Rochow, sich nach Dir erkundigen lassen! Sie 
weiß jetzt, daß Du, wie sie einst selbst, um des Glaubens 
willen duldest und Heimath und Vaterhaus hast verlassen 
müssen! Wenn mich nicht Alles täuscht, wirst Du gar bald 
zu der hohen Frau aufs Schloß befohlen werden! Wen Gott 
lieb hat, den züchtigt Er, und Du wirst vielleicht gerade hier 
in Spandau was Rechtes!" 
Elsbeth hatte inzwischen ihre Fassung wieder gewonnen. 
„Ich wundere mich selbst/ — sagte sie freundlich und 
unbefangen, — „daß ich gar kein Heimweh nach Berlin < 
empfinde, und ich verließ es doch unter so viel Thränen! 
Aber ich habe mich schnell bei Euch zurecht gefunden, was 
auch leicht genug war, denn Schloß und Garten, Fluß und 
Wald sind hier bei Euch gar köstlich anzuschauen!" 
Der Alte nickte, er hörte gar zu gern sein liebes Span 
dau rühmen. 
Die Schelmin hatte schlau genug das Gespräch jetzt 
dahin gebracht, wo sie cs haben wollte, um ohne Aufsehen 
Näheres über das zu erkunden, was ihr für jetzt ausschließ 
lich am Herzen lag. 
„Sagt, Oheim," — fuhr sie fort, ohne hindern zu 
können, daß wieder ein verrätherisches Roth über ihre Wan 
gen flog, — „wessen Eigenthum ist jener schöne Wald?" 
Sie deutete auf die Waldungen, welche ostwärts lagen. 
„Kind," — belehrte sie der Alte mit Kopfschütteln, — 
„wie vermagst Du nur danach zu fragen! Es ist ja städtische 
Haide, das Eigenthum von Deiner Vaterstadt!" 
„Ich meine weiter, weiter, jenseits der städtischen Grenze!" 
Dabei zeigte sie nach dem Horizont, der von diesem 
Aussichtspunkt das Landschaftsbild nach Norden zu begrenzte. 
„Das ist die Jagdforst des Landesherrn!" — lautete 
die Antwort. 
„Umschließt sie denn kein Burggebiet eines Erbgesessenen!" 
Klaus schüttelte den Kopf. 
„Nur die Höhlen von Wolf und Fuchs, der Hirsche 
Lagerstätten, aber sonst nicht Burg noch Dorf!" 
„Ich habe doch gehört," — verfolgte Elsbeth hartnäckig 
ihren Plan, über Stand und Namen ihres Retters Näheres 
zu erfahren, — „daß in geringer Entfernung von der großen 
Heerstraße zwischen Berlin und Spandau ein schloßgesessener 
Ritter haust!" 
„Da bist Du schlecht berichtet," — fuhr ihr Oheim fort, 
— „Dein Vater befand sich mit Dir in gleichem Irrthum 
und meinte auch, es müsse ein Edelsitz hier in der Nähe 
liegen! Er glaubte, daß jener Mann, der Dich aus den 
Händen der wilden Rotte befreit, ein in der Gegend Ange 
sessener sei! Dem ist nicht so; es kann nicht sein," — setzte 
er lebhaft hinzu, — „ich kenne jeden Herrensitz und jeden 
Hof in unserem Kreise, aber Alle liegen westwärts unserer 
Stadt, im offenen Lande! Die Haide ostwärts ist auf viele 
Meilen von Menschen unbewohnt, halt," — unterbrach er 
sich selbst, — „daß ich keine Unwahrheit spreche, — nur der 
greise Pater Anselmus hallst seit vielen Jahreil in der Eiu- 
siedelei in der Jungfcrnhaide!" 
Elsbeth inachte univillkürlich eine abwehrende Bewegung; 
von einem einsiedlerischen Möilche sonnte hier nicht die Rede 
fein. Die Spur ihres Retters verlor sich immer mehr, das 
Geheimniß, welches ihn umgab, wurde immer undurch 
dringlicher. 
Am Abend dieses Tages, als die untersinkende Sonne 
das ferne Gewölk mit Purpur säumte, ben weiten Horizont 
mit dllftigem Violet überzog lind die hohen Bogenfenster der 
Burg Spandau vergoldete, fragte ein Fremder beim Kastellan 
ain Eingang des Schloßhofes nach dem Schloßgärtner. 
Der Kastellan wies den Fremden zurecht und dieser hatte 
den alten Klaus bald gefunden. 
Der Fremde stellte sich dem Schloßgärtner als einen 
Verwandten der edlen Freifrau von Bredow auf Schloß 
Friesack vor.
        
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