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Periodical volume 23. August 1884, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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von einer solchen Exekution schweigen. Am Uhrwerke des Belitzer 
Thurmes aber soll noch lange eine steinerne Kugel gehangen haben, 
welche damals in die Stadt hineingeworfen worden ist. Man hat 
seiner in dem Thurme am Mühlenthor zu Belitz Waffen und Ge 
beine in Menge gefunden, welche von den Schreckensscenen jenes 
Jahres 1478 zeugten. 
Die über Hans Kuck verhängte Strafe ist nun eine ganz 
außergewöhnliche. Sicher besaß der Söldnerführer die Mittel, sich 
zu lösen. Es müffen in der Art seiner Kriegführung oder in seiner 
Vergangenheit sich Momente gefunden haben, welche diese Strenge 
des sonst so milden Fürsten rechtfertigten. Wir fragen: „Wie hat 
Hans Kuck angefangen, der so geendet hat?" O. S. 
Miscellen. 
Vor einigen Wochen reproducirten wir einen Artikel aus dem Juli- 
heft von Blackwood's Edinburgh Magazine über Merlin und die Mer- 
kiner Gesellschaft. Jetzt liegt der Schluß des Aussatzes, der den Titel 
führt „Berlin in 1884", im Augustheft jener Tory-Zeitschrift vor, aus 
dem wir, einem Auszuge der „K. Z." folgend, Nachstehendes entnehmen. 
Zunächst wendet sich der Verfaffer zu der Person der Kaiserin 
Augusta, von der nicht gesagt werden könne, daß sie irgend einen Einfluß 
auf die Regierung in Deutschland habe, wie sie das auch nicht bean 
spruche. Sie sei umgeben von einem kleinen Kreise ergebener Freunde 
und Diener, mit welchen sie in den letzten Jahren ein stilles und fast 
zurückgezogenes Leben geführt habe. Die Kaiserin sei sehr liebenswürdig 
gegen Ausländer, die ihr vorgestellt werden, und habe jene Vorliebe für 
Fremde, welche bis zum Jahre 1871 ziemlich allgemein den Deutschen 
eigenthümlich war, aber nach und nach verschwunden sei, seit die Deut 
schen auf ihre eigene Nationalität stolz geworden. Aber die Gefühle 
der Kaiserin hätten anscheinend nicht diesen Wechsel mit denen ihres 
Volkes durchgemacht. Jedenfalls sei diese Vorliebe, wenn sie überhaupt 
eine Schwäche sei, wie manche behaupten, eine liebenswürdige, und 
Fremde hätten am wenigsten Ursache, darüber zu klagen. Die Kaiserin 
habe ein seltenes Unterscheidungsvermögen für den Werth von Männern 
und Frauen, sie sei immer ganz besonders glücklich gewesen in der Wahl 
ihrer Freunde und Diener, die ihr aufrichtig ergeben seien. Die Kai 
serin besitzt im höchste» Grade die angeborene Würde einer Fürstin, der 
man sich nie anders, als mit der tiefsten Ehrfurcht genähert habe. Sie 
habe ein ruhiges, wohlwollendes Gesicht und sei einst sehr schön gewesen. 
Sie in ihrem Empfangszimmer zu sehen, unfähig, fich ohne Hilfe zu be 
wegen, umgeben von ihren Damen und Herren vom Dienst, wenn Ju 
gend, Rang und Schönheit am Throne vorübergehen und sich beugen, 
»'ährend ihre Augen rings umherschauen mit einem traurigen, hilflosen 
Ausdruck — dies zu sehen und zu wissen, daß diese arme Kranke, der 
das Leben fortan nichts Anderes zu bieten vermag als Leiden, Augusta, 
die Kaiserin von Deutschland, die Königin von Preußen sei, das rufe 
manche philosophische Gedanken hervor, deren Verfolgung dem Leser über 
lassen bleibe. 
Alle Mitglieder der Hohenzollern'schen Familie seien in Berlin sehr 
geliebt, in erster Linie aber der Kronprinz und Prinz Wilhelm. Der Kron 
prinz habe nie den Anspruch erhoben, mehr zu sein als der letzte Unterthan, 
der ehrsurcht-vollste und folgsamste Sohn seines berühmten Vaters. Als 
er während der Krankheit des Kaisers an der Spitze der Regierung gestan 
den, habe er nach uralter Hohen,ollernscher Ueberlieferung auss Gewissen 
hafteste und Fleißigste seine Pflichten erfüllt, ohne daß weder in der 
inneren Verwaltung, noch in den auswärtige» Beziehungen der kleinste 
Wechsel in der Politik zu Tage getreten sei und sei dann in die verhält- 
nißmäßigc Einfachheit seines früheren Lebens zurückgetreten. Er sei ein 
Vorbild, das jeder Thronfolger befolgen sollte. In den Feldzügen habe 
er sich als guter General bewiesen, dem seine Soldaten unbedingt ver 
trauten und den seine Feinde fürchteten. Er selbst, der zweifellos per 
sönlichen Aluth besitzt, habe in empfehlenswerther Bescheidenheit nie ver 
sucht, sich in den Vordergrund zu stellen, aber es sei allgemein bekannt, 
daß, als er seine Truppen nach Königgrätz, Weißenburg, Wörth und Se 
dan gesührt habe, er in jeder Hinsicht der richtige Mann auf dem rich 
tigen'Flecke gewesen sei. Sein Leben sei rein wie das seines Vaters, er 
sei ein treuer Gatte, ein zärtlicher und besorgter Vater und habe gleich 
dem Kaiser einen strengen Sinn für Ordnung nnd Gerechtigkeit. Er lese 
viel, sei durchweg gut unterrichtet, aber am Meisten vertraut mit deut 
scher Geschichte. Die Kronprinzessin wäre das Muster einer Prinzessin. 
Ernst, huldreich und gütig, eine gute Gattin, eine ausgezeichnete und 
achtsame Mutter, eine wohlwollende Herrin, eine treue Freundin. Ihre 
gründliche Kenntniß verschiedener Zweige die Wissenschaft, Kunst und Li 
teratur sei geradezu überraschend und sei nur zum Theil zu erklären durch 
ihre ausgesprochene Vorliebe für den Verkehr mit ausgezeichneten Gelehrten 
und Künstlern. Sie spreche Englisch, Deutsch, Französisch und Italienisch 
so ausgezeichnet, daß es schwer halte, zu sagen, welche ihre Mutter 
sprache sei. 
Prinz Wilhelm sei eine in eigenthümlicher Weise sür sich gewinnende 
Erscheinung: heiter, muthig, mit offenem und ehrlichem Ausdruck, höflich, 
mit glänzenden, lachenden Augen, breiten Schultern, sei er das vollkom 
mene Bild eines jungen Soldaten. Seine Gattin sei in Berlin wenig 
bekannt, wer mit ihr genauer verkehre, sage, daß die groß« Güte, die aus 
ihrem liebenswürdigen, ruhigen, sympathischen Gesicht blicke, sie zu einer 
sehr liebenswürdigen und anmuthigen Dame mache. Sie führe ein ru 
higes und zurückgezogenes Leben, soweit das bei ihrer hohen Stellung 
und ihren großen zukünftigen Aussichten thunlich sei — aber Alle, die sie 
in ihrem Auftreten bei Hofe sehen, wo sie noch vor Kurzem vollständig 
fremd gewesen — nie verwirrt, nie in Unruhe, obwohl sie jung sei und 
nicht viel Hoserfahrung haben könne, mit einem liebenswürdigen, über 
legten und passenden Wort für Jedermann, den sie anrede — vertrauen, 
daß sie eines Tages als Kaiserin von Deutschland ihrem hohen Berufe 
gewachsen sein werde. Der Verfasser geht hierauf zur Geldaristokratie 
über, der er eine besondere Gastfreundschaft nachrühmt. Doch hätten 
alle diese Gesellschaften mehr einen kosmopolitischen Anstrich, in denen 
nur das wirkliche Abendessen eine größere Rolle spiele, als dies in 
Frankreich und England der Fall sei. Im übrigen trage die Gesellschaft 
in Berlin fast denselben Zug wie anderwärts, wenn auch das Deutsche 
sebstredend überwiege. Jedenfalls könne in ihr der nicht Deutsch sprechende 
Fremde leicht und mit Vergnügen verkehren, da die meisten gut erzoge 
nen Berliner mindestens mit einer fremden Sprache vertraut seien, und 
da viele sowohl Französisch wie Englisch fließend sprächen und in ihrer 
Unterhaltung eine hervorragend gute Kenntniß der englischen und fran 
zösischen Literatur an den Tag legten. Immerhin sei das Leben in Berlin 
nicht so vergnügungsreich wie in Paris, hauptsächlich deshalb, weil jene 
in Paris so reich vertretene Klaffe von reichen jungen Nichtsthuern, die 
nur ihre Zeit und ihr Geld auf der Jagd nach Vergnügen verzetteln, in 
Berlin kaum vertreten sei. Der reichste und hochgeborenste junge 
Deutsche der versuchen wollte, in Berlin ein Leben zu führen, wie es 
jahrelang ein französischer fils de familie straflos führe, würde schnell 
von allen achtungswerthen Leuten gemieden werden. Das Klubleben sei 
in Berlin noch sehr wenig entwickelt, in den vier größten, dem Verfaffer 
bekannten Klubs: dem Kasino, dem Unionklub, der Ressource und dem 
Berliner Klub, verkehren regelmäßig zusammen höchstens 150 Menschen, 
die dort essen und Karten oder Billard spielen, zum Theil zu recht hohen 
Sätzen, während die Lesezimmer verhältnißmäßig leer seien. 
Der englische Verfasser wendet sich sodann zum Fürsten Bismarck, 
dessen ganze Persönlichkeit ihm offenbar außerordentlich sympathisch ist. Es 
sei sehr schwer, den Fürsten in Berlin zu sehen. Er lebe in großer Zurück 
gezogenheit und verlasse den Palast nur, um zum Kaiser oder in’ß Par 
lament zu gehen. Der Fremde, der zufällig im Reichstage sei, wenn der 
Kanzler dort spreche, könne von besonderem Glück sagen; denn Niemand 
habe ihm eine Stunde vorher mittheilen können, ob der Fürst komme 
oder nicht. Das Aeußere des Fürsten sei ja durch die zahllosen Ab 
bildungen bekannt; kein Fremder aber solle versäumen, sich in der National- 
galerie das von Franz Lenbach, einem der ersten lebenden Maler, gemalte 
Bild anzusehen. Der Verfasser erinnert dann an den Spruch Carlyle's, 
daß unsere Zeit das Dasein von Heroen abstreite. Wer unsern Kritikern 
einen Heros zeige, werde von ihnen hören, daß er nur das Erzeugniß 
seiner Zeit sei, daß seine Zeit Alles und er Nichts gemacht habe. Auf 
richtige Bewunderung für den wahrhaft Großen betrachten sie als Mangel 
an Urtheil oder tadeln sie als auf Vortheil bedachte Schmeichelei. Diese 
letztere Art der Verurtheilung sei ganz besonders volksthümlich; denn 
wenn sie auch außerordentlich niedrig sei, so sei sie sehr bequem und 
habe den Vortheil, zu gleicher Zeit den verhaßten Bewunderer und den 
Gegenstand seiner Bewunderung zu verletzen. Um so mehr würden die 
höchsten Eigenschaften jener unfaßbaren, unbestimmbaren millionenköpfigen 
Einheit beigelegt, die man „das Volk" nenne. Da heiße es, „das große 
Volk, die edle Nation, die brave Nation!", und dann spreche mann ver 
achtungsvoll von ihrem „Bedrücker". Wenn man eine gewiffe Klaffe 
deutscher Politiker höre, so werde man erstaunt sein, zu lernen, daß es 
nicht Bismarck sei, der unter der Regierung König Wilhelm's von Hohen- 
zollern und mit der Hülfe von Moltke an der Spitze des deutschen 
Heeres Deutschland zu dem gemacht habe, was es ist, sondern daß die 
deutsche Nation Niemand als sich selbst zu danken habe, daß sie auf 
den Rang emporgestiegen, den sie jetzt einnehme. Der Verfaffer bekämpft 
diese Ansicht auf's Entschiedenste; wenn man sage, das deutsche Volk 
habe das neue deutsche Kaiserreich gegründet, so könne man eben so gut 
sagen, es habe dm Faust oder Wallenstein geschrieben und die Bibel 
übersetzt, oder das Englische Volk habe das Gesetz der Schwerkraft ent 
deckt, oder Jtalim habe die Bilder Rafael's und Tizian's gemalt. Das 
Wachsen der Tagespresse während der letzten fünfundzwanzig Jahre und 
ihr Einfluß auf die Telegraphie und Stenographie haben zum Ergebniß, 
daß das öffentliche Lebm hervorragender Männer, all' ihre Reden und 
Handlungm in den Zeitungm wie in einem Spiegel und von jedem denk 
baren Gesichtspunkte aus wiedergespiegelt würden. So lebe Fürst Bis 
marck in einem Glashause. Wmn er ein Pfund Fleisch verliere, wenn 
er seinen Bart wachsen lasse oder abrasire, wenn er im Thiergarten reite 
oder nach Friedrichsruh fahre, wenn er einm Fremden empfange oder 
einen Brief schreibt, so werde sofort das Publikum unterrichtet. Es
        
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