Path:
Periodical volume 23. August 1884, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 10.1884

683 
Musterhast war sein eheliches Leben init der Markgräfin 
Katharina, einer geborenen Prinzeß von Braunschweig - Lüneburg, 
gewesen. Die edle Welfin war die treue Theilnehmerin seiner 
hausväterlichen Sorgen, eine deutsche Hausfrau im edelsten Sinne 
des Wortes, Helferin der Armen und Kranken, selbstthätig mitten 
unter ihren Mägden in Feld- und Gartenarbeit, schlicht und 
fromm. Wie manche Hütte der Armuth hat sie aufgesucht in der 
Neumark, wie manches Kind gekleidet, wie manchem verlassenen 
Kranken die Arzenei gereicht und ihn bedient mit eigener Hand. 
Mit Cüstrin zugleich ehrt Züllichau, ihr liebes Neudamm, nament 
lich aber ihr Wittwensitz Crossen das Andenken dieser Samariterin 
in Purpur. Die Ehe des fürstlichen Paares war nur mit zwei 
Töchtern gesegnet gewesen; die jüngere derselben ist die spätere Kur 
sürstin Katharina, die Gemahlin Joachim Friedrichs. Sie schmückte 
den Thron der Hohenzollern noch einmal mit allen Tugenden der 
Mutter; Berlin-Kölln dankt ihr die Schloßapotheke, in deren 
Stiftungsbrief gleichwie in den der gleichnamigen Officin zu 
Cüstrin ausdrücklich die Verpflichtung aufgenommen ist, daß Armen 
die Medizin unentgeltlich gereicht werden müsse. Der Molkenmarkt 
trägt seinen Namen bekanntlich anstatt des früheren „alter Markt" 
seit jenen Tagen, in welchen Kurfürstin Katharina die Produkte 
ihrer Meiereien auf ihm verkaufen ließ. 
An den Glanz der Namen Hans und Markgräfin Käthe ist 
die Bedeutsamkeit des alten Cüstrin gebunden. Es hält jetzt schwer 
in der modernen Stadt, sich das Leben jener lang' entschwundenen 
Epoche zu vergegenwärtigen; — indeß, — versuchen wir» einmal. 
Einen anderen poesievolleren Anblick als jetzt bot freilich das Schloß 
damals mit seiner trutzigen Wehr von vier runden Eckthürmen, den 
mannigfach geschmückten Erkern aus dem kupfernen Dache, den mit 
reicher Bildnerei verzierten Portalen, einen andern die Kirche; eine 
Hallenkirche spätgothischen Styls mit dem prächtigen Altare, von 
welchem wir 1880 nur formlose Marmorbruchstücke mit den Spuren 
einstiger Vergoldung in den verschütteten Grüften antrafen. Höher 
erhob sich ihr Thurm und vom Schlosse führte ein verdeckter Gang 
gradezu auf den fürstlichen Chor. Anders blickten die Häuser von 
Cüstrin damals dem Fremden entgegen, finstere mittelalterliche 
Giebelbauten in engen Straßen, nur der Markt schon damals weit 
und luftig, Küchengärten dazwischen und vor dem Schlosse selbst 
ein Turnierplatz, welcher freilich selten genug gebraucht wurde. 
Die Linden des Rennplatzes bezeichnen ihn noch heut. Nicht aber 
dürfen wir das Schloß zu Cüstrin mit fürstlicher Pracht uns erfüllt 
denken; nur, wenn fremde Potentaten kamen und gingen, wurde 
auch hier „fürstlich schlampampt", ging auch hier „Etzliches fürstlich 
d'rauf." Ernste Gestalten verkehren in Schloß und Halle. Wo 
der Wahlspruch: „In selsutio et spe fortitudo mea“ herrscht, da 
regt sich keine laute Fröhlichkeit. Streng war die Ordnung des 
Tagewerkes für jeden Einzelnen bestimmt, wie der Fürst sie selber 
unabänderlich sich vorgezeichnet hatte. Der ganze Vormittag vom 
Frühgottesdienste bis zur Mittagstafel war der ernsten Arbeit an 
dm Landesangelegenheiten gewidmet. Nachmittags folgte wohl ein 
Ausgang; die fortschreitenden Baulichkeiten in Stadt und Festung 
wurden inspizirt, vielleicht auch ein Hirschlein oder ein Reh ge 
jagt in der Umgebung der Stadt, bei den Schönebecks in Tamsel, 
den Burgsdorfs im Oderbruche, den Marwitzen und denen von der 
Kuhmeise oben auf der neumärkischen Höhe. Gern ward der Abend, 
die Zeit nach dem schon sehr früh, etwa um 5 Uhr, eingenommenen 
letzten Imbisse, der Unterhaltung mit gelehrten Herrm, welche sich 
in Cüstrin aufhielten, oder mit weitgereisten Fremden geweiht, 
welche sich hatten ansagen lasten. Dann folgte Wohl eine Partie 
im Brettspiel. Markgraf Hans spielte um Geld; es dünkte ihm 
indessen doch zu unfürstlich, seinen Hosbediensteten ihren sauer er 
worbenen Lohn abzunehmen; deshalb traf er die Auskunft, daß er 
seinen Partnern, zum Beispiele dem wälschen Doktor Guarino, ein 
jährliches Spielgeld aussetzte. Die regste Theilnahme brachte der 
sorgsame Herr in Sonderheit den Angelegenheiten der Kirche und 
Schule entgegen; fortwährend verkehrte er mit den Pastoren und 
den Schulkollegen zu Cüstrin. Seine Vermächtnisse an die geist 
lichen und Unterrichts-Institute der Stadt bestehen noch heute in 
Segen fort. Fürsorgliche Erwägungen des allgemeinen Besten 
schlossen endlich das Tagewerk, wie sie dasselbe eingeleitet hatten. 
Noch lange aber, nachdem die Nacht Stadt und Veste Cüstrin in 
tiefen Schlaf gewiegt hatte, schimmerte von dem höchsten der 
Schloßthürme Licht auf dem dunkeln Spiegel der Oder hinaus; 
der Fürst saß mit seinen Hofastrologen bei der Berechnung der 
kommenden Ereignisse und betrachtete mit höchster Aufmerksamkeit 
die siderischen Verbindungen da droben am klaren Nachthimmel. 
Und die Stadt Cüstrin selbst um jene Zeit? Wir haben sie 
uns nur als ein Anhängsel des Hofes zu denken, als einen stillen, 
gottesfürchtigen, durch den Fleiß seiner Bewohner ausgezeichneten 
Ort. Markgraf Hans sah mit scharfem Auge in die Häuser von 
Cüstrin; er wußte, wie's in einem jeden derselben mit dem ehe 
lichen Frieden bestellt war, wußte's auch ohne Zweifel, wie lange 
seine ehrbarm und getreuen Rathsherren am Tage vorher auf der 
Bierbank gesessen hatten. Die Kleider-Ordnung sowie die Polizei- 
Vorschriften wurden, wie bereits erwähnt, auf's Strengste gehand- 
habt, und wenn wir das Bild der damaligen Stadt uns vergegen 
wärtigen, wir dürfen auch die Figur des Bürgers nicht vergesien, 
der unbeschadet seiner Ergebenheit gegen das Kurfürstliche Haus 
seufzte und stöhnte über den gnädigen Herrn und ihn trotz aller 
kurbrandenburgischen Loyalität dahin wünschte, wo der Pfeffer 
wächst. ^ - 
So stand's im alten Cüstrin. Auf Nimmerwiederkehrm sind 
die Tage der markgräflichen Residenz dahingeschwunden; auch 
Markgraf Hans würde heut seine geliebte Oderveste nicht mehr 
wiederkennen. Dennoch, so himmelweit die alte und die neue 
Zeit auseinanderliegen: in einem Punkte berührt sich das Cüstrin 
des Markgrafen Hans mit der modernen, von buntem militärischen 
Leben durchwogten Stadt; in beiden war und ist Eins das 
Höchste, dem alle Kräfte geweiht werden: es ist die Arbeit für 
das Vaterland! 
Der erste brandenburgische General -Kriegs -Gonnnis- 
farius Glaus Ernst von Platen. 
Wir treten heut in die Vorhalle der mit so überaus interes 
santen Denkmälern der vaterländischen Geschichte reich geschmückten 
Berliner St. Marienkirche ein. Nicht aber der berühmte „Todten- 
tanz" drüben oder die weißübertünchten Grabsteine des hochver 
dienten Steinbrecher'schen Geschlechtes sind es, welche uns heut 
beschäftigen sollen. Nein, wir steigen die Treppenwange der 
Thurmhalle zur Rechten hinauf, und sehen nun, auf dem ersten 
Podest stehend, ein prächtiges Grabmal vor uns. Ein wunder 
volles, in Schmiedeeisen gearbeitetes, zum Theil stark ver 
goldetes Gitter schließt das in einer sogenannten „Trophäe" 
bestehende Monument gegen die Thurmhalle ab; diese köstliche 
Eisenarbeit aber gehört ursprünglich nicht hierher; sie war einst ein 
Bestandtheil des berühmten Feldmarschall Sparr'fchen Monumentes 
in dem Chore dieses Gotteshauses. Erst in diesem Jahrhunderte 
ist dies prächtige Werk der Schlosserei hierher versetzt worden. 
Die hinter demselben an der Wand befestigte reiche sehr glänzende 
Trophäe ist zwar bereits etwas wurmstichig geworden, aber den 
noch in allen Theilen noch leicht erkennbar; — gewiß wäre sie 
mit unbedeutenden Kosten zu repariren! Auf meinen Antrieb ist 
ein ähnliches Werk in der Kirche des altberühmten märkischen Edel 
sitzes Tamsel aufs Glücklichste wiederhergestellt worden.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.