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Periodical volume 23. August 1884, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Kreuze in geheimnißvollcr Verbindung stehendes zweites Wahr 
zeichen zu sein, denn unmittelbar hinter dem Graben begann 
ein ganz schmaler, kaum sichtbarer Fußsteig, auf dem beide 
Gefährten weitergingen und dann in dem gehcimnißvollen 
Walddunkel verschwanden, wie sie gchcimnißvoll aus de>nselben 
zu Elsbeths Rettung erschienen waren. 
(Fortsetzung folgt.) 
Cüstrin. 
Neues und Altes aus der BrandenburgischenOderveste. 
Von (flssint SisuvrfieL 
Wer seit zehn Jahren nicht mehr in Cüstrin gewesen ist, er 
kennt die Stadt nicht mehr wieder! Oft hat der Verfasser der 
nachstehenden Zeilen in der letzten Zeit diesen Ausspruch gehört. 
In einer, freilich ein klein wenig hyperbolischen Weise fassen diese 
Worte die weit- und tiefgehenden Veränderungen zusammen, welche 
seit einem Dezennium über die ehrwürdige Festung an Warthe 
und Oder dahingegangen sind. Wie ein Bad verjüngenden Thaus 
ist's gekommen über die alte, in kriegerischer Rüstung thronende 
Stadt am Zusammenflüsse der beiden mächtigen Ströme; und diese 
Thatsache rechtfertigt es wohl, daß wir in diesen Blättern heut 
einmal einen Blick werfen zuerst auf das neue Cüstrin! 
Gleich nach Beendigung des französischen Krieges war die 
Errichtung großartiger militärischer Etablissements zu Cüstrin ins 
Auge gefaßt worden. Ein nicht allein innerlich auf's Vorzüglichste 
eingerichtetes, sondern auch äußerlich durch die graziöse Einfachheit 
seiner Faz-aden ausgezeichnetes Garnison-Lazarath an der Straße 
nach dem nahen Dorfe Warmick entstand zuerst. Ihm folgte die 
gewaltige Kaserne für das gesammte 48. Regiment, dessen Füsilier- 
Bataillon nicht ohne Bedauern aus der ländlichen Abgeschiedenheit 
der alten Stadt Soldin nach Cüstrin übersiedelte. Roch steht die 
Anlage detachirter Forts der Festung in Aussicht. Innerhalb der 
Mauern Cüstrins selbst aber schuf sich die Militär-Baubehörde, welche 
so umfangreiche Arbeiten zu erledigen hatte, ein kleines Palais, 
indem ein Bürgerhaus auf's Vortrefflichste und Gediegenste zum 
Amts- und Wohngebäude für den Ingenieur-Offizier vom Platze 
umgeschaffen ward. 
Im Wettstreite mit dm militärischen Anlagen erhoben sich 
ierner großartige Kommunikationsbauten. Für die Breslau-Schwcid- 
nitz-Freiburger Eisenbahn, deren Station Cüstrin geworden war, 
ward in den edelsten Formen italienischer Spätrenaissance ein 
Bahnhofsetablißement aufgeführt, welches, am Kreuzungspunktc 
des genannten Schienenweges mit der Ostbahn belegen, durch seine 
wahrhaft schmuckkästchenähnliche Ausstattung eine hohe Zierde der 
sogenannten „kurzen Vorstadt" Cüstrins wurde. Ihm folgte die 
Bollendung einer großartigen massiven Brückenanlage, welche die 
^tadt mit dieser ihrer kräftig emporblühenden Vorstadt am nörd 
lichen Ufer der Warthe verbindet. Fast vollendet steht auch die 
gleichfalls massive Oderbrücke mit ihren gewaltigen Spannungen 
hoch über dem Strome da, an Schönheit der Warthebrücke freilich 
nachstehend, weil bei ihr die tragenden Bogen über den Kronen 
der granitenen Pfeiler angebracht wurdm. Emsig ist seitdem an 
der Herstellung des dritten, von Cüstrin ausgehenden Schienen- 
weges Cüstrin-Stargard gearbeitet worden. 
Natürlich hoben mit der Ausführung so umfangreicher Bauten 
die gewerblichen Verhältniße der Stadt sich in ungeahnter Weise, 
zumal da auch industrielle Schöpfungen von hoher Bedeutung zu 
Stande kamen. Man hatte vor dem Kriege in Cüstrin gar wenig 
von Fabriken gewußt. Nach demselben errichtete der rheinische 
Industrielle Wahl in der kurzm Vorstadt auf dm Ländereien einer 
lang' eingegangenen Maulbeer-Plantage seine große „Norddeutsche 
Kartoffel-Stärkefabrik," eine der bedeutendsten Anlagen ihrer Art 
in Deutschland; Maschinen-, Dachpappen-, Glasur- re. Fabriken 
sammelten sich schnell um die hochragenden Essen des umfangreichen 
Wahl'schen Etablissements. 
Ein überraschendes Anwachsen der Bevölkerung und der bür 
gerlichen Baulichkeiten in der kurzm Vorstadt war die nächste Folge 
dieser soliden und segensreichen „Gründungen" in der kurzen Vor 
stadt von Cüstrin. Wo ftüher in ärmlicher Wohnung nur der 
Tagelöhner gehaust hatte, erhoben sich jetzt freundliche Häuser für 
die Arbeiter, welche in der großen Wahl'schen Fabrik mehr finden 
sollten als blos das tägliche Brod: freundliche und gütige Für 
sorge in jeder Noth ihres mühevollen Daseins. Der musterhaften 
Verwaltung jenes industriellen Etablissemmts vor Allem ist es zu 
danken, wenn die großen sittlichen Schäden, welche sonst so leicht 
in einer hauptsächlich aus Arbeitern bestehenden Bevölkerung zu 
Tage zu treten pflege», die Bewohnerschaft der kurzen Vorstadt 
nur in geringem Maße infizirt haben. Läßt sich auch Rohheit im 
Einzelnen nicht ableugnen, der Geist der Gesammtheit ist ein vor 
trefflicher geblieben. 
Von dm großen Veränderungen, welche in der Vorstadt Platz 
griffen, konnte die innere Stadt nicht unberührt bleiben. Wie 
außerhalb der Festungsmauern erstanden auch innerhalb derselben 
neue, großartige Bauten in Menge, oder die alten Häuser legten 
wenigstens ein neues Gewand an. Viele derselben tragen an den 
Fayaden noch jenen geschnörkelten Roccocoputz an sich, wie er um's 
Jahr 1759 nach dem Bombardement der Stadt durch die Rußen 
an bürgerlichen Bauten angebracht zu werden Pflegte. Verjüngt 
hat sich auch das Rathhaus der Stadt mit seiner nicht unüblen 
palaisähnlichen Fapade, verjüngt auch das ihm gegenüberliegende 
älteste Haus Cüstrins, deffm Grundmauern bis in's 16. Jahr 
hundert zurückgehen und über dessen Thür noch das bunte Wappen 
schild des Schneidermeisters Thomas von Runge sichtbar ist. Die 
letzten Jahre beschenkten die innere Stadt endlich auch mit einem 
Trottoire, und im Sommer 1881 konnte — spät freilich, aber doch 
unter herzlicher Begeisterung der von militärischen Jntereßm so 
mannigfach in Mitleidenschaft gezogenen Einwohnerschaft, — das 
einfach schöne Kriegerdenkmal auf dem Markte aufgerichtet werden. 
Ueber dem frisch pulsirmden Leben der Neuzeit ist das „alte 
Cüstrin" mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Nicht zum 
Günstigsten haben sich die Lebmsgewohnhciten und die geselligen 
Verhältnisse der Stadt geändert. Fast völlig geschwundm ist in 
Folge der Verstärkung des militärischen Theiles der Einwohnerschaft 
jenes nahe und freundliche, in seiner Art patriarchaliche Verhältniß, 
in welchem früher Militär und Civil zu einander standen und in 
dem die eine Klasse der Bevölkerung warmm Antheil an den 
Schicksalen der andern nahm. Mehr und mehr vollzieht sich eine 
völlige Scheidung der beiden Bevölkerungsklassen auch in geselliger 
Beziehung, — wie überall, zu beiderseitigem Nachtheile. 
Verschwunden das alte lebensfrohe, gesellige Cüstrin! Das ist 
eine Wahrheit, welche jedem Besucher der Stadt sich aufdrängt. Ein 
gut Theil alter, gemüthlicher Lebcnsgepflogenheiten hat mit in den 
Kauf gegeben werden müßen, um die Vortheile und Verbesserungen 
der Neuzeit zu erkaufen. Alles ist weiter, luftiger, Heller, moderner, 
aber darum nicht anheimelnder geworden. Der frühere freundliche 
Verkehr ist selbst aus den Vergnügungslokalen der Stadt geschwunden. 
Mehr und mehr hört selbst der allgewohnte Spaziergang der Bürger 
zur erquickenden „Weißen" nach den ländlich stillen Gartenlokalen 
der Kufbrückenvorstadt auf; man bevorzugt dem gegenüber die 
manchmal recht zweifelhafte Komödie in dem sonst trefflich einge 
richteten Aßmyschen Gesellschastshause der kurzen Vorstadt. Zer 
sprengt ist die ehemalige, aus Militär und Civil gemischte Casino- 
gesellschafl, verschwunden der Humor aus den alten und angesehenen, 
mittelalterlichen Trinkstuben nicht unähnlichen Bier- und Wein- 
Lokalen der Stadt. Denn klein und unscheinbar, — Hinterstübchen
        
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