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Periodical volume 23. August 1884, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Die Unterhaltung auf diesem Wege war hauptsächlich 
von Martin geführt worden, nur der jüngere Fremde hatte 
ab und zu ein Wort der Erwiderung oder eine kurze Frage 
gehabt, während sein Gefährte lind Elsbeth schweigend nebenher 
geschritten waren. 
„Wollt Ihr mir nicht Euren Namen sagen, edler Herr," 
— bat Martin, als das Wallthor Spandaus nur noch wenige 
hundert Schritt entfernt vor ihnen lag. — „damit wir doch 
wissen, wem wir die Rettung meiner Tochter zu verdanken 
haben!" 
„Und daß ich Euren Flamen allabendlich in mein Gebet 
einschließen kann!" — fügte Elsbeth hinzu; es waren die 
ersten Worte, welche sie seit ihrer Begegnung im Walde an 
ihren Retter richtete. 
„Auch ich werde für Euch beten!" — erwiderte der junge 
Fremde, ohne auf Martins Frage nach seinem Namen direkt 
zr> antworten — „der Himmel mag " 
„Ihr vergeht Herr," — fiel ihm sein bisher so schweigsam 
gewesener Gefährte jetzt plötzlich und mit einer gewifien Schärfe 
in die Rede, — „daß wir uns durch die Begleitung dieser 
ehrsamen Leute schon sehr verspätet haben; man erwartet uns 
gewiß längst zu Hause!" 
Dabei war er stehen geblieben; die anderen folgten seinem 
Beispiel, auch der große Wolfshund, welcher seine Tatzen immer 
genau in die Fußspuren des älteren Fremden gesetzt hatte, 
stand still. 
ES mußte Abschied genommen werden, und dieser Abschied 
war schnell und kurz. 
Der junge Mann war, sowie sein Gefährte ihn an die 
Heimkehr gemahnt hatte, plötzlich noch wortkarger als bisher 
geworden und schien jetzt mit letzterem die Rolle gewechselt zu 
haben, denn dieser andere richtete mit plötzlich herausgekehrtem 
Hochmuth einige wenige Abschiedsworte an Martin Straube, 
legte seinen Arm in den seines jungen Begleiters, drehte den 
selben um und zog ihn mit sich fort, wieder in den Wald 
hinein, der sich von dieser Seite fast bis an den Wall der 
Stadt erstreckte, an besten Saum der kurze Abschied zwischen 
Martin und Elsbeth und den beiden Fremden stattgefunden 
hatte. 
Martin blickte den Fremden überrascht nach; er war von 
ihrem letzten Gebühren ganz verwirrt, um so mehr dasselbe 
gegen ihr vorheriges Betragen und ihre Bereitwilligkeit, ihn 
und seine Tochter sicher zu geleiten, in scharfem Widersprüche 
stand. 
„Wie stolz sind doch diese Edelleute," — sagte er, nach 
dem er sich von seiner ersten Ueberraschung etwas erholt 
hatte, — „Wolf bleibt immer Wolf! Sie halten uns zu schlecht, 
um uns nur ihre Namen zu nennen!" — 
Elsbeth erwiderte nichts; der junge Frernde hatte ihr 
zwar keirr besonderes Abschiedswort gegönnt, aber sein letzter 
Blick hatte sic getroffen und nach diesem Blicke war sie über 
zeugt, daß er sie zu finden wissen und sie ihn wiedersehen 
würde. Ein jurrges Mädchen glaubt rrnd erhofft so leicht 
das, rvas sie wünscht. 
Schweigerrd folgte sie ihrem Vater durch das düstere 
Thor, besten schwere, eisenbeschlagene Flügel bei Annäherung 
der beiderr Wanderer durch den Thorwart geöffnet worden 
waren- Als Vater und Tochter in das dunkle Gewölbe, 
welches unter dem Walle in die Stadt führte, eintraten, blieb 
Elsbeth zögernd einen Schritt zurück und wandte den Kopf. 
Die beiden Fremden, gefolgt von ihrem Hunde, waren noch 
zwischen den Bäumen des Waldes sichtbar, aber keiner von 
ihnen sah sich nach ihr um. 
Die Ketten der niederfallenden Zugbrücke rasselten, die 
Thorsiügel schoben sich mit dumpfem Gepolter wieder zu 
sammen; Martin und Elsbeth waren in der Residenz der 
Kurfürstin Elisabeth. — 
Die beiden Fremden hatten inzwischen das Dickicht des 
Waldes wieder erreicht. 
Als sie eine Strecke auf der großen Heerstraße zurück 
gelegt hatten, sah sich der Aeltere von beiden um; da er nichts 
Verdächtiges, nur ringsum tiefste Waldeinsamkeit bemerkte, 
ineinte er mit zufriedenem Lächeln: „Wir haben Glück ge 
habt; kein Wort von der Rede des Alten ist mir verloren 
gegangen, ich bin jetzt über vieles rascher und genauer unter- 
richtet worden, als ich es sonst hoffen konnte." 
Sein jugendlicher Gefährte erwiderte hierauf nichts; sein 
bleiches Gesicht hatte einen so düsteren Ausdruck bekommen, 
daß es dadurch entstellt und beinahe abschreckend erschien. 
„Du wirst mit Feuer zu spielen haben!" — fuhr der 
andere fort. 
Der junge Mann hatte auch hierauf keine Antwort, nur 
ein leiser Seufzer entrang sich seinen Lippen. 
„Hast Du Furcht?" — fragte der Aeltere, indem er 
seinen Schritt hemmte und einen prüfenden Blick auf den 
jungen Mann an seiner Seite richtete. 
„Furcht?" — rief dieser, welcher auch stehen geblieben 
war, jetzt mit flammenden Augen, als ob diese Voraussetzung 
ihn beleidige, — „ich kenne keine Furcht, aber ich fange an 
zu ahnen, daß ich schwerere Kämpfe zu überstehen haben 
werde, als ich bis jetzt für möglich hielt!" 
„Nun, ich bin an Deiner Seite!" — entgegnete der 
andere und zwar mit großem geistigen Uebergcwicht, das nicht 
nur durch sein reiferes Alter, sondern jedenfalls noch durch 
eine geheime andere Triebfeder bedingt wurde, — „und was 
die Hauptsache ist, wir sind heute unserem Ziele einen bedeu 
tenden Schritt näher gekommen!" — 
Lautlos, jeder in seine Gedanken versunken, schritten 
beide die Landstraße hinab, bis sie jene Gegend erreichten, in 
welcher sie vorher mit Martin Straube und dessen Tochter 
zusammengetroffen waren. 
Schon zu wiederholten. Malen hatte der Aeltere der 
beiden die Umgebung der Landstraße gemustert; jetzt legte er 
plötzlich seine Hand auf den Arm des jungen Mannes und 
wies dann seitwärts. 
Links vom Wege war an dem Stamm einer Tanne in 
ungefähr doppelter Manneshöhe ein aus zwei Tanneirzweigen 
gebildetes Kreuz befestigt. Ein unbefangener Wanderer konnte 
es nicht bemerken, da es wie eine ganz natürliche Zweig 
bildung erschien und doch war dies Kreuz für den Einge 
weihten ein bestimmtes Zeichen. 
Als der junge Mann auf den stununen Hinweis seines 
Gefährten das Kreuz erblickte, verließ er mit diesem die große 
Heerstraße. Beide schlugen jetzt die Richtung durch die Büsche 
waldwärts ein und kamen an den Graben, in welcheni vor 
einigen Stunden Elsbeth sich vor ihren Verfolgern zu ver 
bergen gesucht hatte. 
Dieser Graben schien ein mit dem aus Zweigen gebildeten
        
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