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Periodical volume 27. October 1883, Nr. 5

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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anregen, hätten die Verhältnisse nicht leider Gottes eine Ge 
staltung angenommen, die Ihre Mutter niemals vorhersehen 
konnte. Als sie starb, war Preußen eine gefürchtete Groß- 
niacht — heute darf es der korsische Abenteurer wagen, mit 
uns zu spielen, als hätte es nie ein Heer Friedrich des Großen 
gegeben, man scheut sich bei Hofe den Gewaltigen zu erzürnen, 
man fürchtet, er könne uns den Krieg erklären, die Herren 
Franzosen gcbcrden sich schon wie Herren von Berlin. Unter 
solchen Umständen könnte Jemand, der von Ihrer Existenz 
nichts weiß, die Pflichten und Rechte, die Ihnen zustehen, für 
sich in Anspruch nehmen und einen Prozeß beginnen, der es 
Ihnen unmöglich macht, wenn Sie volljährig geworden, nach 
den Wünschen Ihrer Mutter oder nach eigenem Ermessen die 
Angelegenheit zu behandeln. Wenn ich Ihnen nun sage, daß 
Sic mit einer französischen Adelsfamilie Alibert verwandt sind 
und daß diese Familie gegen die Baronin Wehlen einen Prozeß 
anstrengen könnte, der die Ehre des Namens der Baronin und das 
Vermögen ihrer Kinder bedroht, so werden Sie verstehen, weshalb 
ich Sie in das Haus des General v. I. geschickt. Ich wünschte, 
daß Sie die Personen kennen lernen, mit denen Sie gar bald 
in feindselige Verwicklungen kommen könnten, Sic sind jetzt 
in der Lage sich zu entscheiden, ob Ihnen eine erbitterte Feind 
schaft später willkommen. 
Nein, rief Georg, tief erschüttert von dein, was er gehört 
und bewegt von Gefühlen der Dankbarkeit gegen den Prinzen, 
da er jetzt einsah, in welch edler und wohlmeinender Absicht 
derselbe ihn geleitet. Nein, rief er nochmals, das werde ich 
niemals wollen, ich werde der stolzen Dame beweisen, daß sic 
mich eben so wenig zu fürchten hat, wie sie ein Recht hat, 
mich zu verachten. 
Wie sollte sie das? Sind Sic ihr etwa schon früher be 
gegnet? Sie sprechen, als ob Sie die Baronin kennen? 
Georg berichtete, wie er die Baronin kennen gelernt. Der 
Prinz blickte ihm scharf ins Auge und lächelte eigen. 
Wiesel will den Propheten spielen, sagte er, aber ich sehe 
ihm in die Karten. Er wußte, daß Sie die Baronessen gesehen 
und hat mir nichts davon gesagt. 
Das heftige Erröthen Georgs bei diesen Worten bestätigte 
dem Prinzen, daß er recht vermuthe, wenn er den größten 
Theil der versöhnlichen Stimmung Georgs auf Rechnung der 
schönen Tochter der Baronin schiebe, obwohl Georg den Ver 
such machte, sich gegen eine derartige Combination zu verwahren, 
und bat den Prinzen, ihn nicht für so eitel zu halten, daß er 
sein Auge so hoch erhebe. Unsinn, lachte der Prinz, ein junger 
Mensch in Ihren Jahren frägt nicht, wenn ihn, das Herz 
lodert, ob er sich die Sonne vom Himmel herunter holen darf 
und hier 
Nein, nein, unterbrach er sich, wie vor den eigenen Ge 
danken plötzlich erschreckend, ich will nicht zaudern, es ist 
besser, Sie ersticken eine solche Neigung, ehe Sie etwas er 
fahren, tvas Sie erbeben macht. Die Mädchen sind freilich 
schuldlos, aber es giebt Dinge, die nicht Jeder überwinden 
kann. Ich gebe keinen Rath. 
Damit war das Gespräch über dieses Thema beendet, 
der Prinz sprach von anderen Dingen und entließ Georg mit 
dem Bemerken, er solle es nicht versäumen, auf der Redoute 
bei Hofe zu erscheinen und sich den Majestäten und dem Hofe 
Präsentiren zu lasten. 
Georg verneigte sich tief und verließ seinen fürstlichen 
Gönner mit einem Sturm von Gefühlen in der Brust, der 
bald diese Empfindung, bald jene in bunten lebendigen Bil 
dern vor seine Seele rief. Er war ein Verwaister der Ali- 
bert, es war gu errathen, daß er diesen Namen in der Taufe 
erhalten. Die reizende Französin, die er im Postwagen ge 
sehen, war die Gattin jenes Vicomte, der die Familie Wehlen 
mit einem Prozeste bedrohte! Dieser Prozeß griff, wie der 
Prinz gesagt, die Ehre und das Vermögen der Baronin 
Wehlen an, aber in seinem Namen, denn der Vicomte wußte 
nicht, daß er lebe, und trat als sein Erbe auf. 
Es war ein eigenes Gefühl für Georg, sich in den Ge 
danken zu vertiefen, er könne durch ein Wort die Mutter 
Gertruds von schwerer Sorge befreien, aber durfte er das 
Wort sprechen? Noch hatte man ihn nur errathen lasten, daß 
' er ein Alibert sei, noch hatte er keine Beweise dafür, vor 
allem aber wußte er noch nicht, was der Wille seiner ver 
storbenen Mutter, was ihr letzter Wille ihm als heilige Pflicht 
auferlege, ob sie Rache fordere, oder ob sic wünsche, daß er 
nie ihren Namen führe, das Vergangene vergessen sein laste. 
Die Worte des Prinzen, es gäbe Dinge, die nicht jeder 
überwinden könne, erfüllten ihn mit Grauen. Der Prinz war 
selber vor dem Gedanken erschrocken, den er gehegt, daß Georg 
eine Wehlen lieben könne, er hatte in so düsterem Tone ge 
sagt, er wolle keinen Rath ertheilen, daß Georg fein Herz 
wie gepreßt fühlte, denn diese Warnung kam fast zu spät. 
So lange er als einziges Hinderniß die Kluft, die der Adel 
stolz setzte, gesehen, hatte ihm sein Selbstgefühl es leicht ge 
macht, sich gegen den Gedanken zu panzern, er könne sich dem 
Vorwurf der Anmaßung aussetzen und sich einen Korb holen; 
jetzt aber fühlte er, daß es schwerer sei, dem Gedanken an eine 
Verbindung mit der unglücklichen Gertrud zu entsagen, als 
dem mit der Tochter eines hochmüthigen Geschlechts. Schon 
durch den Umstand, daß die Ehre ihrer Familie bedroht sei, 
trat sie ihm näher und statt der Schuldlosen seinen Schutz zu 
bieten, sollte er als Rächer seiner Mutter gegen die ihrige 
auftreten?! 
Siebentes Kapitel. 
Jur Weißen Saale des Königlichen Schlosses zu Berlin 
schmetterten lustige Klänge zum Beginn des Festes vom Chore 
herab, die weiten Räume der Prachtgemächer vom Rittersaal 
bis zur Bildergalerie waren von einer glänzenden Menge an 
gefüllt, durch deren Mitte, die Kammerherren voran, der 
königliche Hos sich im Prunkzuge zum Festsaale begab. Wie 
j glänzte es von Ordenssternen und Brillanten, Gold und 
Silberstickereien, wie bunt war der Wechsel der prächtigen 
Uniformen und wie strahlend die Toilette der Damen? An 
den Thüren hielten die Gardes du Corps und die Riesen der 
Kronengarde Wache, Pagen trugen die Schleppen der fürst- 
: lichen Damen, es duftete von Wohlgerüchen, aber trotz all 
diesem Glanz und Schimmer, trotz aller Pracht und allem 
Jubel der Musik war es doch, als laste ein Druck auf der 
Menge, die zun, Feste geladen, als fehle die rechte Stimmung 
zur Freude. ( 
Es waren trübe Nachrichten gekommen, ein unheilvoller 
j Sturm, von Frankreich ausgehend, schien sich über Oesterreich 
ebenso vemichtend entladen zu wollen, wie das mit allen ge 
schehen, die de», seltsamen, vom Glück wunderbar begünstigten 
j Abenteurer Trotz geboten, der die französische Republik vcr-
        
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