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Volume 27. October 1883, Nr. 5

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Zeitgenosse, der ihn auf seinem Gute Schick« besuchte, in 
folgender Weise: Um zehn Uhr Morgens weckte uns Hunde 
gebell zur Jagd. Nach kurzem Frühstück zogen wir ans lind 
jagten, um sechs Uhr gings zur Tafel. Hier erwarteten uns 
Frauen und die Gesellschaft munterer Männer, die sich in- 
zivischcn versammelt hatten. Ausgewählte Speisen und guter 
Wein, besonders Champagner, stillten Hunger und Durst, doch 
das Mahl, in antikem Styl gefeiert, wurde durch Musik und 
den Wechsel heiterer Erholung weit über das gewöhnliche Maß 
verlängert. Neben dem Prinzen stand das Pianino. Eine 
Wendung und er fiel in die Unterhaltung mit Ton-Accorden 
ein, die dann Dussek auf einem anderen Instrumente weiter 
fortführte. So entstand oft zwischen Beiden ein musikalischer 
Weltkampf, ein musikalisches Gespräch konnte man es nennen, 
das alle dlirch Worte angeregten Empfindungen der Seele in 
bezaubernden Tönen lebhafter fortklingen ließ. 
Unterdessen wechselten Getränke und Aufsätze, auf der Tafel 
zur freien Wahl hingestellt. Wer nicht aß und trank, warf 
mit Kartei: oder Würfeln oder unterhielt sich mit dem Nachbar. 
Die Frauen, auf dein Sopha in antiker Freiheit gelagert, 
scherzten, entzückten, rissen hin und verliehen dem Symposion 
jene Zartheit und Weichheit, die einer Gesellschaft von Männern 
unter sich durch ihre Härte lind Einseitigkeit abgeht. Die 
Stunden verflogen uns an solchen Abenden uild Nächten 
hindurch ungemeffen, so daß wir uns oft erst des Morgens 
um fünf bis sechs — ja oft erst um sieben oder acht Uhr 
trennten. 
Der Prinz, sagt sein Biograph, war nicht, wie man ihn 
nannte, ein verlorener Mensch, denn bei Weibern, beim Zechen 
und in allein wilden Wirbel der Jugeild verlor er sich selbst 
nicht, blieb immer das, was er war, erhob sich bei der leisesten 
Anregung des edlem Stoffes in den Adel seiner Seele und in 
die Freiheit seines Geistes aus jeder Tiefe im Adlcrfluge und 
ließ das niedere Volk weit hinter sich im Schlainme. Er 
hatte freilich kein Vorzimmer, er war niemals Fürst. Leicht- 
sinnig in der Liebe wie ein alifranzösischer Musquetier, konnte 
er aber auch für ein reines, höheres Verhältniß erglühen und 
recht romantische Minne pflegen. 
Das Verhältniß des Prinzen zur Gräfin Laura D. war 
derart gewesen, daß ihm seine Schwärmerei selbst in der Er 
innerung noch heilig geblieben. Laura war die Geliebte seiner 
Jugend gewesen, als sein Herz noch stolzer Träume voll — 
jetzt war er, trotzdem er an Jahren noch jung, durch Ent 
täuschungen des Ehrgeizes und durch die unglückliche Wahl 
der Zerstrcuungsmittel in trüben Stunden, lebcnssatt und un 
zufrieden mit seinem Dasein, mit sich selber geworden. 
Er hatte Georg Albert zu sich bescheiden lassen, um zu 
hören, wie ihn der General v. I. empfangen, und als der 
junge Mann bei ihm eintrat, erinnerte ihn der Anblick des- 
sclben wieder an Laura D-, an jene Stunden, wo er ihr seinen 
Schützling anempfohlen und ihr strahlendes Auge ihm für 
diesen Beweis seiner Freundschaft, seines Vertrauens gedankt. 
Er hatte mit ihr verabredet, Georg nicht ahnen zu lassen, daß 
seine Geburt ihn zu Ansprüchen auf eine höhere Lebensstellung 
berechtige, aber der Umstand, daß ein Vicomte Alibert in 
Berlin gehcimnißvolle Nachforschungen hielt, hatte ihn bewogen, 
Georg in das Haus der Dame zu senden, welche von solchen 
Nachforschungen am meisten zu fürchten hatte. Der Prinz 
hatte durch Erkundigungen, die er eingezogen, längst erfahren, 
wer die Mutter Georgs gewesen, welche Schicksale sie ins 
Elend gebracht, er hätte den Wunsch der Verblichenen respec- 
tiren können, Georg in Unwissenheit über sein Herkommen zu 
lassen, bis er sein einundzwanzigstes Lebensjahr erreicht, so 
lange nichts geschah, was diese Rücksicht bedenklich machte — 
jetzt aber schien ein anderer Alibert, vielleicht ein Verwandter 
der Verstorbenen, der von der Existenz eines Erben wohl nichts 
wußte, statt des Verschollenen als Kläger auftreten zu wollen. 
Waren Sie beim General I.? fragte der Prinz. Wird 
Frau v. Wehlen mit ihren hübschen Töchtern in Berlin für 
den Winter bleiben? 
Königliche Hoheit, antwortete Georg, ich habe Ihren 
Befehl vollzogen, aber ich wurde weder dazu ermuntert, noch 
fühlte ich die Neigung, Fragen nach den Angehörigen des 
Herrn Generals zu thun und es wäre mir angenehm gewesen, 
wenn der Herr General ebensowenig Neugierde in Bezug auf 
meine persönlichen Angelegenheiten gezeigt hätte. 
Wie? rief der Prinz überrascht, fragte er danach? Ich 
meine, stellte er Fragen, die ihnen ungewöhnlich erschienen? 
Königliche Hoheit, versetzte Georg nach kurzer Ueberlegung 
mit Festigkeit, die hohe Auszeichnung, welche mir Ihre Gunst 
gewährt, veranlaßt so Manchen, besondere Erklärungen dafür 
zu suchen, als dankte ich das Interesse Eurer Königlichen Hoheit 
an mir nicht blos Ihrem Edelmuth, und der General v. I. 
scheint besonders dazu geneigt, Räthsel ergründen zu wollen, 
die andere Personen näher als ihn berühren. 
Ah — also er wittert etwas! Und er blieb zurückhaltend? 
Er machte nicht den Versuch, Sie freundschaftlich an sein Haus 
zu fesseln. 
Königliche Hoheit, wenn der General mir den Argwohn 
eingeflößt hätte, durch ein freundliches Entgegenkommen mich über 
andere versteckte Absichten zu täuschen, so würde ich sein Haus 
noch vorsichtiger meiden, als ich jetzt dazu entschlossen bin. 
Ich weiß es nicht weshalb, aber es drängt sich mir die Ver 
muthung auf, als könne man mir zutrauen, ich würde, wenn 
ich durch Aufschlüsse über meine Geburt, Forderungen geltend 
machen könnte, ,in diesen ein Ziel meines Strebens sehen. 
Aber mir wäre nichts verächtlicher, als das Glück, Nachrichteil 
über meine Eltern zu erhalten, dadurch zu entweihen, daß ich 
nach Dingen trachtete, welche das Schicksal ihnen nicht ver 
gönnte, mir zu hinterlassen. Es war jedeilfalls der Wille 
meiner sterbenden Mutter, daß ich inir durch eigene Kraft 
Bahn breche durchs Leben und Gott hat mich bei diesem 
Streben gesegnet, ich möchte jetzt nicht mit Jemand tauschen, 
dein das Glück reiche Gaben in die Wiege gelegt, mein Wunsch 
und Streben ist, mich all' der Wohlthaten würdig zu zeigen, 
mit denen Eure Königliche Hoheit und die Gräfin D. mich 
dahin gebracht, emporstreben 511 können. 
Der Prinz lächelte befriedigt- Daran erkenne ich den 
Einfluß Laura D-'s, sagte er, ihr stolzes, edles Herz hat Ihnen 
solches Denken eingeflößt. Ich will und darf Ihnen ilicht 
verrathen, was ich von Ihren Eltern weiß, denn ich achte den 
Willen Ihrer verstorbenen Mutter, aber Sie vergessen, daß 
Eltern oft Geheimuisse vor ihren Kindern bewahren, bis die 
selben ein gewisses Alter erreicht haben, um sie vor Ver 
folgungen ihrer Feinde zu schützen, oder um das Gift selbst 
gerechten Hasses iricht in ihre Brust zu legen, ehe sie fähig sind 
zu prüfen, wie weit sie geheil dürfen, ihre Elteril zu rächen, 
ohne sich dabei zu versündigen. Ich würde dieses Thema nicht
	        
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