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Volume 2. August 1884, Nr. 45

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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rechnen. Man sang dieselbe Weise, welche heute wieder die 
liebenswürdigen Anarchisten anstimmen: 
Wir wollen unsere Weiber tauschen, 
Wir wollen uns in Schnaps berauschen, 
Wir wollen freie Männer sein." — 
Der Grund zu diesen Ausschweifungen lag nahe. Am 27. Sep 
tember 1751 hatte Friedrich II. ein Cirkular betreffs Ehescheidung 
erlassen, das folgenden Passus enthielt: 
„Gleichwie unsere höchste Intention ist, daß Eheleute unter 
welchen inimicitia Capitales und notoria herschen, und aus deren 
Ehe nichts wie Unheil und eines oder des andern Theils Verderben 
zu besorgen ist, diese Scheidungen, wenn sie solche suchen, nicht 
schwer gemacht, sondern wenn solche Feindschaft gehörig erwiesen 
wird, das Band der Ehe sofort unter ihnen, ohne vorher 
auf separatio new a thora et mensa zu erkennen, 
gänzlich aufgehoben werden sollte." Welch eine entzückende 
Perspektive! Nun war ja aller Noth ein Ende gemacht. Man kam 
also freundschaftlichst überein. Man zankte sich weidlich ein paar 
Wochen bei offenen Fenstern, zum Entsetzen der ahnungslosen Nach 
barschaft, ging dann auf's Gericht und die Sache war abgethan. 
Unter Händeschütteln und der Versicherung gegenseitiger tiefster 
Hochachtung trennte man sich dann, um sich nun schleunigst in 
die Arme der draußen harrenden neuen Lebensgefährtin zu werfen. 
Diesem Unfuge wenigstens einigermaßen zu steuern, sah sich der 
König genöthigt, am 29. Dezember desselben Jahres durch einen 
einschränkenden Zusatz die erste Verordnung etwas zu regeln. 
Darin heißt es: 
„Und ob wir schon in dergleichen casibus wegen starker Ver 
bitterung und Feindschaft die Ehescheidung verfüget wissen wollen, 
so soll doch die poena ckivortii gegen diejenigen, welche eausaw 
zur Ehescheidung geben, keineswegs aufgehoben sehn." — 
Doch auch dies konnte die Lüsternen nicht abschrecken. Und 
war endlich mit dem Verlust der geliebten Gattin auch das noch 
geliebtere Vermögen verloren, nun so war eine Umkehr durchaus 
nicht verboten. 
Man hatte sich ein paar Jahre anderweitig trefflich amüsirt 
und trat jetzt die Reue wie die Sehnsucht nach den einst beseffenen 
schönen Speziesthalern zu stark in den Vordergrund, glomm die 
Liebe andererseits bei der ersten Gattin noch etwas unter der 
Asche, bon, so ertheilte man der neuen Lebensgefährtin den Laufpaß 
und kehrte zur ersten zurück, unbekümmert um die Aventurcn, welche 
die Treffliche inzwischen ausgefochten hatte. Denn eine Resolution 
vom 31. Oktober 1758 erlaubte es, daß die geschiedenen Eheleute 
sich wieder wie ein Brautpaar von neuem proklamiren und kopu- 
liren lasten könnten, sobald sie nur Lust und Zeit dazu besäßen. 
Die eheliche Treue schuf denn auch oft den sonderbarsten Kreislauf 
des Geldes. Denn wenn bei einer Scheidung der eine Theil 
hauptsächlich als schuldig erkannt wurde, so war er verpflichtet, 
zeitlebens dem anderen eine sogenannte „Ehrenpension" zu ent 
richten. So kam es manchmal, daß der Herr Hofrath an die 
jetzige Frau Lieutenantin aus oben angeführtem Grunde eine solche 
Summe allmonatlich überwies, ungeachtet er die Gemahlin des 
Bankiers heimgeführt hatte, welche eine gleiche Pension ihrem 
ersten Gatten, der sich jetzt unstät in den Tabagien umhertrieb. 
schuldete. Wie manche Frau aber bei solchen Händeln nicht blos 
der Ehre sondern auch des Lebensunterhaltes verlustig ging, zeigt 
folgendes Anekdötchen. 
Frau I . . . l war seit drei Jahren die Gattin eines eben 
so wohlhabenden als liebenswürdigen Kaufmanns. Trotzdem kein 
Wunsch ihr versagt blieb, begann sie doch schon an seiner Seite 
die tödtlichste Langeweile zu empfinden. Der Zu'all war ihr 
zugethan. Ein martialischer Obrist hatte ihr eines Abends beim 
flackernden Kaminfeuer seine flaminende Liebe gestanden. Kein 
Opfer sollte ihm zu hoch sein. Madame überlegte nicht lange. 
Frau Obristin! Das klang doch gar zu schön. Gesagt, gethan. 
Sie ging zum Gericht, um sich von ihrem Mann in optima forma 
scheiden zu lasten. „Mein Mann gefällt mir nicht mehr!" sprach 
sie. Das leuchtete den galanten Richtern ein. Doch kaum hatte 
Justitia Recht gesprochen, als es dem Helden kalt über den Rücken 
fuhr. Er drehte verlegen den Schnauzbart und zog sein Ehever 
sprechen zurück. Die arme Dame! Wessen Frau sollte sie nun 
jetzt sein? Beider! Es lag ja so nahe. Heute fährt sie nun mit 
ihrem Obristen nach Charlottenburg und morgen führt sie ihr 
seelensguter Mann im Thiergarten spazieren. „Hat die ganze 
Geschichte des Alterthums ein Beispiel einer solchen freundschaft 
lichen Verträglichkeit wohl aufbewahrt?" ruft ein Memoircnschrciber. 
„Ich zweifle!" Das wird wohl das Beste sein! — — — 
Wenn auch die evangelischen Diener Gottes zuweilen murrten, 
angesichts dieser Sittenverderbniß, es laut werden zu lassen wagten 
doch die meisten nicht, schon wegen der Klingelbeutel und ähnlicher 
Einnahmequellen der Kirche, welche trotzdem oder eben deshalb 
reichlicher floffen, wahrscheinlich die belasteten Gewiffen etwas zu 
erleichtern. Und schließlich, was galten alle Kanzelreden in einem 
Zeitalter, wo die glänzendsten philosophischen Köpfe ihre berückenden 
Lehren in die Welt posaunten? Rousseau's Beispiel, Montesquieu's 
Offenbarungen fielen gleichsam wie himmlisches Manna in die 
sinnentrunkenen Gemüther ihrer Zeitgenossen. Schreibt doch der 
letztere einmal in einem philosophischen Ergüsse über die Ehe 
scheidung: 
„Durch die Unzertrennlichkeit des Ehestandes wird demselben 
nicht nur alle Süßigkeit entzogen, sondern selbst sein Endzweck 
leidet dadurch einen gewaltigen Stoß; man hat seine Bande ge 
trennt, indem man sie fester zusammen zu knüpfen gesucht und 
anstatt einer vermeintlichen genauen Verbindung der Herzen, diese 
ewig von einander geschieden. — Man hat das Herz fest und be 
ständig machen wollen, da es doch das wandelbarste und unbe 
ständigste Ding in der Natur ist. — Nichts kann zu der gemein 
schaftlichen Vereinigung mehr beitragen, als die Freiheit, sich scheiden 
zu können. Beide Eheleute ertragen alsdann die Widerwärtigkeit 
des Hauswesens geduldiger, wenn sie wissen, daß es ihnen erlaubt 
ist, sie aufzuheben. — Es würde in einem Staate, worin die 
Männer ihre Weiber jährlich wie die Kalender verändern dürften, 
eine unzählige Menge Volkes geboren werden." — Und würdig 
schließt der Franzose seine Kapuzinade: „Die Ehescheidung ist ab 
geschafft; übel getroffene Ehen können nicht verbessert werden; die 
Weiber gehen nicht wie bei den Römern durch die Hände anderer 
Männer, welche auf diesem Wege, so viel eben möglich wäre, eine 
beffere Partie treffen könnten." — (Schluß folgt.) 
MisrclltN. 
Gottfried Wirk. v. 4eibniz (mit dem Portrait S. 625). Dieser Me Konkurrenzcntwnrse zur Bebauung der Wuseumsinsek (zu 
ausgezeichnete Gelehrte, geboren am 9. Juli 1646 zu Leipzig, gestorben der Illustration S. 628). In Nr. 34 haben wir die vier prämiirten 
am 14. November 1716, hat sich um Berlin durch die Stiftung der Entwürfe der Museumskoukurrenz gebracht, heute geben wir den hoch- 
„Societät der Wiffenschaften" verdient gemacht, welche heute unter dem intereffanten und effektvollen Entwurf des Herrn Baurath Klingenberg. 
Namen „Königliche Akademie der Wissenschaften" und unter der Protektor- Eine Beschreibung des Entwurfs, welcher die Stadtbahn überbrückt, 
schuft unseres Kaisers an der Spitze aller wiffenschaftlichen Institut« steht, halten wir für unnöthig. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird keiner eer 
Ihren heutigen Namen führt die Akademie seit 1749. Konkurrenzentwürfe zur Ausführung gelangen, weil man annehmen darf,
	        
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