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Periodical volume 20. October 1883, Nr. 4

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Martinus Heinricus Lutherus, 
S- R. M. Pol. et Klect. Sax. a Secretis legationum et Dominus 
Gabriel Godofredus Lutherus, 
Fratres German! Divi Martini Doctoris magni et apostolici Consantiui- 
nei et gentiles. Viri vita et morte spectatissimi Domini Gabrielis Lu- 
theri, Serenissimi et Potent. Electoris et Marchionis Brandenburgici 
Consiliarii gravissimi tidelissimi et Dominae Annae Rosinae Weisiae 
Soboles, hac! nnlli flebilior quam matri doetissimae! Quae, majore natu 
anno aetatis 33. Lutet. Par., minore anno aetat. 28. bic loci crudeli et 
praepropera morte amissis, ipso anno emortuali inscriptum larcymis 
inarmor. (poni jussit.) 
Hier ruhen also zwei Söhne des Hauses Luther, oder wenigstens 
doch einer! — 
Gabriel Luther, Kurbrandenburgischer Rath, hatte nach den An 
gaben des Leichensteins mit der „hochgelehrten" Frau Anna Rosina Weise 
eine gesegnete Ehe geschlossen. Martin Heinrich Luther und Gabriel 
Gottfried Luther gingen als Söhne aus derselben hervor. Der erste 
war bereits K. Polnischer und Kurs. Sächsischer Legations- Secretair, als er 
zu Paris 1698 starb; Gabriel Gottfried Luther verschied in demselben 
Jahre 1698 zu Wittstock, sicherlich eines gewaltsamen Todes; denn darauf 
sollen doch wohl die Worte .crudeli et praepropera morte* hinweisen: 
grausam und in der Blüthe der Jugend dahingerafft." 
Was hat sich hier zu Wittstock in jenem Jahre zugetragen? Beck 
mann nennt den Gabriel Luther einen Studiosus aus Baireuth. Dem 
widerspricht aber sein Alter von 28 Jahren. Wer giebt hier Aufschluß? 
O. S. 
Anekdoten ans dem Leben des alten Dessauers. Der Bäcker 
meister Riede stand in des Fürsten besonderer Gunst. Das verleitete den 
selben einst zu einem ungeschickten Streich, den ihn der Fürst bitter ent 
gelten ließ. Riede nämlich hatte voin Fürsten eine Anweisung auf einige 
Klafter Holz geschenkt erhalten. Als das Holz abgeladen wurde, ging der 
Fürst zufällig an des Bäckers Hause vorüber und bemerkte, daß das viel 
mehr sei, als es der Anweisung nach sein konnte. „Kerl!" schrie der 
Fürst, „wie viel Holz habe ich Dir angewiesen?" — „Ach, das war viel 
zu wenig", versetzte Riede, vertraulich lächelnd, „da habe ich noch ein 
Rüllechen hinzugethan." Der Fürst schwieg, aber die Revanche blieb nicht i 
aus. Eines Abends fuhr er an des Bäckers Hause vorüber, ließ anhal 
ten und den Meister herausrufen. Dieser erschien sofort in Hemdsärmeln, 
bloßen Füßen und Pantoffeln am Wagenschlage. „Setze Dich mal zu mir," 
sagte der Fürst leutselig, „ich habe ein Weniges mit Dir zu plaudern." 
Natürlich konnte der geschmeichelte Meister dieser Einladung nicht wider 
stehen, und so ging's unter lustigen Reden die Straße hinab, zum Thore 
hinaus und bei immer rascherem Trabe der Rosse zwei Stunden weit 
über Land. Plötzlich ließ der Fürst halten. „So", sagte er, „ich danke 
Dir für deine angenehine Unterhaltung, nun kannst Du wieder aussteigen." 
Verblüfft schaute der Bäcker drein, aber kein Sperren half. Er mußte in 
seiner fragwürdigen Bekleidung, im Regen und Dunkeln den weiten Weg 
langsam zurücktappen und noch hinter sich herrufen hören: „Schalk, das ist für 
das zugesetzte Rüllechen". — Ein anderer gewaltsamer Scherz, traf den Rath 
und die Bürgerschaft von Dessau bei Gelegenheit einer Bürgermeisterwahl. 
Der Fürst wollte den Posten für einen seiner Günstlinge, einen Franzosen 
Namens Bonafos, der in Dessan Postbeamter war, reservirt haben. Bonafos 
war aber höchst unbeliebt und das Resultat somit vorauszusehen. Trotzdem 
wurde er gewählt uud zwar auf die folgende originelle Weise. Beim Wahl- 
aktus übernahm der fürstliche Protektor selbst den Borsitz und befahl den 
wählenden Rathsmitgliedern, ihre Stimmen versiegelt abzugeben. Hierauf 
nahm er, am Kaminfeuer sitzend, Zettel für Zettel in Empfang, öffnete 
einen nach dem andern, las „Bonasos!" und immer wieder „Bonafos!" j 
und konstatirte, nachdem er zum Schluß sämmtliche Stimmzettel verbrannt 
hatte, daß Bonafos „einstimmig" gewählt sei, sich um die starren Ge- ! 
siebter der residenzstädtischen Rathsherren weiter nicht bekümmernd. — Und ; 
diesen ielbstherrscherischen, eigenwilligen Regenten, der gefürchtet war, wagte ; 
die Deffauer Straßenjugend, wenn er ohne Beute von der Jagd heim- 
kehrte, lärmend anzufallen und mit dem spöttischen Geschrei: „Etsch, etsch! 
er hak Nichts!" bis zum Schlosse zu verfolgen Kindern war bei i 
ihm eben alles erlaubt. Tägl. Rundsch. 
tzüskar SKtvekek: Hans Jürgen von der Linde. Ein Lebens 
bild aus den Tagen des Großen Kurfürsten. Mit einem Titelbilde von 
W. Schäfer, Berlin. Adenheim'sche Verlagsbuchhandlung gr. 8. 246 S. 
— In der ihm besonders eigenen lebhaften, blühenden Sprache schildert j 
der uns Märkern wohlbekannte und liebgewordene Verfasser die Geschichte j 
der expatriirten, dann wieder in Berlin eingewanderten, noch jetzt blühen 
den Familie von der Linde. Der Stammhalter der Familie, Obrist-Wacht- 
meister in den Dragonern des Herzogs Christians zu Braunschweig, läßt i 
sich um 1625 in Berlin nieder und wir machen nun in dem Entwickelungs- : 
gang seines Sohns, des Hans Jürgens von der Linde, die Laufbahn eines i 
Patrizier - Sprößling damaliger Zeit in der anschaulichsten Weise gleich- ; 
sam mit durch. Besonders gelungen ist unsern! Schwebel die Schilderung . 
des Lebens und Treibens der damaligen Studenten, welche er selbstredend i 
auf der Märkischen Universität Frankfurt, der Alma Mater Viadrina auf- j 
treten läßt. Hinter den kleinen Verhältnissen der Patrizierfamilie leuchtet i 
überall der große geschichtliche Hintergrund, die schreckliche Zeit des unse 
ligen Religionskrieges und der tief« Fall Brandenburgs während und in 
Folge desselben mit. Bis ins Jahr 1691, also bis in die Zeit des Wie- 
dererwachers unsers engern Vaterlandes verfolgen wir die mannigfachen 
Geschicke der Familie. „Eins ist der Angelpunkt des hier geschilderten 
Lebenslaufs: Die schlichte Treue, die aller Tugenden Mutter ist! Wenn 
problematische Naturen, um den Ausdruck eines neuern Dichters zu ge 
brauchen, keiner Lebenslage genug thun: hier finden wir eine festge 
schlossene Persönlichkeit, die vollwichtig erfunden worden ist, in einer jeden 
Prüfung". — Das wohl ausgestattete Buch ist namentlich für den kom 
menden Weihnachtstisch zu empfehlen. E. Fr. 
Mene Sagen aus der Mark Brandenburg. Unter diesem Namen 
hat unser verehrter Mitarbeiter Ernst Handtmann soeben ein hübsch 
ausgestattetes Buch*) erscheinen lassen, dessen Anschaffung wir unsern Lesern 
aus das wärmste empfehlen können. Es sind Sagen aus der Priegnitz 
und der Neumark, die der Verfasser auf ihrem heimathlichen Boden ge 
sammelt und durchforscht hat, und die sich den Märkischen Sagen der 
Herrn W. Schwartz und Kuhn, der Bahnbrecher märkischer Sagen 
kunde, sowie der von W. v. Schulenburg herausgegebenen Sagen wür 
diganreihen. In einem „Rundblicke vom Thurm der Burg Lenzen" 
führt uns der Verfasser die Sagen vor von „der schwarzen Königskutsche", 
von den „dreizehn Raben", dem „Feldmarschall von Möllendorf", von „Rot 
trang", von den „Schätzen bei Lanz", „dem Hunde bei der Heideneiche", 
„dem stumpfen Kirchthurm in Boberow", „dem Opferstein bei Melle", „der 
Eldenburg", „dem Silberring der Herren von Quitzow", „dem Reiter 
im Kienkamp", „der Judenklemme", „dem Quitzow'schen Stuhl", vom 
„letzten Quitzow auf Eldenburg" re. In einem zweiten Theile „Aller 
lei aus Kurmark und Neu mark" erzählt uns der Verfasser vom 
„Schatz von Blankensee", von „der Prinzeß mit dem Schleier", „dem buck 
ligen Hirsch", vom „großen Stein bei Zellin" re; in einem dritten Ab 
schnitte „Templersagen der Neumark", und endlich in einem vierten 
Theile „Trümmerstücke einer Märkischen Mythologie". 
Die alte Gemüthswelt unserer Heimath — sagt der Verfasser — mit 
ihrer soviel wie wahrlich kein anderes deutsches Land gemischten Bevölke 
rung klärt sich mehr und mehr; die Märker haben angesangen, sich des 
großen neu aufgedeckten heimathlichen Sagenschatzes zu freuen. Doch noch 
lange nicht genug ist die Wünschelruthe auf heimathliche Sagen geschlagen, 
indeß im raschen Lauf der Zeit die alten Geschichten unwiederbringlich 
auch aus den einfachen Kreisen, die sie bisher bewahrt, entschwinden. 
Schade darum. Es schlummert noch aus vielen unbetretenen, unerforschten 
Stätten manch Dornröschen, harrend dessen, der es wecken möchte. Glück 
lich, wem es vergönnt ist, in die Hecken des Traumlebens unseres mär 
kischen Volkes hier und da einzudringen. 
Dem Verfasser ist es geglückt und er hat uns einen Schatz zu Tage 
gefördert, der eine wirkliche Bereicherung unserer Literatur bedeutet. — 
(Sin bedeutender Kund von Münzen ist dieser Tage von dem 
Bauer Berendt in Voßberg bei Usedom gemacht worden. Ganz wie 
in den alten Märchen fand der Bauer beim Pflügen einen Topf, der einen 
wahren Schatz enthielt. Der Topf barg Silbermünzen im Gesammtge- 
wicht von zwanzig Pfund. Die Münzen stammelt aus der Zeit um das 
Jahr 1100. Hauptsächlich sind die gefundenen Stücke deutsche Münzen; 
einige wenige arabische Münzen, die zu jener Zeit, als der Topf ver 
scharrt sein muß, in ganz Europa in Zirkulation waren, befinden sich 
unter der Menge der deutschen Geldstücke. Der sehr werthvolle Fund ist 
für das Museum der „Gesellschaft sür Pommersche Geschichte" erworben 
und bereits in Stettin eingetroffen. 
Konkurrenz um die Bebauung der Museumsinsel. Entsprechend 
dem Preisausschreiben vom 12. Juli 1883 lud die Generalverwaltung 
der Königlichen Museen diejenigen Architekten, welche sich schriftlich um 
nähere Auskunft über einzelne Punkte des Programms an dieselbe ge 
wandt hatten, zu einer gemeinsamen Sitzung ein, welche in dem 
großen Konserenzsaale des Kultusministeriums stattfand. Außer den 
Mitgliedern der Verwaltung der Königlichen Museen, Dr. Schöne, 
Dr. Jordan und Dr. Konzen, waren fast sämmtliche Preisrichter und 
etwa 40 Architekten anwesend, darunter von außerhalb Professor Giese- 
Dresden, Oskar Sommer-Frankfurt, G. Frentzen-Aachen, Neckel- 
mann- Hamburg, Ritter von Schur da-Prag. Die von den Bewerbern 
gestellten Fragen wurden meist sehr kurz erledigt, da sie sich vielfach auf 
Gegenstände bezogen, welche außerhalb der Kompetenz der Verwaltung 
lagen oder aber dem Urtheil der Jury vorgreifen konnten. Dem lebhaft 
geäußerten Wunsche gegenüber, daß in der Aufstellung der Gypsabgüffe 
Abweichungen von der historischen Zeitfolge gestattet werden möchten, 
verhielt sich die Behörde ablehnend. Die Möglichkeit der Ueberbauung 
der Stadtbahn blieb unentschieden, die Ueberwölbung des Kupfer 
grabens wurde als unzulässig bezeichnet, die Freilegung des letzteren als 
zweifelhaft angegeben. Woch. f. Ärch. u. Ing. 
Znm Bau einer neuen Rathswaage am Aleranderplatz ist der 
Stadtverordneten - Versammlung eine Skizze behufs Genehmigung vor 
gelegt worden. Die Kosten belaufen sich auf 92000 Mk. 
*) Der genaue Titel heißt: Neue Sagen aus der Mark Brandenburg, ein Beitrag zum 
Teutschen Sagenschatz von E. Handtmann. Berlin 1883. Adenheim'sche Verlagsbuchhandlung 
(G. Joel) 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik in Berlin W. — Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. — 
Druck: W. Moejer Hofbuchdruckerei in Berlin 8. — Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt.
        
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