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Periodical volume 2. August 1884, Nr. 45

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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würdig und galant hinzu, — „seine Ritterpflicht gegen schöne 
Frauen!" 
Sich tief verneigend, reichte er ihr die Hand. 
„Gönnt mir den Vorzug, Euch in Eure Gemächer zurück 
geleiten zu dürfen!" 
Die Erlaubniß wurde gewährt. 
Die Kurfürstin hatte von ihrem Gemahle ebenso weirig 
eine feste Antwort erhalten, als vorher die Abgeordneten der 
Städte Berlin und Köln. 
Nachdem der Kurfürst seine Gemahlin in ihre Gemächer 
zurückgeführt und sich dann von derselben beurlaubt hatte, 
schritt er sinnend seinen Wohnräumen auf der Spreeseitc zu. 
Zwei völlig entgegengesetzte Strömungen hatten in der letzten 
Stunde auf ihn eingewirkt, — das Bittgesuch des städtischen 
Rathes einerseits, die Forderung seiner Gemahlin von der 
anderen Seite- Joachim war zwar nicht zweifelhaft, was zu 
thun das beste für ihn wäre, aber er war zu gewissenhaft, 
um jetzt schon zu entscheiden; er wollte eine dritte Meinung, 
für ihn die wichtigste, hierüber noch vernehmen, die 
Meinung des Volkes! — Volkes Stimme, Gottes 
Stimme! 
Ueber das „Wie" sann Joachim, als er die Korridore 
des Schlosses durchschritt, nach. 
Da begegnete ihm einer seiner Stallmeister, Eustachius 
von Schlieben. 
„Der rechte Mann!" — murmelte der Kurfürst, als er 
des treuen Dieners, der bei ihm in hoher Gunst stand, an 
sichtig wurde. 
Eustachius von Schlieben, hoch aufgeschossen wie ein 
kräftiger Tannenbaum der nordischen Wälder und schlank wie 
ein junger Mensch, der dem Mannesalter noch eben so fern 
steht als dem Knabenalter, welches schon weit hinter ihm 
lag, drückte sich dicht an die Wand und wollte mit tiefer 
Verbeugung den fürstlichen Landesherrn bei sich vorbei gehen 
lassen. Aber der Kurfürst hemmte seinen Schritt und blieb 
vor Schlieben stehen, indem er ihm befahl zu folgen. 
Der junge Stallmeister verneigte sich abermals; das 
Roth der Freude, sich von dem Kurfürsten angeredet und so 
ausgezeichnet zu sehen, flog über sein hübsches Gesicht und 
ließ dasselbe noch blühender und angenehmer erscheinen. 
Als der junge Mann eine Viertelstunde später die Ge 
mächer des Kurfürsten wieder verließ, schien er noch gewachsen; 
auf seinen Gesichtszügen spiegelte sich der Ausdruck stolzen 
Glückes ab, denn er sah es für das größte Glück an, mit 
dem Kurfürsten ein Geheimniß theilen zu dürfen. 
Eustachius von Schlieben war bisher einer der geschicktesten 
Stallmeister, der erprobtesten Diener Joachims des zweiten 
gewesen; heute, am Fastuachtsdienstage war er der Ver 
traute seines fürstlichen Herrn geworden. — 
(Fortsetzung folgt.) 
In der Zauche. 
Verlegen um das Ziel für einen Ausflug am Nachmittag 
eines freien Schultages fällt neulich mein Blick auf Theodor 
Fontanes Kapitel der Nutheburgen und gar bald stand es mir 
unerschütterlich in der Seele fest, wohin ich meine Schritte zu lenken 
haben würde. Burgen in Potsdam, Saarmund, Beuthen und 
Trebbin, als Niederlassungen der Slaven gegründet und bewehrt 
gegen die von Westen drängenden Deutschen, späterhin nebst der 
von ihnen eingeschobenen Neuenburg von den Deutschen benutzt 
als Basis für die Operationen in das Wendenland des Teltow — 
diesem Gedanken konnte Befriedigung nicht versagt bleiben und so 
führte mich denn bald das Dampfroß durch das Land der weißen 
Rüben nach der Burg Potsdam, um von dort zuerst in der Niede 
rung einen Streifzug nach der Neuenburg zu unternehmen, den 
selben, wenn es die Zeit erlauben sollte, bis nach Saarmund aus 
zudehnen, und sodann auf dem östlichen Höhenrand des Zauchc- 
plateaus den Rückweg zu nehmen. Kurz vor dem Bahnhof Pots 
dam, bei der Neuendorfer Spinnerei, überschritten wir die Nuthe, 
die ca. 1000 w vom Bahnübergang entfernt sich in die Havel er 
gießt. Von der der Mündung gegenüberliegenden Ufcrstelle grüßt 
uns der Thurm der Kirche vom Heiligen Geist, den Ort weisend, 
auf dem sich in den früheren Jahrhunderten die Burg befand. 
Diese freilich stand auf einer Insel im Fluß und war mit dem 
linken Ufer durch eine Brücke verbunden, die noch bis 1825 vor 
handen gewesen ist. Ueber diese Brücke und den in der Havel 
niederung am linken Ufer befindlichen Damm scheint der militärische 
Verkehr mit der Neuenburg und Saarmund stattgefunden zu haben, 
während dem allgemeinen Verkehr über die Havel nur eine Fähre 
zur Verfügung stand. Heute ist an Stelle der Burg eine Kirche; 
die Burginsel ist mit dem rechten Havelufer verschmolzen, während 
im Fluß durch die Anlage des Kanals eine andere Insel, die 
Freundschaftsinsel, entstanden ist; die Burgbrücke ist verschwunden, 
die Fähre dagegen durch eine Steinbrücke ersetzt. An die Pots 
damer Feste erinnert indessen noch die auf die Heiligegeistkirche 
führende Burgstraße. 
Doch wir haben den Bahnhof verlassen, die Schienen über 
schritten und beginnen in der Teltower Vorstadt, die trotz ihres 
Namens eigentlich in der Zauche gelegen ist, unseren Streifzug in 
die Nutheniederung, die uns freilich nach der Regulirung des 
Flußlaufes durch den großen König nicht mehr recht das Bild 
einer Völker trennenden Grenze darbieten kann, während es eine 
solche in seiner ursprünglichen sumpfigen Beschaffenheit mit dem 
vielfach verzweigten Wafferlaus recht gut bilden konnte und ja 
auch thatsächlich gebildet hat. 
Beim Obelisken vorüber, dem großen Meilenstein am Aus 
gangspunkt mehrerer Chausseen, passiren wir das in einem großen 
parkähnlichen Garten freundlich gelegene Kadettenhaus und erreichen 
mit den zu beiden Seiten unserer Allee befindlichen Kirchhöfen 
die Grenze des Stadtkreises Potsdam, von nun an Zaucheboden 
tretend. Linker Hand bietet sich sofort eine freie Aussicht in den 
Teltow hinüber, über den Exerzierplatz mit den großen Flecken 
rother Blumen des Storchschnabels und noch diesseits der Ruthe 
gelegenen Teltower Wiesen hinweg sehen wir in höchst stattlicher 
Ausdehnung die Schwesterdörfer Nowawes und Neuendorf, deren 
rothe Dächer sich hübsch genug aus dem Grün der in ihren 
Straßen gepflanzten Bäume abheben. Dahinter liegt in blau 
grüner Färbung der Babelsberger Park. Nach dieser Seite bleibt 
uns der freie Ausblick in die Nutheniederung mit ihren grünen 
Wiesen und ihren Waldparzellen, bis zum Saume der Parforce- 
Heide hinüber, noch für eine Zeit erhalten, bis auch auf dieser 
Seite unserer Eichen- und Ahornallee die Aussicht durch hochstäm 
migen Nadelwald gehindert wird, wie uns solcher auf der rechten 
schon seit den letzten Potsdamer Häusern begleitet. Und so 
wandern wir seit etwa einer Stunde, wenn wir, nicht gar zu weit 
hinter dem Uebergang über die Berlin - Wetzlarer Bahn, aus dem 
Walde hervortretend, eine freie Aussicht auch noch nach rechts und vorn 
gewinnen. Wir blicken über weit ausgedehnte Wiesen, sehen über 
den niedrigen kahlen Kaninchenberg hinweg auf die dunkel bewal 
dete Ostwand des Zaucheplateans, während vor uns das Dorf 
Drewitz gelagert ist, dahinter die Gütergotzer Heide. Doch nicht 
ihnen gilt unser Besuch, denn unser Weg führt jetzt abseits der
        
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