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Periodical volume 2. August 1884, Nr. 45

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Ihre Ruhe war nur äußerlich, ein Vulkan tobte in ihrer 
Brust, und es kostete ihr große Selbstbeherrschung, den vor 
zeitigen Ausbruch desselben zu verhindern. 
„Eure Worte machen mich sehr glücklich, mein Gemahl," 
— fuhr sie in ihrer künstlich angenommenen sanften Weife 
fort, — „da ich Euren mir gewogenen Sinn daraus er 
kenne; umsomehr darf ich dann hoffen, daß Ihr Euch meiner 
Bitte gnädiglich zuwenden werdet!" 
„Dieselbe ist Euch ungehört bewilligt!" 
„Ich nehme Euch beim Wort!" — rief die Fürstin 
lebhaft. 
„Nun?" 
„Ich bitte nicht für mich!" 
Der Kurfürst stutzte bei diesen Worten seiner Gemahlin 
und wurde noch aufmerksamer als er es bisher schon ge 
wesen war. 
„Nicht für Euch?" — fragte er erwartungsvoll, — „für 
wen denn sonst? Ich bitte Euer Liebden, sich offen zu er 
klären!" 
Eine jähe Nöthe flog über das Gesicht der Fürstin, ihre 
Selbstbeherrschung hatte sie verlassen. 
„Meine Ruhe ist dahin," — brach sie in leidenschaft 
lichem Ausruf aus, — „denn eine Schreckenskunde hat mein 
Ohr erreicht! Sprecht, Joachim, was hat dies Lutherthum, 
das alle Verhältniffe zerreißt, das an jahrhundertlang bestehen 
den Satzungen rüttelt, was hat es von Euch zu hoffen? 
Könntet Ihr es in unserem Lande dulden, es, wie Euer 
Bruder, Johann von Cüstrin, wohl gar selbst bekennen?" 
Der Kurfürst schwieg betroffen. 
Sein Schweigen erregte Hedwig nur noch mehr. 
„Bei allen Heiligen," — rief sie angstvoll und legte ihre 
Hand auf seinen Arm, — „sprecht, mein Gemahl!" 
Der Kurfürst versuchte sie zu beruhigen, aber ihre Angst 
stieg bis zu Kundgebungen der Verzweiflung. 
„Ihr habt auf meine Frage kein entschiedenes „Nein"? 
Joachim, Ihr schweigt?! Ein Abgrund öffnet sich vor mir, 
ich seh' Euch im Begriff, hinein zu stürzen!" — Sie hielt 
eine Augenblick inne, bedeckte das Gesicht und athmete schwer, 
als ob sie ringe, sich ihre Kraft zu bewahren. Dann fuhr 
sie zwar bebend, aber mit steigender Leidenschaftlichkeit fort: 
— „Die Angst, die mich verzehrt, beflügelt meine Worte, 
denkt an die Segnungen unserer heiligen Mutterkirche, die 
alle Euch verloren gehen würden, an die tiefe Kluft, die Euch 
fortan von aller Fürsten Kreis, von Kaiser und von Reich 
trennen müßte! Bei allen Heiligen, laßt Euch durch mich 
bewegen und gebt den Bitten der Frau, dem Rath der 
Fürstin nach!" 
Der Kurfürst wandte bewegt den Kopf zur Seite, als 
wollte er vermeiden, ihrem Blicke zu begegnen. 
„Euer Flehen," — sagte er leise, — „erschüttert mich, 
erschüttert mich umsomehr, da ich nicht helfen kann!" 
Hedwig entzog ihm erschreckt die Hand. 
„Joachim!" 
„Richt diesen Ton," — bat er, noch immer ohne sie 
anzuschauen, — „ich liebe Euch, Hedwig, und darf mich von 
Euch nicht beeinfluffen laffen, ich darf nicht schwach werden!" 
„Ich gebe es nicht auf. Euch von der Richtigkeit meiner 
Ansicht zu überzeugen!" 
Der Kurfürst schüttelte das Haupt. 
„Es bliebe unnützer Kampf!" 
„Habt Ihr," — fragte sie vor banger Erregung zitternd, 
— „den Städten das gewährt, was sie verlangt haben?" 
Joachim wandte sich um und richtete den Blick jetzt 
wieder auf seine Gemahlin. 
„Nein," — erwiderte er sehr bestimmt, — „ich habe 
nichts bewilligt, denn," — langsamer setzte er hinzu, — „es 
ist noch nicht an der Zeit." 
„So seid Ihr also doch noch unentschloffen?" — froh 
lockte Hedwig, — „das giebt mir frischen Muth, mit allen 
Mitteln, die mir zu Gebot stehen, nicht mit für meine Ueber 
zeugung, sondern auch für die Aufrechthaltung der Staats 
gesetze zu kämpfen!" 
Der Kurfürst konnte eine Bewegung der Unruhe und 
Ueberraschung nicht unterdrücken, da er nicht wußte, auf was 
feine Gemahlin mit der erwähnten Aufrechthaltung der Staats 
gesetze hinzielte. 
„Aus der Zeit Joachims des Ersten, Eures im Kloster 
von Lehnin in Gott ruhenden Herrn Vaters," — fuhr die 
Fürstin fort, — „besteht ein Gesetz, das über denjenigen, der 
die Lutherlehre sündhaft verbreiten hilft, die härtesten Strafen 
verhängt! Sprecht, bin ich recht berichtet?" 
„Das Gesetz ist noch in voller Kraft," — bestätigte der 
Kurfürst, — „gewiß, wenn auch in heuriger Zeit veraltet!" 
Ueber das Antlitz der Kurfürstin flog ein Lächeln grau 
samen Triumphs; sie wußte jetzt, daß ein Opfer fallen mußte. 
„Also wirkt das Gesetz doch noch," — triumphirte sie, 
— „wenn man's in Anspruch nimmt, ich athme aus, denn 
meine Seele empfindet Genugthuung ob Eures Spruchs!" — 
Mit blitzenden Augen fuhr sie immer strenger fort: — „Nun, 
so zeige ich, die Fürstin dieses Landes Euch, dem Schirmherr» 
der Gesetze an, daß ein Berliner Handelsmann, mit Namen 
Martin Straube, in offener Krambude im Bereiche unserer 
Burg mit Wittenberg'scher Schrift schamlosen Handel treibt! 
Jetzt seid Ihr von dem Frevel unterrichtet, Kurfürst, mm 
handhabt das Gesetz!" 
Der Kurfürst trat einen Schritt von seiner Gemahlin 
zurück und betrachtete sie mit ernstem Kopfschütteln. 
„Ich muß gestehen," — sagte er dann ruhig, — „Ihr, 
Hedwig, seid ein wahres Bild der Kirche, für welche Ihr so 
eifervoll in die Schranken tretet! Ihr feffelt in blendender 
Gestalt durch mannigfache Reize Aller Blicke, zieht uns mächtig 
an, und stoßt gleich daraus durch Härte und Grausamkeit 
doch wieder ab! Ihr frohlockt förmlich im voraus über die 
zu erwartende, gewiffe Strafe! Ich vergebe lieber, auf daß 
auch mir einst vergeben werde!" 
Die Kurfürstin machte eine stolze Bewegung, als ob sie 
sagen wollte, der Buchstabe des Gesetzes sei für sie die festeste 
Säule. 
Kurfürst Joachim der Zweite war gewiß der Mann, der 
die Festigkeit dieser Säule anerkannte, für ihn war sie ein 
Fels, doch er umrankte den starren Stein dieses Felsens mit 
dem schönen Immergrün der Menschlichkeit und Gnade- 
„Ich danke Euch für Eure Meldung, Fürstin," — ent 
gegnen er freundlich ernst, — „ich vergesse die Sache des 
Martin Straube nicht und werde sie genauer und schneller 
untersuchen, als Ihr ahnt! Glaubt mir, der Kurfürst von 
Brandenburg kennt seine Pflicht als Herrscher seinen Unter 
thanen gegenüber und ebenso sehr," — setzte er liebens-
        
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