Path:
Volume 2. August 1884, Nr. 45

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

627 
als Ketzer durch Flammentod zu bestrafen sei- Der arme 
Martin Straube war, ohne es zu wisien, für den Scheiter 
haufen reif geworden. 
„Der Zufall," — berichtete Siegmund Rohr der Kur 
fürstin, — „hat mich in das Haus eines Berliner Bürgers 
geführt, welcher durch kleine Biichlein die Wittenberger Lehre 
auf dem Wege des Handels durch Stadt und Land verbreitet; 
er hält die Schriften in einer Krambude ganz in des Schloffes 
Nähe auf dem Domplatz feil!" 
„Wie nennt sich dieser Krämer?" — fragte die Kur- 
sürstin streng. 
„Martin Straube!" — lautete Siegmunds Antwort, — 
„sein Haus liegt am Großen Weg!" 
Die Kurfürstin wiederholte den Namen Martins mehrere 
Male, als ob sie denselben ihrem Gedächtniffe fest einprägen 
wollte. Dann gab sie Siegmund einen Wink, daß er sich 
entfernen sollte, und berieth sich darauf noch kurze Zeit mit 
dem Bischof. 
So wie auch letzterer sie verlasien hatte, begab sich die 
Kurfürstin in ihr Ankleidezimmer, wo sie ihren Kammerfrauen 
Befehl gab, eins ihrer prächtigsten Gewänder zurecht zu legen. 
Sie hatte die Absicht, mit allen Insignien ihrer Würde, als 
Herrscherin des Landes vor ihren Gemahl zu treten. — 
4. 
Im dritten Stockwerke des Schloffes nahm der große 
Saal, welcher für Abhaltung von Staatsaktionen und Hof 
festen bestimmt war, die ganze Länge des Gebäudes auf der 
Seite des Domplatzes ein; die Decke des Saales hing an 
dem Dachstuhle und erregte in ihrer Bauart und mit ihren 
vielen Zierrathen von Holzschnitzerei die Bewunderung Aller, 
welche der Ehre des Eintritts in diesen Prachtsaal theilhaftig 
wurden. 
In diesem Saale empfing Joachim der Zweite auf einem 
Thronseffel unter goldbefranstem, rothsammtenem Baldachin 
sitzend, die Herren des städtischen Raths von Berlin und 
Köln. 
Der Kurfürst stand damals im fünfunddreißigsten Jahre 
seines Lebens. Das Aeußere des fürstlichen Herrn von 
Brandenburg war imponirend, hoch und schlank sein kräftiger 
Wuchs. Der Kopf mit dem von einem blonden Vollbart 
umrahmten Antlitz ragte majestätisch zwischen den breiten 
Schultern empor; in seinen großen blauen Augen lag bei 
allem leutseligen Ausdruck etwas Prüfendes, das der gewöhn 
liche Mensch fürchtet, welches aber den Gebildeten, geistig Be 
gabten und namentlich jeden Ehrenmann anzieht, anziehen 
muß, da es innere Kraft, Menschenkenntniß und Gerechtigkeits 
liebe verräth. 
Kurfürst Joachim der Zweite, ein echter Mann, voll 
ritterlicher Galanterie gegen die Frauen, welche er hoch ver 
ehrte, war gegen Jedermann herablaffend, aber nicht in jener 
feierlichen, ceremoniellen Manier, welche erkältet und erst recht 
unnahbar macht, sondem unverkennbar leuchtete bei dem Kur 
fürsten die Absicht hervor, den intelligenten Menschen an sich 
zu fesseln, weil er im Verkehr mit solchem das lästige Formen 
wesen abwerfen und sich geistig ohne Zwang gehen laffen 
konnte. Der geistig Bevorzugte stand ihm näher als der 
Mann, welcher nur einen vornehmen Namen hatte, sonst aber 
von jenen rohen und ungelenken Sitten war, welche bis noch 
vor kurzem die Bewohner der Mark im allgemeinen charak- 
terisirten. 
Daher standen die Chronikenschreiber Jobst, Haftitz, 
Garzäus und Leutinger, sowie der Maler Johann 
Baptist« beim Kurfürsten in hoher Gunst und nahmen an 
seinem Hofe eine bevorzugte Stellung ein. 
Bei diesem leutseligen Charakter des Kurfürsten war es 
der Deputation des städtischen Rathes leicht geworden, diese 
Audienz, in welcher der Kurfürst sie so eben empfing, zu er- 
langm. 
Der Rathsherr Buttenius war der Sprecher gewesen, 
welcher dem Kurfürsten die Wünsche des Raths und der 
Bürger beider Residenzstädte Berlin und Köln in wohlgesetzter 
Rede vorgetragen hatte. 
Als Buttenius geendet und mit zwei tiefen Verbeugungen 
wieder in die Reihe seiner Amtskollegen zurückgetreten war, 
erhob sich der Kurfürst. 
„Aufmerksam und gern," — begann Joachim mit seiner 
sonoren Stimme, — „habe ich, Ihr Herren, Euch angehört! 
Stets habe ich ein williges Ohr für die Wünsche meiner 
treuen Städte und bin eifrig bemüht. Euch in dem zu will 
fahren, was ich mit meiner Herrscherpflicht vereinigen kann! 
Das möchte bei den ersten drei mir vorgetragenen Wünschen 
eintreffen. Ihr mögt den Altar und das Benefizium in der 
Marienkirche einziehen und es für den Unterhalt von Küster, 
Organist und Schulmeister verwenden. Auch braucht Ihr den 
bisher den grauen Mönchen gespendeten Zins nicht mehr zu 
zahlen und endlich ist es mir genehm, wenn Ihr die Gelder 
des reich dotirten Rode'schen Altars in Stipendien für Ber 
liner Bürgerssöhne anlegt, damit sie in Frankfurt studiren 
können und des Lebens frischer Geist durch todtes Gold ge 
fördert werde!" 
Der Kurfürst hielt in feiner Rede inne, gleichsam als 
wolle er einen Abschnitt machen zwischen dem, was er gesagt 
und dem, was jetzt noch folgen sollte. 
Diese bewilligten Bitten betrafen alle drei die sinkende 
Macht des Katholizismus, da sie Einrichtungen aufhoben, 
welche zur Blüthezeit des römischen Papstthums entstanden 
waren. 
Sämmtliche Rathsherren verneigten sich tief, als der 
Kurfürst nach Bewilligung der drei Bitten einige Augenblicke 
schwieg, aber mit von der Ehrfurcht nur schlecht verhüllten 
Ungeduld harrten sie auf die Forsetzung der fürstlichen Rede, 
da der Hauptpunkt noch zu erledigen blieb. 
Die Wichtigkeit dieser letzten Entscheidung schien auch den 
Fürsten zu erfüllen, denn mit noch größerem Nachdruck in seiner 
Rede fuhr er fort: „Das Gesuch, das von Euch zum Schluß 
mir vorgetragen wurde, will jedoch von mir erst gründlich 
überlegt werden. Deshalb sage ich darauf für heute weder 
„Ja" noch „Rein!" Vorläufig gestatte ich aber eine 
Neuerung, die so ganz von herkömmlichen Bräuchen beim 
Gottesdienst abweicht, wie Ihr sie zu der bevorstehen 
den Osterfeier erbeten habt, noch nicht! Ich versichere 
dem hohen Rathe schließlich meine Huld und ist derselbe für 
heute in Gnaden entlaffen!" 
Der Kurfürst winkte gnädig mit der Hand und die 
Rathsherren zogen sich, von der Leutseligkeit des hohen Herrn 
zwar sehr erfreut, aber doch etwas enttäuscht, nach tiefen 
i Bücklingen zurück; ihre Hauptbitte war nicht erfüllt worden.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.