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Periodical volume 2. August 1884, Nr. 45

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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ein Kourier aus Polen von ihrem königlichen Vater gebracht, 
während sie heute im Dom die Frühmeffe gehört hatte. Aus 
einem der anstoßenden Gemächer führte ein hölzerner, bedeckter 
Gang, auf Holzpseilern ruhend, nach der Domkirche hinüber, 
so daß die Kurfürstin zur Ausübung ihrer Andacht dorthin 
gelangen konnte, ohne daß sie den damals noch ungepflasterten 
Domplatz selbst zu überschreiten brauchte. 
Aus ihrem gedankenvollen Sinnen wurde die fürstliche 
Frau durch Musikklänge aufgeschreckt. Sie blickte hoch und 
sah, von einer lärmenden Volksmenge umgeben, den Zug 
städtischer Rathsherren, im vollen Amtsornat, geziert mit 
güldenen Halsketten, den Domplatz überschreiten und in das 
Schloßportal verschwinden. Die Stadtpfeifer und Fiedler 
zogen voran, indem sie in Ausübung ihrer Kunst gar herr 
liche Weisen aufspielten. 
Das Summen aus der Volksmenge drang bis zum Ohr 
der Kurftirstn hinauf. 
Kurfürstin Hedwig runzelte die Stirn und blickte nur 
noch finsterer. Sie wußte, was das Kommen der Raths 
herren bedeutete. Es flog ein böser Geist durch alle Lande, 
der vom Mönch von Wittenberg geweckt war. Sie hatte den 
Streit über die neu aufgetauchte Lehre des Augustinermönches 
Martin Luther bis jetzt nicht der Beachtung werth gehalten, 
noch viel weniger an die Möglichkeit gedacht, daß ihr fürst 
licher Gemahl sich selbst zu dieser neuen Lehre neigen könnte- 
Georg von Blumenthal, der Bischof von Lebus, 
der vor wenigen Jahren in Krakau für den Kurfürsten um 
ihre Hand geworben und die Ehepakten bis zur Unterzeich 
nung gebracht hatte, stand bei ihr in größter Gunst. So 
groß diese Gunst aber auch war, hatte der Bischof, ein fana 
tischer Katholik und Anhänger Roms, doch nie den Samen 
des Mißtrauens gegen ihren Gemahl in das Herz der Kur 
fürstin streuen können. Der Bischof hatte ihr verschiedene 
Male warnend zugeflüstert, daß der Kurfürst sich insgeheim 
der Lutherlehre zuneige, wie sein Bruder, Markgraf Johann 
von Cüstrin, der dieselbe für die Neumark schon öffentlich ein 
geführt und angenommen hatte; aber die Kurfürstin war 
von einer solchen Möglichkeit bis jetzt nie zu überzeugen 
gewesen. 
Heute dachte sie anders. 
So wie sie den Brief ihres Vaters gelesen, hatte sie so 
gleich Befehl gegeben, den Bischof von Lebus zu ihr zu rufen. 
Jetzt erwartete sie ungeduldig die Ankunft dieses Kirchen 
fürsten. 
Endlich wurde ihr derselbe durch ihren Kammerdiener 
Siegmund Rohr gemeldet. 
Sie gab mit der Hand ein Zeichen zum Eintritt des Er 
warteten. 
Der Bischof trat ein, eine hohe, gebietende Gestalt im 
rauschenden Gewand von penseefarbener Seide. Aus dem 
glattrasirten, gelblich blaffen Antlitz funkelten kleine graue 
Augen, in denen er nur mühsam den Ausdruck auflodernder 
Siegesfreude unterdrückte. 
Die Kursürstin hatte sich erhoben und neigte sich tief vor 
dem Bischof, der mit der ausgestreckten Rechten das Zeichen 
des Kreuzes gegen die Stirn der Fürstin machte. 
So hatte sie ihn zuerst als demuthSvolle Katholikin be 
grüßt; nachdem sie dieser Seelenpflicht genügt, erhob sie sich 
stolz und herrisch als Gebieterin von Brandenburg. 
Sie hielt den Brief des Königs von Polen den: Bischof 
vor die Augen- 
„Ihr, Bischof," — rief sie erzürnt, — „Ihr hattet Recht, 
und ich war sehend blind! Mein königlicher Vater schreibt 
mir beunruhigt, da er wie Ihr fürchtet, daß mein Gemahl 
sich zu der Wittenberger Lehre neigt! Er räth mir einzu 
schreiten, soweit es in der Macht der Frauenwürde liegt, und 
Ihr seht mich nun bereit, aus voller Ueberzeugung für die 
Erhaltung der römischen Macht und gegen die Verbreitung 
der Lutherlehre zu kämpfen!" 
Der Bischof verbeugte sich vor der Landesfürstin. 
„Rehmen Durchlaucht durch meinen Mund den Dank 
unserer Kirche! Die Heiligen senden uns im letzten Augen 
blicke Rettung, da Ihr, durchlauchtige Frau, Euch nun mit 
Rath und That auf unsere Seite stellt! Gefahr ist im Verzug, 
denn Kurfürst Johann empfängt in dieser Stunde den Rath 
der Stadt Berlin, welcher schon für die bevorstehende Oster 
feier Aenderung in den kirchlichen Gebräuchen fordert!" 
„Ich weiß es," — erwiderte die Fürstin finster, — „ich 
weiß es und glaube jetzt Alles, was Ihr mir warnend oft- 
mals zugeflüstert, doch sprecht, wie konnte es geschehen, daß 
diese verderbliche Sache so weit gedieh?" 
. „Lernt, durchlauchtige Frau, die Mittel kennen, welche 
unsere Feinde gebrauchen! Ehrfurchtsvoll bitte ich, zu ge 
statten, daß hierbei ein anderer für mich redet!" 
Auf das bejahende Zeichen der Kurfürstin ging der 
Bischof einige Schritte zurück, öffnete die Thür des Vor 
gemachs und winkte Siegmund Rohr herein. 
Die Kurfürstin hatte geglaubt, daß der Bischof einen 
zweiten geistlichen Herrn mitgebracht und ihr denselben jetzt 
zur Aufdeckung irgend einer geheimnißvollen Intrigue vor 
stellen wollte; als sie aber ihren Kammerdiener erscheinen sah, 
wandte sie verwundert ihren fragenden Blick von diesem aus 
den Bischof. 
Letzterer bedeutete den Kammerdiener, daß die Kursürstin 
befohlen hätte, vor ihr zu sprechen. 
Siegmund Rohr verneigte sich tief vor seiner fürstlichen 
Gebieterin und erzählte derselben das Resultat eines geschickt 
angelegten Komplotts, das der Bischof ersonnen und er aus 
geführt hatte. Unter der Maske eines Bewerbers um die 
Hand der Tochter hatte er bei Barbara, der Ehefrau des 
Handelsmanns Martin Straube, Eingang gefunden und das 
eitle Herz derselben durch Schmeichelei gewonnen. Es hatte 
den geistlichen Machthaber, die ihre Spione überall hatten, 
nicht verborgeil bleiben können, daß Martin Wittenberg'sche 
Bücher verkaufte; er war in seinem Handel scharf beobachtet 
worden, und Siegmund Rohr hatte durch Barbara das 
Kellergeheimniß ihres Mannes bald genug erfahren. 
Der Bischof wußte, was er wiffen wollte, und baute auf 
diese Erkenntniß seine weiteren Pläne. 
Martin Strailbe war, ohne daß er eine Ahnung davon 
hatte, durch seine eigene Frau verrathen worden und athmete 
schon längst unter einem unsichtbaren Retz, deffen Schlinge der 
Bischof von Lebus in der Hand hielt; jetzt war die Zeit ge 
kommen, wo das Retz zugezogen werden sollte. 
Aus der Regierullgszeit des vorigen Kurfürsten, Joachim 
des Ersten, der ein Todfeind Martin Luthers und seiner Lehre 
war, bestand noch ein Gesetz, daß jeder, der das Lutherthum 
bekennen oder durch Wort und Schrift zu verbreiten suchte.
        
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