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Periodical volume 26. Juli 1884, Nr. 44

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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außerordentlichem Geiste und gebieterischem Willen einzunehmen, aber 
nie hat der Kaiser ihnen Gehör gegeben. Er hat vorzügliches Vertrauen 
zu allen hohen Personen, die ihn umgeben, vor allem zum Kanzler, er 
folgt ihren Rathschlägen gern, aber niemals blindlings, er wird mit 
ihnen, wenn er Zweifel hat, sich auseinandersetzen, aber seine Zustimmung 
erst dann geben, wenn er vollauf überzeugt ist von der Weisheit und 
Gerechtigkeit der Rathschläge. Mehr als einmal hat Bismarck, dessen 
große Ehrerbietung und Liebe für den alten Kaiser etwas eigenthümlich 
Rührendes hat, seinem Herrscher nachgegeben, wenn er auch geglaubt hat, 
selbst im Rechte zu sein. 
Der Verfasser geht dann aus des Kaisers Vorliebe für das Heer, auf 
seine geringen Lebensbedürfnisse, auf seine Wirthfchaftlichkeit und Groß 
herzigkeit, seine Liebenswürdigkeit, die gleichwohl jede familiäre Annähe 
rung ausschließt, über; er schildert den Kaiser in seinem Aeußeren, in 
seinem Erscheinen und Auftreten zu Pferde, in seiner Unterhaltungsgabe, 
in dm Beziehungen zu den Mitgliedern seiner Familie und alle die 
Einzelheiten, die er uns erzählt, beweisen, daß dieser englische Schrift 
steller tiefere Einblicke in die Berliner Gesellschaft gethan hat, als es 
vielen Deutschen, ja, selbst vielen Berlinern zu thun vergönnt ist. Um so 
gespannter sehen wir dem zweitm Theile dieser Abhandlung entgegen, 
der sich mit vielen einzelnen Personen der Berliner Gesellschaft beschäf 
tige» und voraussichtlich im nächsten Hefte von Blackwoods Magazine 
erscheinm wird. 
vr. Lark Aich. Dcpsius (mit dem Portrait S. 617). In der 
Frühe des 10. Juli starb einer der bedeutendsten Gelehrten Berlins und 
wurde am 12. Abends aus dem Domkirchhofe in der Müllerstraße beige 
setzt. Lepsius war geboren am 23. Dezember 1810 zu Naumburg. Er 
besuchte von 1823 — 29 die Landesschule Pforta und wandte sich 1833, 
nachdem er in Berlin promovirt hatte, nach Paris, wo er auf die 
Empfehlung Alex. v. Humboldts bei den französischen Gelehrten die beste 
Aufnahme fand. Hier verfaßte er die Schrift: Paläographie als Mittel 
der Sprachforschung, welcher vom französischen Institute der Volneysche 
Preis zuerkannt wurde. In Paris wandte er sich besonders dm ägyptischen 
Studien zu, die er dann an verschiedenen Orten Jtalims, zumal seit 
April 1833 zu Rom fortsetzte. Hier schrieb er 1837 über das hiero- 
glyphische Alphabet, über die Säulenordnungen der Aegypter, später über 
umbrische und oskische Inschriften. Dann ging er zwei Jahre nach Eng 
land. Rach Deutschland zurückgekehrt, veröffentlichte er als Frucht seiner 
ägyptischen Studien seine „Auswahl der wichtigsten Urkunden des 
ägyptischen Alterthums" in 23 Tafeln und „Das Todtenbuch der Aegypter 
nach dem hieroglyphischen Papyrus in Turin" in 79 Tafeln (beides Leipzig 
1842), welchem letztem später die „Aeltesten Texte des Todtenbuches aus 
dem Altm Reich" (Berlin 1867) sich anschlössen. Im Jahre 1842 wurde 
er zum außerordentlichen Professor in Berlin emannt und mit der Leitung 
einer ägyptischen Expedition beauftragt, welche König Friedrich Wilhelm IV. 
von Preußen auf Fürsprache Humboldts, Bunsms, des Ministers Eich 
horn und der Akademie der Wissenschaften beschlossen hatte. Er ging zu 
nächst im Sommer 1842 wieder nach London, wo er bis Mitte September 
verweilte. In Alexandrien fand sich sodann die ganze Expedition zu 
sammen, welche von Mehemed-Ali aufs zuvorkommendste begünstigt wurde 
und in jeder Beziehung eine der glücklichsten war. Anfang 1846 kehrte 
lrepsius nach Berlin zurück und wurde nun zum ordentlichen Professor an 
der Universität «mannt, 1850 aber zum Mitglied der dortigen Akademie 
der Wissenschaften erwählt. Zur Zeit seiner Rückkehr war das Neue 
Museum im Bau begriffen, besten ägyptische Abtheilung nach seiner An 
ordnung in ägyptischen Architektursormen ausgeführt, mit ägyptischen 
Wandgemälden, die er 1855 (in zweiter Ausgabe 1870) veröffentlichte, 
verziert und mit der von ihm mitgebrachten reichen Sammlung historischer 
Denkmäler gefüllt wurde. Zugleich begann er in einer Reihe umfassender 
Arbeiten die Ergebnisse seiner Forschungen bekannt zu machen. Das 
große, auf Staatskostm herausgegebene Prachtwerk „Denkmäler aus 
Aegypten und Aethiopien" erschien zu Berlin 1849 — 59 in 900 Tafeln 
größten Formats. Im Frühjahr 1866 untemahm Lepsius eine zweite 
Reise nach Aegypten, hauptsächlich behufs geographischer Untersuchungm 
im Nildelta. Bei dieser Gelegenheit fand er in den Ruinen von San 
(Tains) eine überaus wichtige Inschrift, ein hieroglyphisch, griechisch und 
demotisch abgefaßtes Dekret der zu Kanopos versammelten ägyptischen 
Priester zu Ehren des Ptolemäus III. Euergetes I., welche für verschie 
dene Zweige der ägyptischen Alterthumswissenschaft bedeutende Ergebnisse 
lieferte und in demselbm Jahre zu Berlin veröffentlicht wurde. Im Jahre 
1869 ging er auf Einladung des Vizekönigs von Aegypten zum dritten 
Male nach Aegypten, um der Eröffnung des Suezkanals beizuwohnm, 
und begleitete nach dm Festm den Kronprinzen Friedrich Wilhelm von 
Preußen nach Oberägypten und Unternubien. 
Kans Dud. von Milchofswerder (zu dem Portrait S. 613). Die 
Geschichte dieses Günstlings König Friedrich Wilhelms II. ist im 
wesentlichen die Geschichte dieses Herrschers selbst. Hier nur Notizen, 
welche das Leben Bischosswerders direkt berühren. Bischofswerder war 
ein geborener Sachse. Er stammte aus einem armm adligen Geschlecht 
und war am 11. November 1740 zu Ostramünde im thüringischen 
Amte Eckardtsberge geborm. Im siebenjährigen Kriege, 1760, trat er 
als Cornet in das prmßische Heer ein, ward nach dem Frieden Kammer 
herr in Dresden und kam dann als Stallmeister in die Dimste des 
sächsischen Prinzm Karl, Herzogs von Curland. Im Jahre 1778 gab er 
seine Stellung auf und kommandine unter dem Prinzen Heinrich im 
bairischen Erbfolgekriege eine von ihm selbst errichtete Jägerabtheilung. 
Nach dem Frieden kam er in die königliche Suite und war seitdem un- 
zertrmnlicher Gesellschafter des Kronprinzen. 
Wie der Gräfin Lichtenau, so vergalt der König auch Bischofswerdern 
die dem Kronprinzen bezeugte Anhänglichkeit und Treue. Der Günstling 
stieg schnell von Stufe zu Stufe und länger als elf Jahre galt Bifchofs- 
- Werder Alles bei Hofe: er hatte die Leitung der auswärtigen Politik 
und die Führung des Staatsschiffes im Großen und Ganzen. 
In dieser Zeit erwarb Bischofswerder das Gut Marquardt bei 
Potsdam, wo er durch das denkbar froheste Ereigniß seines Lebens, durch 
die Geburt eines Sohnes beglückt wurde. Das alte Haus Bischofs 
werder, das bis dahin nur auf zwei Augen gestanden hatte, stand wieder 
! auf vier. 
Am 16. November 1797 starb König Friedrich Wilhelm II. Bischofs 
werder befand sich im Vorzimmer des Marmorpalais. Er ließ die Cin- 
i gänge zum neuen Garten besetzen, warf sich auf's Pferd und eilte nach 
Berlin, um als Erster den Kronprinzen als König zu begrüßen. Er 
empfing den Stern des Schwarzen Adlerordens. Dann aber zog er sich 
ganz ins Privatleben zurück und verschied in seinem Stadthause in Potsdam 
am 30. Oktober 1803; wurde jedoch in Marquardt beerdigt. 
Er war ein stattlicher Mann, von regelmäßigen Zügen, ein Meister 
im Fahren und Fechten, im Schießen und Schwimmen, von gefälligen 
Formen und bei den Frauen wohlgclitten. Der erst 1858 gestorbene 
Sohn Bischofswerders, eine echte Garde-du-Corpserscheinung, war das 
Abbild des Vaters. Die Gemahlin des Generals war eine geborene 
von Tarrach, verwittwete Gräfin Pinto, und beschenkte ihren zweiten 
Gemahl außer mit dem erwähnten Stammerben mit drei Töchtern, 
Luitgarde (spätex vermählt mit General von Witzleben), Blanka, 
welche di« Gattin eines Herrn von Maltzahn wurde und Bertha, 
welche ihre Hand einem Herrn von Ostau, damals Rittmeister bei den 
Garde du Corps, gab. Von der zweiten Tochter, Blanka, pflegte die 
Mutter zu sagen: 
„Meine Blanka, blink und blank, 
Ist die Schönst' im ganzen Land." 
Frau von Bischofswerder starb am 2. November 1833 im Hause 
ihrer Tochter (Frau Oberst von Witzleben) zu Potsdam; ihr Sohn, der 
am 16. März 1848 auf dem Berliner Schloßplatz als Kommandeur der 
Garde-Kürassiere einhauen ließ, starb als General am 24. Mai 1658. 
Aus der Rückseite des Kreuzes, das über seiner Gruft auf dem kleinen 
Marquardter Kirchhofe aufgerichtet wurde, stehen die Worte: 
„Der Letzte seines Namens." 
Nur zwei Töchter verblieben von seiner Gemahlin, einer geborenen 
von Schlabrendorf. Die ältere, Pauline, vermählte sich mit Herrn 
von Damnitz. Dieser blieb zwei Jahre im Besitz von Marquardt und 
j sein Regiment hat sich dadurch für alle Zeiten ein Gedächtniß bewahrt, 
j daß er das Familienarchiv der Bischofswerder, welches in einer 
! Tonne verwahrt wurde und überaus wichtige Dokumente zur Geschichte 
> Friedrich Wilhelms II. enthielt, verbrennen ließ. 
Zwei Tage lang wurde der Marquardter Backofen mit den wichtigsten 
j Staatsgeheimnissen aus einer der interessantesten Perioden Preußens 
j geheizt. — 
Meue 2>fcrdcbahneu. In dem vom Stadtverordneten-Ausschusse 
genehmigten Nachtragsetat mit der Großen Berliner Pferde 
bahngesellschaft sollen an dieselbe folgende 12 Linien, von denen 
einige in früheren Mittheilungen schon genannt sind, vergeben werden: 
1) Linie von der Prinzen-AIlee durch die Pank-, Reinickendorfer-, 
Fenn-, Perleberger-, Birken-, Strom-, Lessing-, Altonaerstraße über den 
„Großen Stern" die Hofjäger-Allee, Friedrich-Wilhelmstraße, um den 
Lützowplatz, durch die Maaßenstraße, Bülowstraße, durch die Bahnüber 
führung, durch die Jork-, Gneisenaustraße, die Hasenhaide entlang, durch 
die Fichte-, Grimm-, Admiral-, Adalbertstraße, am Engelufer entlang bis 
zur Schillingsbrücke. Hiervon soll die Strecke Stromstraße- 
! Prinzen-Allee sofort nach ertheilter Genehmigung der zuständigen 
Behörden gebaut werden. Für den Theil Bülowstraße-Hasenhaide 
soll die Genehmigung sofort nachgesucht und mit dem Bau möglichst 
gleichzeitig mit den Bahnunterführungen vorgegangen werden. 2) Linie 
von Weißensee durch die Prenzlauer-Allee, Danzigerstraße, Kastanien- 
Allee, die Invaliden-, Luisenstraße, Marschallbrücke, Dorotheenstraße. 
3) Linie vom Görlitzer Bahnhof über den Lausitzerplatz, durch die 
Waldemar-, Bukower-, Dresdener-, Rohstraße bis zum Köllnischen 
Fischmarkt. 4) Linie von der Kleinen Präsidentenstraße durch 
die Burgstraße, über die Friedrichsbrücke, den Lustgarten und die Schloß- 
freiheit nach dem Schloßplatz. 5) Linie von der Behrenstrahe 
durch die Markgrafen-, Ritter- und Reichenbergerstraße. 6) Linie 
i vom Ostbahnhof durch den Grünen Weg, Blumenstraße bis zur 
Alexander st raße, eventuell nach Freilegung der neu projektirten Straße 
zwischen Blumen- und Stralaucrstraße bis zur letzteren. 7) Linie in der 
Friedrichstraße von der Kochstraße bis zur Behrenstrahe. 8) In 
der Jerusalemerstraße von der Kronen- bis zur Krausenstraße. 
9) Linie vom Hausvoigteiplatz durch die Oberwall- und Jägerstraße 
nach dem Werderschen Markt. 10) Linie vom Schloßplatz über 
die Kurfürstenbrücke durch die Königstraße bis zur Spandauer st raße, 
diese Linie jedoch nur für den Fall, daß die sogenannte Kaiser-Wilhelms 
brücke erbaut wird. 11) Die Linie Jannowitzbrücke - Alexander 
platz. 12) Die Linie Molkenmarkt-Spittelmarkt, jedoch nur 
unter der Voraussetzung, daß von den anderen betheiligten Behörden die 
Anlage dieser Linie ohne Verbreiterung der Gertraudtenstraße und ohne 
i Neubau der Gertraudtenbrücke ertheilt wird. Auch die Linien Janno-
        
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