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Periodical volume 26. Juli 1884, Nr. 44

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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großen deutschen Reiches geworden, seitdem in ihr über den Frieden der 
Welt berathen und entschieden wird, seitdem unternehmungslustige Nord- 
und Süddeutsche in ihr den Beruf zur Weltstadt erkannt haben, und 
seitdem die städtischen Behörden unter Leitung ihrer hervorragenden beiden 
Oberbürgermeister Hobrecht und v. Forckenbeck sowie ihres langjährigen 
Polizeipräsidenten v. Madai die großen Aufgaben, die ihnen neu gestellt 
waren, erkannt und gelöst haben. Berlin ist jetzt sogar eine Fremdenstadt 
geworden, in der man sich eben so gut wie in Wien und Paris wochen 
lang ausschließlich seines Vergnügens, seiner Unterhaltung und Beleh 
rung wegen aufhalten kann. Wie sehr das zutrifft und welches große 
Interesse, namentlich die Ausländer, an der Entwicklung und dem Ge 
deihen der deutschen Metropole nehmen, geht wohl am besten aus der 
großen Zahl von Studien und Skizzen hervor, die im Ausland« in 
Büchen: und Zeitschristen über die Stadt veröffentlicht worden sind. Die 
wenigsten freilich sind mit Wohlwollen geschrieben, die Mehrzahl, nament 
lich der französischen, hat sich dabei geradezu aus einen feindseligen Stand 
punkt gestellt und alles Schlechte und Tadelnswerthe der werdenden Stadt 
zu einem wahren Nachtbilde zusammenzufaffen gesucht. 
Eine Ausnahmestellung in der Reihe dieser Skizzen nimmt eine eng 
lische Abhandlung ein, deren erster Theil jetzt in der Julinummer von 
Blackwoods Edinburgh Magazine erschienen ist. Ihre Aufschrift 
lautet: „Berlin in 1884", und ihr Verfasser verwahrt sich in der Vorrede 
ausdrücklich dagegen, ein allgemeines tiefes Urtheil über die Stadt und 
ihre Gesellschaften veröffentlichen zu wollen; er will nur auf Grund seiner 
tüchtigen Kenntniß und nahen Beobachtung einen Beitrag liefern, um die 
jenigen, welche die Stadt noch nicht kennen, mit ihr bekannt zu machen, 
und denjenigen, welche sie bereits kennen gelernt haben, eine größere Ver 
trautheit mit ihr zu verschaffen. 
Als ersten Eindruck, den die Stadt mit ihren 25000 Häusern und mehr 
als einer Million Einwohner auf den Engländer macht, bezeichnet er die 
außerordentliche Stille in den Straßen, die von dem betäubenden Geräusch 
in London und dem stetigen Wechsel des Lebens auf dem Pariser Boule 
vards außerordentlich absteche. Er stellt es für unzweifelhaft hin, daß 
die Deutschen viel mehr als die Franzosen und Engländer sich im Innern 
ihrer Häuser aushalten, es gebe wenige Faullenzer und wenige Vergnü 
gungsreisende aus der Provinz und dem Auslande in Berlin. Die Frem 
den, die nach Berlin kommen, hätten meist einen bestimmten Zweck oder 
ein bestimmtes Geschäft zu verfolgen und richteten ihre Lebensweise nach 
der der Berliner ein. Fast jeder Mensch in Berlin habe eine Beschäfti 
gung, die ihn den ganzen Tag in seinem Bureau oder in seiner Wohnung 
festhalte und die ihn so ermüde, daß er, wenn der Abend kommt, es vor 
zieht, in seiner oder seines Freundes Familie, oder in seinem Klub ge 
müthlich zu bleiben, als öffentlichen Vergnügungen nachzugehen. 
Berlin mache den Eindruck einer durchaus modernen Stadt, deren ein 
ziges altehrwürdiges Gebäude das königliche Schloß sei. Die Bauthätig 
keit in den letzten zehn Jahren sei eine außerordentliche gewesen und 
habe eine so große Abwechslung im Stil und eine solche Neigung zum 
Pittoresken zutage gefördert, daß die neuen Straßen Berlins aufs an 
genehmste von den graden direkten Linien und den eintönigen Faoaden 
der modernen Pariser Avenuen und Boulevards abstechen. Weder in 
London, noch in Paris, um gar nicht von Wien, Rom oder Petersburg 
zu sprechen, könne eine einigermaßen gutgestellte Familie so bequem und 
angenehm, und dabei zu verhältnißmätzig niedrigem Miethspreise wohnen, 
wie in Berlin. Es sei daher auch nicht zu wundern, daß die obern 
Klassen so gern in ihrem gemüthlich eingerichteten Heim verweilten, daß 
man so selten elegant angezogene Damen zu Fuß in den Straßen sehe. 
Aus der andern Seite gebe es auch nur sehr wenige elegante Equipagen 
mit eklen Rossen in Berlin, nicht mehr in der ganzen Stadt, als man 
etwa in einer halben Stunde zur Spazierzeit auf dem Wege von Picka- 
dillv zu Hyde Park oder von den elyseischen Feldern zum Boulogner 
Wäldchen treffe. 
Der frühere Ruf, daß der Berliner Arbeiter nicht mit den ersten eng 
lischen und ftanzösischen Arbeitern wetteifern könne, sei gänzlich veraltet. 
Seit 1866 habe die deutsche Industrie einen unendlichen Fortschritt ge 
macht, und mit ihrer Kraft müsse jetzt der ganze Weltmarkt rechnen. Der 
Deutsche arbeite für die Regel fleißiger und sei weniger anspruchsvoll 
wie der ftanzösische Arbeiter. Die Kaufleute, Gelehrten, Künstler, Be 
amten und Offiziere seien als Regel von Morgens früh bis Abends spät 
unausgesetzt an der Arbeit und lieferten zum Theil ganz Hervorragendes. 
Auch die Zahl der Berliner Zeitungen und Zeitschriften sei eine außer 
ordentliche, wenn auch die größte deutsche Zeitung, die Kölnische, nicht 
in Berlin erscheine; gleichwohl aber sei die Kölnische Zeitung kraft ihres 
eigenen Drahtes zwischen Berlin und Köln und ihrer Berliner Einrich 
tungen im Stande, die hervorragendsten politischen Nachrichten ebenso schnell 
zu veröffentlichen, als die bestunterrichteten Berliner Zeitungen. 
Oeffentlichc Konzerte gebe es sehr viele und gute, wie denn auch in 
jeder gut erzogenen Familie Dlusik getrieben würde. In der guten Ge 
sellschaft werde es fteilich sehr ungern gesehen, daß Dilettanten die Unter 
haltung durch Musikvorträge störten. Dort würden vielmehr, wenn 
überhaupt Musik getrieben werden sollte, Künstler dazu geladen. Den 
Berliner Theatern sei nicht viel gutes nachzusagen. Das königliche 
Opernhaus habe ein sehr gutes Balletkorps und ebenso wie das könig 
liche Schauspielhaus sehr achtenswerthe Künstler, aber sehr wenige Kräfte 
ersten Ranges. Nur in dem jungen „Deutschen Theater" werde jetzt gut 
gespielt. 
Der Berliner Banauier und Kaufmann werde wohl nicht mehr und 
nicht weniger arbeiten wie die übrigen Großkaufleute der Welt, er sei 
aber namentlich seit 1866 außerordentlich erfolgreich gewesen, und viele. 
selbst für Londoner und New-Iorker Verhältniffe große Vermögen seien 
namentlich in Berlin entstanden. 
Der Beamte nehme in der Berliner Gesellschaft eine ganz eigenthümliche 
Ausnahmestellung ein; er sei selten reich, meist verheirathet und habe oft 
eine große Familie, die ihm schwere Opfer auferlege; er sei nüchtern, 
fleißig, zuverlässig, zuweilen langsam und ernst, sehr achtungswerth und 
sehr stolz auf diese seine Stellung. Er führe ein sehr zurückgezogenes Leben 
und stehe in dem Ruf, ein sehr trockener Arbeiter zu sein, gegen einen sehr 
geringen Lohn seine Arbeit in höchst gewissenhafter Weise und mit wahrer 
Liebe zu verrichten. Von allen hohen Beamten sei in erster Linie zu 
nennen der Generalpostmeister vr. Stephan, dessen unermüdlicher That 
kraft der große Fortschritt zu verdanken sei, den der Postdienst in dm 
letzten 14 Jahren gemacht habe. Er habe es durchgesetzt, daß alle seine 
Untergebenen vom Direktor bis zum Briefträger sich durch ihre außer 
ordentliche und stete Höflichkeit gegen das Publikum auszeichnen. In 
keinem Lande sei der Postdimst so vorzüglich eingerichtet wie in Deutschland. 
Zu den am meisten Arbeitenden in Berlin gehörten die Generalstabs 
offiziere, eine Vereinigung des Bücherwurms mit dem Soldaten, sehr hoch 
in der öffentlichen Achtung und sehr stolz darauf. Ihr Leiter, Graf 
Moltke, der Schweiger, gilt als der größte und ist der erfolgreichste der 
lebenden Soldaten. Schweigsam, ruhig, kalt, das echte Abbild des 
wahren angestrengten inneren Denkens, so geht er auf der Straße, so 
bewegt er sich in Gesellschaft, so stand er auf dem Schlachtfeld« mit kaltem 
klaren Auge, von einem Punkte zum andern langsam schauend, mit kaltem, 
klarem Verstand die Aussichten von Sieg und Niederlage abwiegend. Seine 
Ruhe erscheint geheimnißvoll, ja, fast furchtbar, und es umgiebt etwas selt 
sam Düsteres den schweigsamen, einsamen alten Mann. Wenn das Wetter 
gut ist, sieht man wohl einen sehr hohen schlanken Herrn mit sehr hellem 
gelblichem Haar und einem bleichen, bartlosen, durchfurchten Gesicht, aus 
dem ein paar harter grauer Augen hervorleuchten, einhergehen, in einen 
langen dunkeln Militärmantel gehüllt, eine Mütze auf seinem schmalen 
Kopfe, in einer tadellosen Generalsuniform, ein geborener Edelmann in 
jedem Zoll seiner aristokratischen schlanken Figur, aufrechten Ganges, aber 
den Kopf wie tief in Gedanken etwas nach vorwärts gebeugt. Diesen 
Herrn sieht man dann leicht, langsam, geräuschlos das rothe Generalstabs 
gebäude am Königsplatze verlassen. Kein Mensch begleitet ihn, jedermann, 
der ihm begegnet, schaut ihm aufmerksam nach, vorbeigehende Soldaten 
stehen still und grüßen, der alte General erwidert langsam den Gruß, 
doch offenbar ohne zu sehen, wer ihn grüßt. Das ist der Generalfeld 
marschall Graf Hellmuth v. Moltke, einer der seltsamsten Charaktere, den 
die Welt je erzeugt hat, dessen große geschichtliche Person zu sehen schon 
allein eine Reise nach Berlin verlohnt. 
Nach dieser allgemeinen Betrachtung der Stadt und ihrer Bewohner 
geht der ungenannte Verfasser auf die eigentlichen Gesellschaftskreise der 
deutschen Weltstadt ein. Er hebt die Parteilichkeit und Böswilligkeit der 
meisten, namentlich der französischen, Schilderungen dieser Kreise hervor, 
betont, welch scheußliches Bild man sich von den ftanzösischen Gesell 
schaftskreisen machen müsse, wenn man nur die verschiedenen Schilderungen 
zusammenstelle, die in Frankreich selbst die Republikaner, Legitimsten 
und Bonapartisten von ihrer Gegenpartei entwerfen und die in vieler 
Hinsicht viel schlimmer und bösartiger lauteten, als sie je ein Franzose 
; über Deutschland geäußert. Um so mehr freut sich der Verfasser, die 
guten und achtungswerthen Seiten der Berliner hervorheben zu können. 
Als Haupt dieser Gesellschaft steht natürlich der Kaiser und sein Hof da. 
Kein König von Preußen, kein Kaiser von Deutschland hat mehr geleistet 
für die Größe seines Volkes, als dieser unablässig arbeitende, furchtlose, 
gewissenhafte Greis, der noch jetzt bei seinen 87 Jahren mit nie fehlendem 
ernsten Fleiße alle die schweren Pflichten seines hohen und wichtigen 
Berufes erfüllt. Er ist das Muster eines Souveräns, ein geborener König. 
Kein Fürst kann von seinen Unterthanen so geehrt und geliebt werden, wie 
Kaiser Wilhelm von seinen Deutschen. Sie lieben ihren alten Kaiser, weil 
er gütig zu ihnen ist, weil er gerecht ist, weil sein Leben rein, seine Seele 
unerschrocken ist, weil er unablässig arbeitet, aufä strengste seinen Beruf 
erfüllt wie der fleißigste seiner Unterthanen, weil sein hohes Alter seine 
Volksthümlichkeit vermehrt, weil er wie ein Bild der Macht und Größe 
Deutschlands dasteht. Vor 1871 kannten die Deutschen nicht den wahren 
Stolz, deutsch zu sein; kamen sie nach England oder Frankreich, so nahmen 
sie ftemde Sitten an und suchten selbst im Auslande den Schein zu erwecken, 
als wenn sie wirkliche Eingeborene seien. Der Deutsche ist jetzt stolz 
auf seine Geburt; er bewundert immerhin noch die großen Seiten der 
Nachbarvölker, weist aber meist mit ruhigem, gutmüthigem Lächeln die 
chauvinistischen Redensarten der Franzosen zurück. Unter Kaiser Wilhelms 
Regierung ist dieser Umschwung erzielt worden, ist Deutschlands Macht 
und Größe gesichert worden; daher Deutschlands Dankbarkeit für seinen 
alten Kaiser. Er selbst, der große Kriegsheld, ist alles andere, nur nicht 
blutdürstig und grausam, er verabscheut den Krieg, er hat nichts vom 
Eroberer an sich, er legt nicht einmal Gewicht darauf, daß man ihn für 
einen großen General hält, er hat noch nie versucht, ein Atom von dem 
Ruhmeskranze Moltkes wegzunehmen. Er ist der Kaiser, wie ihn Goethe 
in dem zweiten Theile des „Faust" schildert, er findet seine höchste Be 
friedigung im Befehlen, sein ganzes Leben besteht aus Handlungen, nie 
ist er eifersüchtig gewesen auf seinen großen Kanzler, selbst dann, als der 
Name dieses Mannes der volksthümlichste in Deutschland wurde, selbst 
dann, als jedermanns Mund Bismarck als den Helden feierte, der Deutsch 
land zu dem jetzigen mächtigen Reich emporgehoben. Keiner war zu jener 
Zeit stolzer auf Bismarck als gerade der Kaiser, denn Bismarck war ja 
für ihn der treue Vollstrecker seiner kaiserlichen Befehle. Bismarcks 
. Feinde haben wiederholt versucht, den Kaiser gegen diesen Mann von
        
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