Publication:
1884
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-14589026
Path:

621
menschliche Kaltblütigkeit, welche in diesem Schreiben sich aus-
spricht!
Kaum war die Zeit des falschen Woldemar vorüber, als die
Stadt Königsberg, hart an der Grenze gegen Pommern belegen,
von Kriegsunruhen heimgesucht wurde. Fast ohne Unterlaß wurden
um der lützelburgischen Zeit diese festen Mauern und die hohen
Wachthürme von Waffenlärm umtost. Wohl schloffen 1371 aus
dem der Stadt benachbarten Johanniterhofe Röricke die streitenden
Fürsten, Otto von Brandenburg, Kasimir von Pommern und seine
Brüder, Albrecht von Mecklenburg, Erich von Lauenburg, der
Dänenkönig Woldemar und der Psalzgraf Friedrich, einen Waffen
stillstand, aber schon im nächsten Frühjahr entbrannte der Kampf
von neuem und im August 1372 fiel der ritterliche junge Pom
mernherzog Kasimir die feste Stadt an. Was damals vor Königs
bergs Mauern geschah, ist uns in einem alten poetischen Berichte
aufgezeichnet, einem verstümmelten Volksliede, das indeffen werth
voll genug ist, um daffelbe seinem ganzen Umfange nach hier an
zuführen.
„Hertoch Casimir" so beginnt.die Ballade, „in den Rat-
stuel sät,
He dachte nye Märe,
As wu he vor Kön'gsberg Wolde tiehn,
Wollt vor de hoge Veste.
Und as he vor Königsberg quam.
Wollt vor de hoge Veste,
Ein Schueknecht war he genannt;
He da'de dat Allerbeste.
He hadde 'ne Armbrost, de war guot,
De war so stark von Schoeten;
Darmid ward de Hertoch Kasimir
Dorch sinen Hals geschoeten.
Sie leden den Herrn uppen Sageblock
Und kehrde'n wull gegen de Sunne,
Do war ok sin sin Harnaß blank
Midd'em roden Blude berunnenn.
Sie leden den Herrn uppen halben Wagen
Und fuhr'den wull gegen Gartze,
Von Gartz to Stettin in de werde Stadt
To enen kloken Artze.
„O Artzte, lewe Artzte myn,
Kann he woll Wunden Helen?
Jk hebbe der Borgen unn Stedde so veel,
Sie schölten di werden to Seele."
Unn as he to dem Artze quam.
Sin Lewen nam en Ende
Wo balde de Hertoch Kasimir
To sinem Bruoder sende.
„O Bruoder, lewste Bruoder myn,
Nu folg du mhnen Lehren
Unne holt du den Marggrawen
Vor' truwen Landesheren.
Und hedde ik Armer also gedan.
So borst’ ik nu nidj truren;
Nu muß ik itz inne Erde so jung;
Darin mot ik verfulen!"
Kasimir wurde zu St. Otto in Stettin bestattet; die Königsberger
weihten am dem Hochaltäre ihrer Kirche Kerzen von 4 Pfund
Wachs zum Lobe Gottes und aller Heiligen Ehre; aber - ihre
Siegessreude währte nicht lange, denn die Pommern verheerten
auf ihren Rachezügen die Umgegend der Stadt unmenschlich, bis
am 3. November 1373 der Friede zu Prenzlau geschlossen ward.
Der freie Schuhknecht von Königsberg, welcher den kriegerischen
Pommernherzog zu Falle gebracht hatte, ist in den Mauern von
Königsberg nun freilich auch längst vergeffen.
Es war ein gewaltthätiges Geschlecht, welches damals in der
Stadt saß; die Geschlechter von Schiltberg, von Stendal, Schulte,
Grell und wie sie alle geheißen haben. Den geistlichen Herren,
namentlich den Johannitern, welche auf der Kommende Rörike die
Besitznachfolger der großen Kolonisatoren der Neumark, der Templer,
geworden, waren diese thatkräftigen und rücksichtslosen Bürger
herren besonders feindlich gesinnt. Mit dem dermaligen Komthur
auf der Rörike, Herrn Wille von Holsten, lagen sie bereits seit
langer Zeit in Scheelung. Um den Besitz einer Braupfanne kam's
endlich zu hellem Kampfe; gewaffnet zogen die Bürger nach der
Rörike hinaus und steckten das Ordenshaus in Brand. Holsten
entfloh; da er aber beim Papste das Sakrileg der Königsberger
zur Sprache brachte, fingen ihn die von Königsberg und schleppten
ihn unter schändlichen Mißhandlungen von Kerker zu Kerker. Auch
in einem Thurm der Stadtmauer, dem sogenannten Billerbcck, saß
der Ritter gefangen. Was die rohen Bürger ihm dort anthaten,
entzieht sich der Mittheilung. Endlich fand der Unglückliche Ge
legenheit, zu entfliehen und beim Papste gegen die Bürger und
ihre Helfer, die von Wedell und die benachbarten Bauern, zu
klagen. Die Verhängung des Bannes über die Stadt war die
nothwendige Folge der Uebelthaten dieser rohen und trotzigen Ge
sellen. Wohl wurde nach drei Jahren das Interdikt wieder auf
gehoben, weil die Bürger Buße thaten; den Johannitern war
indessen die Nähe der Stadt derartig verleidet, daß sie im
Jahre 1382 ihren Sitz von der Rörike nach dem Dorfe Wilden
bruch verlegten. Die geistlichen Ritter waren um diese Zeit über
haupt den schwersten Anfeindungen ausgesetzt; es regte sich hier
im Norden mächtig ein gewaltsamer, ketzerischer Geist. Die Bürger
der nahen pommerschen Stadt Bahn erschlugen um unbekannter
Ursache willen nicht lange darauf, im Jahre 1400, den Meister des
Ordens in den slavischen Landen, Herrn Dietrich von Walmoden.
Seiner Leiche öffnete sich das Portal der Marienkirche zu Königs
berg; merkwürdig genug begrub man ihn hier vor dem Altare.
Vergebens suchte Verfaffer dieses nach der von den alten Chronisten
genau beschriebenen Grabesplatte.
So hatte sich in dem alten Königsberg eine schwere That
an die andere geschloffen. Wer vermöchte bei den heutigen Be
wohnern der Stadt auch nur eine kleine Spur des früheren kecken
Muthes und des ghibellinischen Trotzes der Ahnen zu entdecken!
Gott Lob! daß solche Zeiten für immer vorüber sind! Das neue
Königsberg ist eine gesittete, loyale Stadt wie nur irgend eine in
den Marken; von hervorragenden Eigenthümlichkeiten der Bürger
schaft tritt indessen nichts zu Tage. An der Hand der erzählten
Geschichten aber gestalten sich die noch wohlerhaltenen Monumente
dieser märkischen Kleinstadt zu vortrefflichen Illustrationen der Ge
schichte des märkischen Bürgerthumes, und um die hohen, trutzenden
Thorthürme der Stadt zieht's wie eine leise Reminiscenz an den
hansischen Geist und die von überschäumender Kraft strotzende
Geschichte mittelalterlicher Demokratien.
Misceüen.
Berlin im Jahre 1884. Es sind noch keine zwanzig Jahre her, > bares Gemisch von äußerm Schein und innerer Aennlichkeit. Die sprich-
galt die Stadt Berlin — so schreibt die Kölnische Zeitung — in ! wörtliche Schnodderigkeit der Berliner trug auch ihrerseits dazu bei, die
weitesten Kreisen als das Muster einer Stadt, wie sie nicht sein sollte. schlechte Meinung, namentlich der Süd- und Westdeutschen, zu vermehren,
Me Armuth schaute an allen Ecken heraus, die Straßen waren ihres kurzum, Berlin und die Berliner wurden gemieden, und ein Reisender
Masters und ihrer Goffenrinnen wegen berüchtigt, die Häuser waren der sich zu seinem Vergnügen im Sitze der preußischen Monarchie auf-
Miethskasernen ohne jeden Faeadenschmuck, im Innern entbehrte man ge- hielt, konnte als Wunderthier zu jener Zeit gezeigt werden. Das ist alles
biezenen Luxus und die Gesellschaften waren nicht selten ein wunder- wesentlich anders geworden, seitdem die Stadt der Mittelpunkt eines
Top of page

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.