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Volume 26. Juli 1884, Nr. 44

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Barbara murmelte einen Fluch; für sie war jede Hoffnung, 
ihren Willen bei Elsbeth durchzusetzen, nun verschwunden. 
Martin drückte feine Tochter an sich, war aber so erregt, 
daß er dieselbe gleich wieder von sich drängte, um sich an die 
beiden älteren Frauen wenden zu können. 
„Hört," — rief er diesen zu, — „die große Neuigkeit; 
die Stadt ist in Allarm, alle Gewölbe werden zugesperrt, auch 
ich schloß meinen Kram und eilte her, um Euch die ftohe 
Mähr schleunigst zu verkünden, und wenn es Erich beliebt. 
Euch nach dem Domplatz zu führen, wo es schon in aller 
Früh gar viel zrr schauen geben wird!" 
Ursula ließ die schwarzen Kügelchen ihres Rosenkranzes 
durch die Finger gleiten, ihre Lippen flüsterten dabei ein 
Paternoster; sie hoffte, sich dadurch am besten zu schützen und 
stark zu macheir, wemr sie gezwungen sein sollte, von Martin 
einen neuen Gräuel zrr vernehmen. Schon das bloße Anhören 
eines solchen schien der alten Neustädterin Gefahr für ihre 
Seele. 
Auch Barbara fragte nicht, was ihren Gatten zu so un 
gewohnter Zeit nach Haus zurückgeführt hätte. Sie fühlte 
mit Ingrimm nur allzuwohl, daß dies durch eine Gewalt 
geschehen war, die sie zu bekämpfen hatte. 
Nur Elsbeths schöne Augen hingen an des Vaters Lippen, 
lebhaft forschend, was ihn mit so sichtbarlicher Freude bewegen 
mochte. 
Martin erzählte nun mit leuchtenden Blicken, daß sich 
die Bürger von Berlin.und Köln mit einer Petition an den 
Rath gewandt hätten, damit dieser sie im Schloß in aller 
Form vertrete und ihre Wünsche vor das Ohr des Landes- 
hcrrn bringe. Unter den Bürgern Berlins gab es schon 
damals viele aufgeklärte Männer, welche mit dem gegen- , 
wältigen Stande der geistlichen Dinge höchst unzuftieden waren, j 
au der Ueppigkeit, Schwelgerei und Habsucht einer reichen 
Clerisei großes Aergerniß nahmen und im Stillen der Lehre 
Luthers zugethan waren, welche die Abschaffung der 
vorbenannten Uebelstände anstrebte. Viele von den 
Berliner Patriziergcschlcchtern und die Vorsteher im städtischen 
Gemeinwesen der so einflußreichen Zünfte theilten diese frei- 
geistigen Meinungen, und so war es der Einwohnerschaft 
Berlins leicht geworden, den hohen Rath zu einem Gesuch 
um Audienz beim Kurfürsten zu bestimmen. Diese Audienz ! 
war bewilligt worden, und wie ein Lauffeuer verbreitete sich 
die Nachricht durch die Stadt, daß Bürgermeister und Rath 
in feierlichem Aufzuge sich auf das Schloß begeben würden. 
„Das Volk," — schloß Martin seinen Bericht, — 
„drängt nun von allen Seiten herbei, um in der Näh' zu 
harren und wartet sehnsuchtsvoll auf fürstlichen Bescheid! 
Es will nichts mehr von Seeleumeffeu und Bilderdienst wiffen, 
die sinnlosen Gebräuche sind nicht mehr zeitgemäß, man fordert 
Worte und Thaten, die ein verständiger Mensch verstehen und 
begreifen kann!" 
Getümmel auf der Straße unterbrach Martins Rede. 
Der Zug der Rathsherren, die Bürgermeister der beiden 
Städte Berlin und Köln, Johann Tempelhof und Lewin 
Brasche an der Spitze, kam den „Großen Weg" herab. Er 
öffnet wurde der Zug von den städtischen Sackpfeifern, die 
eine feierliche Melodie auffpielten. 
Eine ungeheure Menge Volks wälzte sich mit Drängen 
und Stoßen neben dem Festzuge her. Auch Martin und Els- 
beth folgten, nachdem letztere ein Mäntelchen umgeworfen und 
die Kapuze deffelben zum Schutz gegen die Februarkälte über 
den Kopf gezogen hatte. 
Als der Zug vorüber und die Straße von den letzten 
Nachzüglern deffelben wieder geräumt war, verließ auch die 
alte Ursula das Haus. Zaghaften Schrittes humpelte sie nach 
der Herberge zum Schwan, wo ihr kleines Gefährt in der 
Ausspannung stand. Keine Schätze der Welt hätten vermocht, 
sie länger in Berlin zu halten; freilich mußte sie jetzt allein 
die fünf Meilen weite Reise zurücklegen, nur in Gesellschaft 
des kleinen Stallbuben, der ihr Rößlein lenkte, aber sie fürch 
tete die Schrecken der einsamen Landstraße nicht; die Reise- 
fährlichkeiten achtete sie gering gegen die Gefahren, welche 
ihrer Seele in Berlin drohten, denn von solcher neuen Lehre, 
die Mutter und Kind, das Weib vom Manne trennte, konnte 
nach ihrer Ansicht nur Böses kommen. Als sie bald darauf 
über die lange Brücke und durch die Georgenstraße die Stadt 
verließ, saß sie tief versteckt unter dem Leinwandsplan ihres 
zweiräderigen Karrens, unaufhörlich sich bekreuzigend und 
Paternoster betend, damit der Berliner Teufelsspuk an ihr 
keinen Theil haben möchte. 
Barbara hatte, sobald sie allein geblieben, den Riegel an 
der Thür vorgeschoben und ein Kreuz darüber geschlagen; an 
ihr wenigstens sollte es nicht liegen, wenn Satan seinen Weg 
in dies Haus doch finden würde. 
Wenn er nur nicht schon in demselben weilte, denn etwas 
Teuflisches war es jedenfalls, das sich auf ihrem Gesicht ab 
spiegelte, als sie leise vor sich hin murmelte: — „Ich kenne 
meine Pflicht!" Dann folgte noch leiser, mehr gedacht als ge 
sprochen, ein Name. Es war der Name des Kammerdieners 
und Sekretarius Ihre Kurfürstlichen Gnaden, „Siegmund 
Rohr." — 
(Fortsetzung folgt.) 
Der „grüne Hnl" des Berliner Schlosses. 
Von .fertfiiuiius Älpijpr. (Schluß.) 
Bei Gelegenheit eines Besuchs des Kurfürsten von Sachsen 
und zweier Herzoge von Braunschweig, zur Zeit Joachims II., 
heißt es in der Hof-Ordnung: „Die junge Herrschaft lieggen im 
Gemach auf dem grünen Huett." Dies Gemach haben wir 
im dritten Stock des von Kaspar Theyß erhöhten Thurmes zu 
suchen; und zwar gehörte daffclbe zu den angrenzenden Zimmern 
der Kurfürstin. Aus Sandstein von nur geringer Stärke aufge 
führt und nach außen mit acht, auf Konsolen ruhenden Halbsäulen 
verziert, zwischen denen sechs große Bogenfenster damals eine herr 
liche Ausschau in die Ferne gewährten, beträgt die Höhe des mit 
einer Balkendecke versehenen runden Zimmers 18V-, fein Durch 
schnitt 22'/« Fuß. Die darüber befindliche Attika bildet jetzt ein 
niedriges Gemach im vierten Geschosie des Schloffes. 
Als dann Graf Rochus von Lynar, der Erbauer des, die 
beiden großen Schloßhöfe trennenden Quergebäudes, das vor 
springende Erkergemach neben dem „grünen Hut" und den Aufbau 
aus dem hohen Chor der Kapelle — das nachmalige Bibliothek 
zimmer der Königin Sophie Carlotte mit seinen alten Holz 
schnitzereien — errichtete, wurden die sechs Fenster, bis auf eines, 
vermauert. Ueber diese Um- und Anbauten enthält das Tagebuch 
Lynar's die nur kurzen Notizen: „15. Juni 1590. Ernach in 
meine gnedigsten Frawen gemach an grin hutte den Erker ganz 
und gar bestellt re. . . . 30. Juni. Ich bin mitt die Chursürstin 
in grin hutt gewesen, und I. F. G. baw besiktige."
	        
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