Path:
Volume 26. Juli 1884, Nr. 44

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

614 
Die alte Ursula hielt, von der Heftigkeit ihrer Ver 
wandten betroffen, in ihren Schritten inne und blieb mitten 
im Flure stehen. 
„Macht mir nicht bang, ich bin schon jetzt halb todt!" 
„Wir sind Alle verloren," — schrie Barbara, kirschrot!) 
vor Zorn, — „der Teufel sitzt im Haus!" 
Ursula erblaßte und bekreuzigte sich. 
„Ach," — flehte sie bebend, — „nennt doch nicht den, 
deß Namen man nicht aussprechen darf, sonst faßt er uns beim 
Schopf!" 
Dabei warf sie scheue Blicke um sich, als ob sie erwartete, 
den gehörnten Gottseibeiuns jeden Augenblick aus irgend 
einem Winkel mit seinem Pferdefuß hcrvorhinken zu sehen. 
Am liebsten wäre Ursula schnell davongeeilt, so rasch es 
ihre alten Füße nur erlaubten, aber Barbara war an sie 
herangetreten, hatte ihren Arm ergriffen uird sprach heftig auf 
sie ein: — 
„Ihr seid erst seit ehegestern bei uns in Berlin, und ich 
war nur darauf bedacht. Euch die städtische Herrlichkeit zu 
zeigen, daß ich noch nicht dazu kam, Euch von der neuen 
Lehre zu erzählen, die überall viel Unheil und Zwiespalt stiftet!" 
Die Alte nickte verständnißvoll. 
„Ich habe bei uns in Neustadt auch schon von diesem 
bösen Spuk gehört!" 
Barbara beugte sich dicht an ihr Ohr und flüsterte ihr 
wichtig zu: — 
„Hier in Berlin treibt er just recht sein Wesen! Man 
munkelt, daß er bei einem großen Theil der Bürger und selbst 
beim hohen Rathe Eingang findet- Denkt doch, Base, sie 
haben schon des Papstes Unfehlbarkeit bestritten und wollen 
sogar den Beichtstuhl abschaffen!" 
Die alte Ursula schüttelte den Kopf; das, was sie hörte, 
erschien ihr so ungeheuerlich, daß sie vor Schreck darüber eine 
förmliche Lähmung in der Zunge fühlte. 
„Ketzerische Traktate von dem Mönch aus Wittenberg," 
— fuhr Barbara fort, — „werden in tausend Exemplaren 
heimlich verbreitet, und heute ist mir Gewißheit geworden, 
daß mein eigener Mann die Schandschrist bei uns verbirgt!" 
Diese Entdeckung gab der bebenden Ursula die Sprache 
wieder. Sie trat von Barbara einen Schritt fort. 
„Hier, unter Eurem Dach?" 
»Ja," — entgcgnete Frau Straube und zeigte auf die 
Diele, — „in unserem Keller!" 
Die alte Neustädterin stieg mit einem Ausruf des Ent 
setzens, so schnell als ihre Schwerfälligkeit es zuließ, auf den 
nächsten Schemel. 
Barbara gestikulirtc heftig mit den Händen. 
„Das ist »och lange nicht alles!" 
„Schweigt!" — rief Ursula und hielt sich die Ohren zu, 
— „bei meiner armen Seele schweigt!" — Dann kletterte sie, 
als ob ihr plötzlich eine Gedanke käme, wieder von dem 
Schemel herab; die Furcht machte die Glieder und Muskeln 
der Alten ganz geschmeidig. Als sie wieder aus fester Erde 
stand, streckte sic der städtischen Base die gefalteten Hände ent 
gegen: — „Schickt flugs die Magd zum Schwanenwirth, er 
soll mein Rößlein und den Wagen rüsten, schnell will ich mein 
Reiscbündel schnüren, ehe eine Stunde vergeht, muß ich das 
Georgenthor im Rücken haben; ich reise in meine stillen 
Wälder von Neustadt zurück." 
Barbara neigte zustimmend das Haupt- 
„Ich verdenk's Erich nicht, daß Ihr dem Sodom und 
Gomorrha von Berlin entfliehen wollt, doch Ihr sollt unsere 
Mauern nicht allein verlaßen!" 
Ursula sah ihre Base bestürzt und fragend an. 
„Ihr wolltet mich begleiten?" 
„Nicht ich," — entschied Frau Straube, — „ich weiß 
mich schon zu wehren; doch Ihr sollt Elsbeth mitnehmen, dem 
Mädchen droht bei uns Gefahr! Denkt nur, liebwertheste 
Base, daß ein Hosbeamter, ein guter Katholik, um sie geworben 
hat, aber Martin versagt seine Einwilligung und möchte wohl 
sogar unsere Tochter zu seiner neuen Irrlehre hinüber ziehen 
wollen! Darum soll Elsbeth so schnell wie möglich seinem 
verderblichen Einfluß entzogen werden. Geschieht's doch nur 
zum Heile ihrer Seele!" 
Die Base wiegte bedenklich den Kopf und sprach ihren 
Zweifel aus, ob das junge Mädchen einwilligen würde, Hei- 
math und Vaterhaus zu verlaffen- 
Barbara versicherte, daß von Elsbeths Seite kein Wider 
spruch zu fürchten sei, und sie über ihre Tochter jede 
Macht besäße. Darauf begab sie sich nach der Küche, wo 
Elsbeth der Magd in häuslichen Verrichtungen zur Hand 
ging und winkte derselben, ihr zu folgen. 
Elsbeth, ein hübsches junges Mädchen, dessen herrliches 
Blondhaar in langen Zöpfen auf den Rücken niederhing, schob 
das Spiirnrad, vor dem sie saß, fort und stand auf. Sic 
war wie das Modell zu einem Madonnenbilde, so sinnig ihr 
Blick, so rein und klar waren die seinen Züge ihres schwär 
merischen Angesichts. Das Auge blau und seelenvoll, die 
schlanke Gestalt im Schnebbenmieder von schwarzem Tuch, 
mit dem gleichfarbigen Faltenrock, dessen Rand auf der rechten 
Seite, durch eine Gürteltasche aufgerafft, das hellblaue Unter 
kleid sehen ließ, war sie das lieblichste Abbild einer reizenden 
Berliner Bürgerstochter in mittelalterlicher Tracht, unbeschadet 
des Madonnenhaften, das ihre ganze Erscheinung verklärte. 
Mutter und Tochter verließen gleichzeitig die Küche. 
Während Beide das Prunkgemach des Hauses, welches zugleich 
das Schlafzimmer der Eltern tvar, durchschritten, fragte Els 
beth, bei welcher Arbeit sie ihrer Mutter schaffen helfen sollte; 
es mußte jedenfalls etwas sehr Wichtiges sein, weshalb sic 
von dem Spinnrade abberufen worden war. Diese Frage 
blieb unbeantwortet; stumm schritt die Mutter voran- Als 
sie in den Hausflur traten und Elsbeth der alten Base aus 
Neustadt ansichtig wurde, wollte sie dieser die Hand reichen; 
aber schnell zog sie dieselbe wieder zurück und die zum Morgen- 
gruß für die Base geöffneten Lippen schloffen sich, denn die 
ernste, feierliche Miene der beiden älteren Frauen schüchterten 
das junge Mädchen ein. 
„Du bist doch überzeugt," — hub Barbara mit strengem 
Tone an, — „daß Gehorsam die erste Kindespflicht ist, und 
wirst also gehorchen, wenn ich etwas von Dir verlange, das 
Dir im ersten Augenblick unerklärlich erscheinen könnte?" 
„Sprich, Mütterlein, was soll ich thun?" 
Vollste Demuth und Unterwürfigkeit unter den Willen 
der Mutter spiegelte sich bei diesen Worten auf dem Antlitz 
des lieblichen Kindes ab. 
„Die Base," — fuhr Frau Straube fort, — „reist heute 
wieder ab." 
Ein Ruf des Stauirens kam aus Elsbeths Munde-
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.