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Periodical volume 19. Juli 1884, Nr. 43

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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huldigend. An dem „Neuen Königstädtischen" Theater (am 
Alexander-Platz) engagirt, erregte die erst neunzehnjährige Sängerin 
durch ihre imponirende Stimmfülle wie durch wahrhaft bezaubernde 
Flötenpassagen und die Lieblichkeit des einfachen Gesanges, nament 
lich im Sentimentalen und Scherzhaften, einen unbeschreiblichen 
Enthusiasmus. 
Diese Kunstbegeisterung stand im schroffen Gegensatze zu den 
Reiseeindrücken, von denen unser Rellstab noch erfüllt war. Und 
so entstand denn jenes satyrische, mit kecker Feder entworfene 
Charakterbild „Die schöne Henriette", welches nicht nur die 
damals gefeiertste deutsche Sängerin, sondern auch einzelne Berliner 
Persönlichkeiten in einem „schriftstellerisch so fein ausgeprägten 
Licht" erscheinen ließ, daß der Ruf des geistreichen Verfaffers seit 
dem in Berlin begründet war. Henriette Sontag begab sich bald 
darauf nach Paris, wo sie einen gleich enthusiastischen Beifall 
erntete. — Rellstab aber sah sich durch jene Satyre in einen Prozeß 
verwickelt. 
Als musikalischer Kritiker trat der jugendliche Schriftsteller 
nunmehr bei der „Vossischen Zeitung" ein, dem Redakteur derselben 
C. F. Lessing, durch den Commerzienrath und nachmaligen Senior 
der Berliner Buchhändler-Corporation, Duncker, empfohlen. Er 
schrieb seine erste Kritik für die Nummer des 3. November 1826, 
und zwar über die Aufführung der „Euryanthe" im Königlichen 
Theater, am 31. Oktober. Der „rühmlich bekannte" Hauser 
gastirte als Lysiart; neben ihm waren es Mad. Schulz und 
Seidler sowie Bader, welche das Auditorium zu rauschendem 
Beifall Hinriffen. 
Als Leitartikel bringt dieselbe Nummer — wie nebenbei bemerkt 
sei — eine Beschreibung der damals gerade vollendeten „Weiden- 
dammer-Brücke". Als etwas eigenthümliches wird dabei hervor 
gehoben, daß dieselbe fteistehende Pfeiler und Säulen erhalten 
habe; zu ihrer Herstellung wurden 8000 Centner Eisen aus Gleiwitz 
verwendet, die Gesammtkosten betrugen gegen 60 000 Thlr. 
Rellstab's schriftstellerische Thätigkeit, auch an vielen aus 
wärtigen Zeitschriften, beschränkte sich nicht nur auf die musikalisch 
kritischen Arbeiten, auf die Darstellung von Ereignissen im städtischen 
und gesellschaftlichen Leben und auf die Besprechung litterarischer 
Erscheinungen; auch die Redaktion des ftanzösischen Artikels befand 
sich lange Zeit in seinen Händen; zahlreiche Novellen und Romane, von 
denen „1812" und „Drei Jahre von dreißigen" hervorzuheben 
sind, ferner die mit zwölf Jahrgängen 1840 abschließende musika- 
liche Zeitschrift „Iris" und sein durch Meyerbeer's Musik getragenes 
„Feldlager in Schlesien" geben Zeugniß von seiner rastlosen Thätig 
keit und einem beispiellosen Fleiß. 
Wir haben bereits seine feinfühlenden Beurtheilungen erwähnt; 
aber wo Eitelkeit und Hochmuth ihm entgegentraten, vermochte er 
auch mit dem „vollen Gewicht seiner beredten Sprache und Liebe 
zu dem unbedingt Schönen" den Kampf aufzunehmen, selbst im 
Fall eine Niederlage ihm unvermeidlich schien. Das bewies er 
namentlich gegen Spontini, welcher, 1820 als General-Musik- 
Tirektor nach Berlin berufen, durch eigenes Verschulden eine große 
Anzahl von Widersachern — an ihrer Spitze Rellstab — sich ge 
schaffen und jene literarischen Fehden erzeugt hatte, die gewisser 
maßen eine eigene Literatur bilden. Spontini, zuletzt noch in einen 
Prozeß wegen Majestätsbeleidigung verwickelt, sah sich deshalb 
veranlaßt, 1842 sein Amt niederzulegen und nach Paris über 
zusiedeln. 
Rellstab, seit dem Jahre 1834 glücklich verheirathet, fühlte sich 
am wohlsten im Kreise seiner Familie, wenngleich seine Stellung 
ihn oft genug in andere gesellschaftliche Kreise führte; auch dorthin 
begleitete ihn zumeist die Gattin und später seine Tochter. In 
seinem Heim — Breitestraße Nr. 8, während der Sommermonate 
>n einem schlichten Bauernhause des Dorfes Tegel — gewährte es 
ihm die höchste Freude, in trauter Gemüthlichkeit liebe Freunde um 
sich versammelt zu sehen. Mit diesem gemüthvollen „Leben und 
Weben" korrespondirte ein nie ermüdender Wohlthätigkeitssinn. 
Das Jahr 1848 bereitete auch ihm Vermögensverluste, trübe 
Einwirkungen anderer Art, und namentlich die neue Entwickelung 
des politischen Lebens begannen lähmend seine schriftstellerische 
Thätigkeit einzuschränken — die Anzeichen eines baldigen Heim 
ganges bereiteten ihn schon im Jahre 1858 auf denselben vor. 
Gleichwohl blieb es ihm vergönnt, in eifrigster Pflichterfüllung noch 
am Abend vor seinem Tode im Opernhause der Aufführung des 
„Barbier von Sevilla" durch eine italienische Gesellschaft unter 
Merelli's Leitung beizuwohnen. 
Eigenartig muß es berühren, wenn wir am 27. November 
1860 — Rellstab's Sterbetage — in der „Vossischen Zeitung" 
seine Kritik über das von Jenny Meyer zu wohlthätigem Zweck 
veranstaltete Konzert finden, in welcher es zum Schluß heißt: 
„Wenn die Danksagungen der Komponisten nach allen Nummern 
stattgefunden hätten, so würden sie einen höchst anziehenden Genuß 
gegeben haben, denn von den übrigen Musikstücken des ganzen 
Abends hätten nur die Geister der Dahingeschiedenen er 
scheinenkönnen! . . . Alle sind sie todt — gewissermaßen auch 
Rossini. Um so mehr wollen wir uns des einen lebenden, Liszt, 
hier erfreuen und ihn begrüßen!" 
Die Nacht zum folgenden Tage zählte auch Rellstab zu den 
Todten. 
Am 29. November widmete die Redaktion der „Vossischen 
Zeitung" einen ehrenden Nachruf ihrem verdienstvollen Mitarbeiter, 
welcher „in den Zeiten, in denen das politische Leben weit zurück 
stand gegen die Theilnahme für Kunst, Literatur und bürgerliche 
Geselligkeit, der Schriftsteller Berlins war, dessen außerordentliche 
Stilgewandtheit und feinfühlendes Urtheil, dessen unverwüstliche 
Jugendfrische und ein, jedem humanen Zweck offenes Herz weit 
über den Umkreis der preußischen Hauptstadt hinaus mit glänzender 
Anerkennung sich geltend machten." 
Eine überzahlreiche Versammlung hatte sich in der ersten 
Nachmittagsstunde des 2. Dezember um den dunklen, mit Kränzen 
und Palmenzweigen reich geschmückten Sarkophag in der Wohnung 
des Verewigten (Breitestraße Nr. 8) geschaart. Sieben der Wittwe 
mit ihren beiden Söhnen und einer Tochter standen der langjährige 
Freund des Dahingeschiedenen, General v. Brandt, Oberbürger 
meister Geh. Rath Krausnick, Universitäts-Rektor Prof, 
vr. Boeckh, General-Intendant von Hülsen und Kommissions 
rath Deichmann vom Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater, 
Meyerbeer und der schon genannte Gönner und ftühere Schütz 
ling des Entschlafenen, Kommcrzien-Rath Duncker. Zahlreich auch 
war die Berliner Preffe vertreten. 
Einen ergreifenden Eindruck machte das Arbeitszimmer mit 
den sorgfältig geordneten Manuskripten, obenauf das jüngst voll 
endete „Aus meinem Leben. Letzter Band" und daneben das 
Todesbett des Entschlafenen. 
Solosänger der Königlichen Oper führten die Trauergcsänge 
aus, Prediger Stahn hielt die Gedächtnißrede. Er deutete hin 
auf die Lebensunruhe des Verewigten, die ihn rastlos getrieben 
durch die vielgewundenen Gänge des Kunstgebietes; auf die Musik, 
die als treue Freundin dankbar ihm sein inneres Leben, bei der 
Schwüle von außen her, mit harmonischer Beruhigung erfüllt, — 
und wie der rastlos Thätige, durch deffen ganzes Leben Demuth, 
Duldung und Dienstfertigkeit als sittlicher Zug gegangen, nach der 
„Arbeit künstlerischen Genuffes" sich glücklich gefühlt in der Ruhe 
seines Familienlebens. 
Unter Wieprecht's Leitung exekutirten die Musikcorvs der 
Garde-Dragoner und Kürassiere, welche den Leichenzug er 
öffneten, den Choral „Jesus meine Zuversicht"; ihnen folgten das 
Redaktions-, Expeditions- und Druckereipersonal der „Vossischen 
Zeitung" so wie die Vertreter der übrigen Berliner Redaktionen;
        
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