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Volume 19. Juli 1884, Nr. 43

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Ludwig Rellstab. 
Von Fkrilinanck JRlti|er. 
(Mit Portrait Seite 597.) 
Rellstab! Der Name ruft die Erinnerung wach an die Zeit 
der Romantik in ihrer üppigsten Blütheentwickelung: an das 
künstlerische Leben Berlins, das ein Ludwig Devrient und sein 
Freund E. T. A. Hoffmann, von dessen wild-phantastischem Geist 
die Weinstube von Lutter und Wegencr am Gensdarmcn-Markt zu er 
zählen weiß, ferner Zelter, Hummel und Paganini, die 
Henriette Sontag, Cchrödcr- Devrient und Catalani, 
die Hcinefetter, Milder, Schechner und Sessi als Sterne 
erster Größe erleuchteten und denen dann Mendelssohn, Bader, 
Mantius und Krause, Bieuxtemps, de Beriot und Liszt, 
Clara Novcllo, Pauline Garcia, die Geschwister Mila 
no llo und Jenny Lind so wie andere Größen folgten. 
Inmitten dieser glänzenden Gestirne stand Rellstab, der gefeierte 
Kritiker der „Bossischen Zeitung," der mit nie ermüdendem En 
thusiasmus so glänzend wie verständlich darzustellen, so feinfühlend 
zu beurtheilen und in unverwüstlicher Jugendfrische so lebhaft zu 
schildern wußte, selbst wenn er seinen Wanderstab auf den Weih 
nachtsmarkt setzte! Rellstab's Urtheil war maßgebend für die Berliner, 
und >vas auch in der Stadt geschehen mochte, stets frug man, was 
er dazu gesagt oder darüber geschrieben. So erfreute er sich — 
fern von jenem Stolz, wie er sonst wohl in großen und reich aus 
gestatteten Naturen sich geltend zu machen pflegt — einer außer 
ordentlichen und wohlverdienten Popularität. 
Bolle 34 Jahre — seit 1826 — hatte Rellstab namentlich 
seine kritische Thätigkeit der „Bossischen Zeitung" gewidmet, die in 
ihrer äußeren Form und ihrem Inhalte nach fteilich noch nicht so 
gewachsen war, wie seit einem Jahrzehnt, aber auch einen minder 
ansehnlichen Kreis von Mitarbeitern zählte. 
Werfen wir nun einen Blick auf das Leben und geistige 
Schaffen dieses „Berliner Schriftstellers." 
Am 13. April 1799 erblickte Ludwig Rellstab in dem elter 
lichen Hause, Jägerstraße Nr. 18, das Licht der Welt. Sein 
Bater, welcher zeitweise als musikalischer Kritiker in der „Bossischen" 
auftrat und in deffen Hause regelmäßig Konzerte stattfanden, war 
Besitzer einer bedeutenden Buch- und Musikalien-Handlung, sowie 
einer Druckerei. Ludwigs Mutter schildert Zelter als ein Vor 
bild edelster Weiblichkeit, das er „sehr lieb gehabt." 
Als Schüler des Joachimsthalschen und Werderschen Gym 
nasiums waren die Fortschritte des Knaben während der damals herr 
schenden Theilnahme und Begeisterung für die nationale Erhebung 
nicht besonders erfteuliche; nur in deutschen Auffätzen hatte er es ziem 
lich weit gebracht. Er wie seine Spielgenoffen, zu denen auch sein 
Better Wilhelm Häring (der später so gefeierte Willibald 
Alexis) gehörte, widmeten die Mußestunden zumeist der Anfertigung 
von Papparbeiten und Feuerwerkskörpern oder übten sich in 
Taschenspielerkünsten. 
Einer dieser „Künstler" von Fach, welcher unweit der Rell- 
stab'schen Sommerwohnung im Thiergarten sich produzirte, veran 
laßte den damals zwölfjährigen Knaben, eine Kritik über ihn zu 
schreiben, welche von dem Redakteur, Profeffor Catel, in die 
„Bossische Zeitung" aufgenommen wurde, und somit als das erste 
Produkt der literarischen Thätigkeit unseres Rellstab anzusehen ist. 
Doch auch auf das Gemüth des Knaben hatte die nationale 
Erhebung einen solchen Eindruck gemacht, daß er den festen Ent 
schluß faßte, in den Soldatenstand einzutreten. Zogen doch schon 
Schüler der Tertia in „glänzender Uniform" zum Abschied von den 
Lehrern an's Herz gedrückt, hinaus in den Befreiungskampf! Unser 
Rellstab sagt in den hinterlaffmen Aufzeichnungen aus seinem 
Leben: „Thränen innigster Bewegung füllen mir noch heut' das 
Auge, wo ich mit ergrautem Haar, der Neige des Lebens nahe. 
diese Zeilen der Erinnerung niederschreibe an die schweren und doch 
so unvergeßlich hohen Stunden der Jugend- und Knabenzeit!" 
War der Vater wegen der Hinneigung seines Sohnes zum 
Militairstande oft in heftigen Zwiespalt mit demselben gerathen, so 
konnte der sechszehnjährige Jüngling, begeistert von Körner s 
Freiheitsliedern, nach dem inzwischen erfolgten Ableben seines Vaters 
nicht länger dem Drange des Herzens widerstehen. Er ließ sich in 
das Colomb'sche Husaren-Regiment aufnehmen, wurde aber wegen 
seiner schwachen Sehkraft bald wieder als untauglich entlasten. 
Doch der energievolle Jüngling wußte es bei seinem Vormund 
durchzusetzen, daß er in die Kriegsschule eintreten durste, woselbst 
seine Beförderung zum Offizier und Lehrer der Mathematik bald 
darauf erfolgte. 
Inzwischen war ein neues künstlerisches Leben in Berlin er 
wacht. Ludwig Devrient, der gewaltige Mime, feierte seine 
Triumphe auf den Brettern, welche die Welt bedeuten; der damals 
in den vierziger Jahren stehende Kammcrgerichtsrath E. T. A. Hoff 
mann, Verfasser der „Phantasie"- und „Nachtstücke", der 
„Serapionsbrüder", des „Kater Murr" und so weiter, war nicht 
minder genial als Komponist und Maler; Zelter behauptete noch 
immer seinen Ehrenplatz unter den Alten; Körner und Streck 
fuß regten für ein literarisches Wirken an, während Ludwig 
Berger und Bernhard Klein, denen unser Rellstab sich an 
schloß, die „jüngere Liedertafel" stifteten und so den Mittelpunkt 
einer musikalischen Neuzeit bildeten. 
Rellstab wandte sich nunmehr eingehend dem musikalischen 
Studium zu, um die deutsche Oper in neue Bahnen zu lenken. 
Wie er der Dichter der neuen „Liedertafel" geworden, dessen Lieder 
nicht ohne Einfluß auf die damaligen Gesellschaftskreise geblieben 
und seinen Ruf als Lyriker begründeten, so auch lag es in seiner 
Absicht, die dichterische Grundlage der Oper als eine selbst 
ständig berechtigte Kunst zu Ehren zu bringen. 
Mit diesen Bestrebungen würde aber seine amtliche Thätigkeit 
als Lehrer an der Brigadeschule über kurz oder lang in Kollision 
gerathen sein, und so zog Rellstab es vor, seinen Abschied zu nehmen. 
Ueberdies war er durch den Tod seiner Mutter in den Besitz eines 
nicht unbedeutenden Vermögens gelangt. 
Zunächst dichtete Rellstab eine Oper „Dido", welche Jean 
Paul, Ticck und Carl Maria v. Weber hochschätzten und zu 
welcher Klein die Musik geschrieben. Dann begab der Dichter 
sich nach Frankfurt a. Oder, um in der Zurückgezogenheit voll und 
ganz seiner Muse sich weihen zu können. Von dort aus sehen wir 
ihn, 1821, auf der Reise nach Dresden, um im Verkehr mit 
C. M. v. Weber und Ludwig Tieck, und dann in Bayreuth mit 
Jean Paul in anregender Unterhaltung für sein künstlerisches 
Schaffen neuen Stoff zu gewinnen. Auch dem Dichterfürsten 
Goethe empfahl ihn Zelter. Wir erfahren von Rellstab, wie 
Letzterer damals den zwölfjährigen Felix Mendelssohn bei 
Goethe einführte, und dieser von dem musikalischen Talent des 
Knaben mit Staunen und Bewunderung erfüllt wurde. 
Fühlte Rellstab sich durch das vornehme, zurückhaltende Wesen 
der Dichter-„Exellenz" auch nicht sympathisch zu derselben hinge 
zogen, so verweilte er doch längere Zeit in Weimar, und vollendete 
dort sein in Frankfurt begonnenes Trauerspiel „Karl der Kühne". 
Seitdem unternahm Rellstab bis zu seinem Tode alljährlich 
gleiche Reisen, deren geistreiche Schilderungen, namentlich über die 
hervorragendsten Zeitgenoffen, mit denen er im Verkehr stand, von 
hohem Interesse sind, besonders über den Aufenthalt in Wien, 
1825. Wir vermögen nicht ohne Rührung seine Beziehungen zu 
dem großen, seinem traurigen Geschick fast erliegenden Genius 
Beethoven zu lesen, mit dem er sich nur vermittelst einer Schreib 
tafel verständigen konnte. 
Von dieser seiner Reise aus Italien nach Berlin zurückgekehrt, 
fand er die Berliner, im Wonnetaumel der Henriette Sontag
	        
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