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Periodical volume 20. October 1883, Nr. 4

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Recht, daß es viele Dinge gäbe, von denen unsre Schulweisheit sich 
Nichts träumen ließe, aber wir brauchen, um manche wunderbare 
Weissagungen in der Geschichte richtig zu würdigen, kaum in das 
Reich des Uebermenschlichen zu greifen. Es hat uns die Ge 
schichte aller Völker Beispiele solcher Weissagung aufbewahrt, und 
Männer, die geistig auf der Höhe ihrer Zeit standen, waren nicht 
selten auch echte Propheten — ihrem Adlerblick öffnete sich die 
Zukunft, zerriß der Schleier, der das Kommende verhüllt. 
1. 
Als die edle Fürstin Dido dem troischen Fremdling Aeneas 
einst Herz, Hand und Reich gegeben und ihn mit Liebe überhäuft 
hatte, da schildert uns der Dichter Virgil ihr Glück in den herr 
lichsten Versen. Aeneas aber sollte nach der Götter Rathschluß noch 
große Thaten vollbringen und nicht in entnervender Muße der 
Der du mit Brand sie verfolgst und Stahl die dardanischm 
Pflanzer 
Jetzt, einst oder hinfort, wann Zeit und Kräfte gestatten — " 
Die getäuschte heißblütige Aftikanerin giebt sich selbst den 
Flammentod, des Dichters Worte aber sollten noch in der fernsten 
Zukunft eine weittragende Bedeutung finden. 
In den Kriegen des römisch-deutschen Reiches mit Ludwig XIV. 
war der große Kurfürst der gefährlichste Gegner Frankreichs. Er er 
neuerte gleichsam das Markgrafenthum, so lange und so erfolgreich an 
der Ostgrenze des Reiches gegen die Slaven aufgerichtet, nun auch als 
Hüter der Grenze nach Westen gegen wälsche Anmaßung. Seit dem 
Jahre 1672 standen 20 000 Mann Brandenburger am Rhein und 
wahrten, die einzigen unter allen Kaiserlichen Völkern, getreulich den 
alten Ruhm der deutschen Waffen. Die ftanzösische Diplomatie suchte 
Liebe Glück genießen. Jupiter erschien ihm im Traume und 
drohte mit grausem Elende, wenn er die sonnige Küste Afrikas 
nicht verließe. In der Frühe des Morgens rüsten die Seinen die 
Schiffe, und die schnöde verlasiene Dido schaut von der Höhe des 
Wartthurms nur noch das öde Gestade und weit in der Ferne 
die hinschwindenden Segel. Da erfaßt sie unsäglicher Schmerz. Es 
sind wunderbar ergreifende Worte, die der Dichter sie ausrufen 
läßt — Aeneis IV. Buch, wo in dem Rachegebet die Worte 
folgen: 
V. 622. Dum vos, o Tyrii, stirpem et genus omne futurum 
Exercete odiis cinerique haec mittite nostro 
Munera. Nullus amor populis nec foedera sunto. 
V. 625. Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor, 
Qui face Dardanios ferroque eequare colonos, 
Nunc, olim, quocumque dabunt se tempore vires. 
V. 622. „Dann, o Tyrier, hegt dem Geschlecht und dem spätesten 
Abstamm, 
Hegt ihm ewigen Haß, und bringt dies Opfer der Sühnung 
Unserer Gruft! Nicht Liebe sei je, noch Bündniß den Völkern! 
V. 625. Auferstehen wirst du noch aus unserer Asche, du Rächer, 
daher die kurfürstlichen Truppen durch einen wohlgelungenen Schach 
zug zu entfernen und bewog Schweden, in die entblößten Länder 
des Kurfürsten zu fallen. Im Rücken angegriffen, seine Marken 
selbst bedroht, durfte Friedrich Wilhelm nicht zögern: 
Das war ein heißes Reiten vom Rhein bis an den Rhin, 
Das war ein tapfres Streiten am Tag von Fehrbellin, 
an jenem Junitage des Jahres 1675. Zwölftausend Schweden 
flohen und verloren Alles — Leute, Geschütz und Gepäck und vor 
Allem ihr „Praestige“, Herren auf deutschem Boden zu sein. 
Der Kaiser erklärte Schweden in die Rcichsacht und Dänemark 
und Holland rüsteten sich zur See wider den gemeinschaftlichen 
Feind. Der Kursürst aber eroberte noch in demselben Jahre Wol 
gast, Wollin und Wismar und in den folgenden drei Jahren An- 
klam, die Hauptstadt Stettin mit gewaltigen Anstrengungen und 
endlich Rügen und Stralsund. Nachdem nun noch im Winter 
1678 jener berühmte Zug über das preußische Haff geschehen, und 
Eis und Schnee das, was die Waffen begonnen, an den Feinden 
vollendet hatten, da war die deutsche Küste von den Schweden 
völlig gesäubert und ganz Pommern in des Kurfürsten Hand.
        
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