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Volume 5. Juli 1884, Nr. 41

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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junge Mann dort," er wies auf Friedrich Frohben, der bei 
nahe theilnahmlos der Auseinandersetzung folgte, „hat sich 
selbst belogen!" — 
Ohne die Bewegung des Unmuths zu beachten, mit der 
der junge Frohben hinter dem Stuhle des Vaters hervor, 
mitten ins Zimmer trat, schritt er nach der Thür und rief, 
sie öffnend: „Helene!" — 
Im Nu erschien die Gerufene auf der Schwelle; 
aber im selben Augenblicke klangen die Namen „Helene", 
„Friedrich" durcheinander und die beiden jungen Leute 
lagen sich fest umschlingend in den Armen! Es wäre 
schwer zu beschreiben, auf welcher Seite das Staunen 
ein größeres war, bei den Jungen oder bei den 
Alten! Eines nur steht fest, daß die beiden Väter ihrer 
Ucberraschung mehr Ausdruck gaben als die Kinder, bei denen 
das Glück im Augenblick alle anderen Gefühle absorbirte. 
Ilm die Komödie vollends wirksam zu machen, erschien nun 
auch noch die Näthin in dem Rahmen der Thür; sie war 
bereits in der elegantesten Toilette, man wollte ja gleich in 
die Oper, eben im Begriff, die Pariser Beerenhaube mit 
Brillantnadeln auf dem Scheitel zu befestigen, hatte sie den 
Jubellaut drinnen gehört, und sie hätte keine Evastochter sein 
müssen, wenn nicht in diesem Moment Neugierde alles Andere 
überwogen hätte. Mit der Haube in der zitternden Hand, 
stand sie sprachlos der Scene gegenüber. — 
„Was soll mir dieses Schauspiel heißen?" faßte sich Herr 
Haller zuerst, „ich bitte mir diese Fopperei gefälligst 511 er 
klären!" fügte er roth vor Aerger, mit einem Zornesblick auf 
den Vater Frohben hinzu. Diesem sprach aber die Ehrlichkeit ; 
so offen aus dem treuherzigen Gesicht, man sah ihm an, daß 
auch er der Situation verständnißlos gegenüber saß, daß 
Haller nicht umhin konnte, sich freundlich neben ihn stellend, 
seine Frage an den jungen Frohben gewandt, zu wiederholen. 
Friedrich hatte seinen Arm fest um Helenens Taille gelegt, 
als fürchte er, sie könnte ihm wieder entschlüpfen, dann blickte 
er dem Schwiegervater fest in die Augen und sagte ernst, 
aber mit Anstrengung ein Lächeln unterdrückend, das seinem 
schönen Gesicht so wohl stand und den Ausdruck des Glückes 
noch erhöhte: 
„Mir scheint, wir sinb Alle gefoppt, Herr Haller, aber 
da das Resultat so allen Wünschen gerecht wird, wollen wir 
Einer dem Andern verzeihen. Wir Beide lieben uns und 
bitten mit den Segen der Väter; dann wollen wir Alle 
beichten!" — 
„Den Segen zu eurem Bunde hattet ihr, noch ehe ihr 
ihn begehrtet," entgegnete Helenens Vater, schon halb und 
halb versöhnt, „aber ich inöchte doch erst wissen, wie und wo 
ihr euch kernten lerntet, ehe ich eure Hände ettdgültig in ein- 
auder gebe!" — 
„Papachen, wir trennen uns nun doch nicht mehr," be- 
liimmte Helene, „laß uns die Intriguen verschweigen, wir 
haben sie zwar gespielt, aber die Vorsehung hatte sie uns 
selbst ins Herz gelegt!" — 
Jetzt kam Leben in die kleine behäbige Näthin, es schien 
ihr der geeignete Moment, ihr Herz init dem Geständniffe zu 
erleichtern, daß sie geholfen bei Helenens Streichen, eilt Mal 
mußte es doch heraus. — 
Sie legte die Haube zurück auf den Tisch, an dem sie 
stand, trat vollends ins Zimmer und begann: „Lieber Schwager, 
ich will Dir erklären, wie Alles gekommen; Helene überredete 
mich, nicht nach Ostende zu gehen, ich willigte ein und ging 
nach Gersau; dort gab sich Helette eilten andern Rainen" 
— die gute Tante hatte vor Aufregung schon keinen 
Athem mehr, jetzt traf sie ein tadelnder Blick des Schwagers, 
sie senkte davor den ihrigen, aber gleich daraus streckte sie 
bittend die Hand aus und fuhr fort: „ja ich war schwach, 
obgleich —" 
Helene umarmte sie stürmisch in diesem Augenblicke und 
parodirte komisch feierlich „obgleich kein Bösewicht!" dann 
legte sie die weiße, kleine Hand auf den Mund der Beichten 
den und bat so lieblich und drütgend zugleich, zu schweigen, 
daß die Tante ihr willig das Wort ließ und sich Aller Äugen 
auf Helene richteten, die unerschrocken fortfuhr: „Die Tante 
erzählt nur die Thatsachen, die mich allerdings in ein eigen 
thümliches Licht stellen; ich will meine Leitmotive zuerst nennen, 
wie die neuen Komponisten!" — Da war schon wieder der 
alte Schalk. Herr Haller mußte lächeln und Friedrich blickte 
zärtlich auf den rosigen Mund, der so keck weiter erzählte: 
„ich mochte nicht nach Ostende, weil ich dort einen gewiffen 
Herrn v- Frohben nicht kennen lernen mochte, denn er sollte 
mich ja aufsuchen dort, und ich dachte immer: „sieht er Dich 
erst, so will er Dich am Ende doch! und ich mochte ihn 
nicht, mochte ihn nicht, weder gesehen, noch ungesehen!" 
Ein schallendes Gelächter folgte diesem Geständniß und Helene 
fuhr fort: „in Gersau gab ich mir einen anderen Namen, 
weil ich nicht wieder als reiche Erbin umschwärmt werden 
wollte, wie voriges Jahr in Wiesbaden; ich wollte einen 
einzigen Sommer ohne einen Verehrer bleiben; war das so 
unrecht?" 
Wieder folgte lautes Gelächter; Helene sah auch gar zu 
reizend aus, und ihre Stimme klang so überzeugend, daß 
diesem Verbrecher Jeder verzeihen mußte. 
„Wie steht es mtit aber mit Ihnen, wandte sich Haller 
an Friedrich, der Helene schon wieder an sein Herz schloß, 
„wo haben Sie denn die „häßliche, bucklige, hinkende Helene 
Haller" gelaffen?" 
„Ich war natürlich auch nicht in Ostende, Helenens 
Kismet zog mich ebenfalls nach Gersau; ich hatte aber in 
dem Nordseebade einen guten Freund, den ich beauftragte, 
nach Fräulein Haller zu forschen, damit ich Berichte in die 
Heimath schicken konnte; er hat mir wörtlich das Signalement 
von Fräulein Haller gesandt, wie ich es dem Vater ge 
geben!" — 
„Bist Du nun eigentlich „Friedrich" oder „Frohben"?" 
fragte Helene ganz ernsthaft dazwischen, „man wird ja ganz 
konfuse bei dieser Comödie der Irrungen!" 
„Beides, mein Schatz," erwiderte Friedrich, „ich heiße 
Friedrich v. Frohben!" — 
„Da hätten wir mts mit unserem Eigensinn ja beinahe 
um unser schönstes Glück betrogen," meinte Helene nach 
denklich. 
„Gewiß," entgegnete der Bräutigam, „gut, daß es eine 
Vorsehung giebt — und ein Kismet!" —
	        
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