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Periodical volume 19. Juli 1884, Nr. 43

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Treppe, die sich im Innern der Säule befindet, hinauf, und 
nach kurzer Zeit stand sie oben auf der letzten Galerie. 
Wie klein und nichtig lag die Welt zu ihren Füßen, 
wie krabbelten und schwirrten die winzigen Menschenkinder 
dort durcheinander. Jeder drängt vorwärts, der Platz, den 
der Eine kaum verlasicn, ist das Ziel des Andern und wie 
viel, viel öfter noch würden die Menschen einander hart an 
rennen im allgemeinen Getriebe, wenn es nicht eine Vor- j 
schung gäbe, die leise, ganz leise oft, die Fäden auseinander 
zieht, die sich zu verwirren drohen, oder wenn es sein muß, 
sie zerreißt mit festem Rucke! — 
Helene blickte sinnend hinunter, wie glich dies Leben im 
Kleinen dem Treiben, Hasten und Drängen im großen 
Weltenall! — 
„Guten Abend, Fräulein Helene," scholl es da in ihr 
Ohr, „ja sind Sie's denn wirklich?" — 
Die Stimme klang so freudig überrascht und erregt, daß 
Helene sich unwillkürlich auch nur der Freude des Wieder 
sehens überließ. 
„Guten Tag, Herr v. Friedrich, ich denke, Sie sind zu 
Hause!" sagte sic herzlich, und ihr Auge blickte ihn freundlich 
fragend an. 
Ueber das schöne Gesicht des jungen Mannes glitt es 
wie ein leiser Schatten, Helene mochte sich aber auch nur ge 
irrt haben, als sie diesen zu bemerken glaubte, denn Friedrich 
sagte vollkommen harmlos: „ich habe heute Abend hier noch 
ein Geschäft, dann muß ich allerdings einen Tag nach Hause ! 
und daun wollte ich zurück nach Gersau aber wie 
kommen Sie so plötzlich aus der schönen Schweiz hierher in 
das staubige, heiße Berlin?" — 
„Ach ja," seufzte Helene, „ich habe auch schon mit Sehn 
sucht zurückgedacht an mein liebes, liebes Gersau;" sie wurde 
plötzlich dunkclroth, ihre Hand lag noch immer in der Fried 
richs, sic hatte cs ganz vergessen, nun zog sie sie hastig zurück, 
da traf sie wieder der fragende Blick, es war ihr, als könnte 
Friedrich in ihrer Seele lesen, und sie schämte sich, lügen zu 
müssen, wenigstens die volle Wahrheit konnte sie ihm nicht 
sagen: „Mein Papa wollte mich sprechen," sage sie zögernd. 
»Ist Ihr Herr Vater hier?" fragte Friedrich. 
„Nein, er kommt erst heute Abend," entgegnetc Helene, 
„aber mein Gott, da hätte ich ja bald die Zeit versäumt, um 
7 Uhr kommt der Zug, ich muß nach dem Bahnhöfe!" — 
Friedrich geleitete sie die Treppen hinab und wollte 
direkt den Weg nach dem Bahnhöfe einschlagen, „ich habe 
den Hotelwagen hier," erklärte Helene und bog nach dem 
Seitenwege ein. 
„Darf ich Sie morgen sprechen, Fräulein Helene?" fragte 
Friedrich „und wollen Sie eine Bitte bei Ihrem Herrn Vater 
unterstützen?" — 
©r sah ihr auch gar zu tief in die Augen, sic wurde 
ganz verwirrt: „Ich denke, Sie müssen morgen fort?" fragte 
sie verlegen, ohne eine direkte Antwort zu geben. 
„Da meine Vorsehung oder Ihr Kismet uns nun aber 
hier wieder zusammengeführt hat, was soll ich da in der 
Schweiz?" lachte er vergnügt. 
Helene hatte schon den Fuß auf das Trittbrett gesetzt, 
Friedrich hielt ihre Hand so fest, daß sie nicht weiter schreiten 
konnte: „Sagen Sie mir nur, Helene, ob Sie nicht „Nein" 
sagen wollen, wenn ich zu Ihrem Herm Vater komme?" ! 
„Nein, nein!" schrie Helene beinahe, er drückte auch zu 
heftig ihre Hand. 
„Nun nach dem Hamburger Bahnhöfe!" befahl sie dem 
Kutscher und es war gut, daß der sich herumbog, daß Fried 
rich an seiner Mütze den Hötelnameu lesen konnte, sonst hätte 
er nicht gewußt, wo seine Helene, wie sein Herz sic schon 
jubelnd nannte, wohnte. 
Er hätte zwar Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, 
sie aufzufinden, nun lächelte er überrascht, er war ja gestern 
in demselben Hotel abgestiegen. — 
. Wie schnell fuhr dieses Mal der Kutscher! es kam Helene 
mit einem Male vor, als wäre die Luft viel leichter, als 
ströme ein würziger Ozon hindurch, und auch die Häuser 
sahen viel stattlicher aus als vorhin, selbst die Menschen 
schienen nicht mehr so bedrückt zu laufen, so arg zu drängen 
und zu stoßen. Ja, so ist der Mensch, drirch die Brillen 
gläser seiner eigenen Stimmung sieht er die Welt an, und 
Helenens Gläser waren eben ganz rosig! — 
Herr Haller schloß seine Tochter bewegt in die Arme, 
ihm wurde das Herz warm, als er in ihre strahlenden Augen 
blickte, wie leuchtete ihr die Freude daraus, daß sie nun frei 
sei; und er hätte beinahe sein eigenes Kind in ewig drückende 
Fesseln geschmiedet! Um acht Uhr sollte das Rendezvous statt 
finden; der alte Herr v. Frohben sollte mit seinem Sohne in 
den Salon kommen, der zwischen Herrn Hallers Zimmer und 
dem seiner Schwägerin lag. — 
Helenens Vater streichelte liebkosend die Wangen seiner 
Tochter: „Sei ruhig, mein Kind, Du bleibst so lange drinnen 
bei der Tante, bis ich Dich rufe, dann kommst Du allein, 
wir brauchen keine Zeugen weiter; ich führe Dich nur dem 
getäuschten Vater, dem verlo Sohne zu, dann gehst 
Du zurück zur Tante und wir fahren in die Oper, damit Du 
auf andere Gedanken kommst!" 
Die Stimme sollte fest klingen, aber man hörte den ver 
haltenen Grimm und Aerger hindurch; er schloß die Thüre 
hinter der Tochter, denn über die weichen Decken des Corri- 
dors hörte man den Fahrstuhl des alten Herrn v. Frohben 
rollen. —■ 
Es war ein kurzer kalter Händedruck, den die beiden 
einst so guten Freunde wechselten. 
Der junge Frohben stand hochaufgerichtet hinter dem 
Stuhle des Vaters; hübsch war der Junge, das mußte ihm 
der Neid lassen; aber verderbt durch und durch; Haller streifte 
ihn nur mit halbem Blicke: 
„Meine Herren," sagte er und seine Stimme zwang sich 
zur Ruhe mit Gewalt, „wir hatten zusammen ein Geschäft 
vor," — bei diesen Worten zuckte es bedauernd um den 
freundlichen Mund, „es war eine Sünde, denn das Geschäfts 
objekt waren warme Menschenherzen; — daß ein Geschäft 
rückgängig gemacht wird, ist mir als Kaufmann nichts neues; 
— vergessen wir also für den Moment den Gegenstand und 
betrachten wir nur den Handel. 
Abgesehen davon, daß ich mich in der bewußten Ange 
legenheit als Vater tief verletzt fühlen muß, so bin ich auch 
als Kaufmann in meiner Ehre gekränkt, denn man wirft mir 
Unreeüität vor, der größte Schimpf, der einen Kaufmann 
treffen kann!" — 
„Dir, mein alter Freund will ich allein beweisen, daß 
ich würdig bin, auch ferner Dein Freund zu bleiben; der
        
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