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Volume 19. Juli 1884, Nr. 43

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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halb drohend auf ihn ein, — „daß Dich der neumodische 
Teufelsspuk auch verführt hat! Im Keller ruhen geheimniß- 
volle Bücher, die Dir jüngst zu nächtlicher Weile überbracht 
wurden! Bon wem? Woher? Wozu? Ich habe lange ver 
gebens darüber nachgedacht, jetzt aber wird mir Alles klar; 
Du hast Dich selbst verrathen, indem Du das gottverfluchte 
Wittenberg erwähntest!" 
„Du hast also spionirt?" 
Dabei erhob er die Hand; sie trat ihm keck entgegen: — 
„Ich fürchte Dich und Deine Drohungen nicht! Da ich 
aber nun die volle Gefahr erkannt habe, in welcher ich und 
unser Haus schweben, besteh' ich mehr als je darauf, daß 
Siegmund Rohr mein Eidam werden soll! Er steht in hoher 
Gunst bei der Frau Fürstin Gnaden und hat ein gläubiges 
Herz! 
Martin brauste auf, als seine Frau den Kammerdiener 
der Kurfürstin Hedwig noch 
einmal erwähnte, nannte 
denselben einen Schleicher 
und Mantelträgcr und ver 
schwor sich hoch und theuer, 
daß derselbe nie sein Eidam 
werden sollte. 
Ohne auf die Einwen 
dungen seiner Frau weiter 
zu hören, verließ er das 
Haus und begab sich nach 
dem Domplatz. 
Barbara blieb mit 
ihrem Grimm allein zurück. 
Die Meinungsverschie- 
denheit über Wittenberg, 
wie in Bezug auf Sieg- 
mund Rohr hatte zwischen 
den Straube'schen Eheleuten 
einen vollkommenen Bruch 
herbeigeführt. — 
^Fortsetzung folgt.) 
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fitrlin und Kölln jur Zeit ihrer Begründung um 1220 etwa. 
Originalzeichnung nach dem Entwürfe K. F. von Klödens. 
Zum Aufsatze Seite 606. 
Ihr Lismet. 
Erzählung von fl. n. Stattn. (Schluß.) 
Helene war auf der ganzen Reise so ruhig, besonnen 
und umsichtig gewesen, daß die Räthin erst befremdet aufge 
blickt hatte, ob sie denn dieselbe Helene heimbrächte, die sie 
mitgenommen und die auf der Hinreise die Tante in fort 
währende Angst und Aufregung versetzt hatte. An jeder 
Station war sie damals ausgestiegen, bald wollte sie eine 
schöne Aussicht erspähen, bald saß auf dem Perron eine Obst 
verkäuferin und die Früchte waren gar zu verlockend bei der 
heißen Fahrt; dann hatte wieder ein Mann, der Steine feil 
bot, sie so lange gefesselt, daß sie der Schaffner holen mußte, 
sonst wäre der Zug ohne sie weitergefahren! — 
Und jetzt saß Helene still in der Ecke und blickte träume 
risch in die Gegend hinaus. — 
„Bist Du krank, mein Liebling?" fragte endlich besorgt 
die Tante, „Du bist so sehr still, Helene!" 
Das junge Mädchen schüttelte traurig den Kopf: 
„Ich weiß nicht, nur liegt mein zukünftiges Leben so 
nebelumschlciert und dunkel vor mir, und ich habe doch jetzt 
gar keinen Grund, schwermüthig zu sein, nun mein Vater 
selbst mich frei gemacht, mir also ein langer, harter Kamps 
erspart bleibt!" 
„Das macht die plötzliche Wendung zum Guten;" 
tröstete die Tante. 
„Nein," meinte Helene, „ich glaube, es liegt daran, daß 
mein Herz nun gar keinen Wunsch mehr hat, siehst Du, früher 
da konzentrirte sich alles Denken und Fühlen bei mir in dein 
einen Wunsch, „dürfte ich doch frei sein!" ich strengte Seele 
und Geist an, das Ziel zu erreichen; — jetzt gehen Denken, 
Fühlen, Hoffen, Wünschen, Alles ins Unbestimmte, ins Un 
endliche, das verträgt meine Natur nicht!" — 
„Sollte es denn aber keinen Punkt mehr geben, auf den 
Du nun Dein Herz richten 
könntest?" warf die Tante 
unvorsichtig hin, „sieh, ich 
habe immer Wünsche; ent 
weder denke ich mir eine 
hübsche Toilette aus, die 
ich gern recht bald fertig 
vor mir sehen möchte; oder 
' ich arrangire im Geiste etwas 
in meinen Zimmern, bis ich 
dann wirklich Hand anlegen 
kann, und so wünsche ich 
fort und fort etwas!" 
Bei den ersten Worten 
der Räthin war Helene sehr 
roth geworden, dann blickte 
sie aber erstaunt auf: Würde 
ihr Leben fortan auch nur 
von solchen Hoffnungen 
erfüllt sein? Sie schauderte 
bei dem Gedanken! — 
Endlich lief der Zug 
auf dem Bahnhöfe in Berlin 
ein. Das rege Leben der 
Großstadt, das schon mächtig 
hier zu pulsiren beginnt, sobald der Fuß den Perron betritt, 
machte auch auf Helene sofort seinen Einfluß geltend; sie mußte 
ihren Geist zurück in die Wirklichkeit zwingen, denn hier 
brauchte sie ihn voll und ganz. — 
Es war dem jungen Mädchen, als würde ein Vorhang 
Herabgelaffen hinter dem ersten Akte ihres Lebens, nur ein 
kleines Nachspiel fehlte noch, dazu mußten die Couliffen ge 
wechselt werden; dann kam der zweite, würde er schöner sein 
als der erste? 
Darüber weiter zu sinnen, blieb ihr keine Zeit, jetzt 
mußte sie Gepäck und Droschke besorgen und frisch hinein 
gehen in das neue Leben und das wollte sie auch, sie fühlte 
sich plötzlich so stark, so gereift! — 
Herr Haller war weder auf dem Bahnhöfe gewesen, wie 
Helene im Stillen gehofft, noch fanden sie ihn im Hotel; er 
hatte von Hamburg aus drei Zimmer für sich und die Räthin 
Born nebst Helene bestellt und man erwartete ihn mit dem 
nächstkommenden Zuge.
	        
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