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Periodical volume 19. Juli 1884, Nr. 43

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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herausfordernden Stellung eines Kampfhahnes vor der Haus- | 
tbür stehen sah. 
„Was soll das?" — herrschte er sie ziemlich unsanft an, 
indem er die pelzgefütterte Schaube über die Schultern warf 
und das schwarze Tuchbarett auf den Kopf stülpte. 
„Heute," — erwiderte sie, indem sie trotzig die Arine in 
die Seiten stemmte, — „kommst Du nicht hinaus, wenn Du 
mir nicht vorher Rede gestanden hast!" — 
Martin versuchte seine Frau fort zu drängen. 
„Laß mich hinaus, Barbara; es wird bald acht Uhr 
sein, ich muß meine Verkaufsbude aus dem Domplatz öffnen; 
heute Abend werde ich Dir antworten!" 
„Ei was!" — schalt Barbara, indem sie Martins Hand 
ergriff und ihn von der Thür fortzog, — „des Morgens 
mußt Du fort und Abends bist Du müde! Ich kenne diese 
Ausflüchte!" 
Er versuchte umsonst, sich von ihr los zu machen. 
„Frau, ich werde bös!" 
„Das gilt mir gleich," — eiferte sie, — „Du kommst 
heute nicht eher aus dem Hause, bis ich nicht Deine Willens 
meinung über den Antrag des Herrn Siegmund Rohr, 
Kauunerdiener unserer allergnädigsten Kurfürstin kenne! Schon 
seit zwei Monden wirbt der wohledle, tugendsame Herr um 
unsere einzige Tochter! Kurfürstlicher Kammerdiener und Se- 
kretarius Ihrer fürstlichen Gnaden," — Barbara spreizte sich 
gewaltig bei Wiederholung dieses Titels, — „bedenke solch' 
vornehmer Mann! Mir vergeht vor Ehrfurcht immer schier 
der Athem, wenn ich nur ein Zipfelchen vom Schloß zu sehen 
bekomme und nun ist gar Aussicht, daß unsere Elsbeth selbst 
ins Schloß kommen kann und ich wäre," — sie blähte sich 
stolz wie ein Truthahn auf, — „längst Schwiegerin von 
einem Manne aus der Fürstenburg, wenn Du nicht Deine 
Antwort immer von Neuem hinausgeschoben hättest!" 
Martin machte eine abwehrende Bewegung und meinte, 
daß seine Tochter Elsbeth zum Freien noch zu jung wäre. 
Barbara schlug die Hände zusammen. 
„Zu juug?!" — hohnlachte sie dabei, — „ha, ha! 
Am nächsten Michaelistag wird Elsbeth zwanzig Jahre und 
wenn sie nicht bald unter die Haube kommt, können die 
Leute nächstens anfangen, von „alter Jungfer" zu murmeln!" 
„Will sie ihn denn freien?" 
Die Frau zuckte über diese Frage ihres Gatten spöttisch 
die Achseln. 
„Ob sie will? Bah, das wäre mir eine schöne Neuerung, 
wenn man eine Dirne nach dergleichen fragen wollte! Es ist 
doch wohl alt' ehrwürdige Sitte," — setzte sie mit großem 
Nachdruck hinzu, — „daß, wenn ein Freier den Eltern be- 
hagt, die Sache im Reinen ist! Sie wird nachher schon gern 
wollen, umsomehr Herr Siegmund Rohr, Ihre fürstlichen 
Gnaden Kammerdiener, ein stattlich feines Herrlein ist, der 
sogar an Werkeltagcn seidene Pluderhosen und sammtnes 
Wamms trägt! Ja, der ist zierlich und manierlich!" 
„Run, nun," — lächelte Martin spöttisch, — „komm' 
doch nur zu Athem! Die Lobeserhebungen des Herrn Sieg 
mund Rohr fließen Dir ja von den Lippen wie die Fluthen 
der Spree über die Schleusen am Mühlendamm! Es könnte 
wirklich scheinen, als wenn Du die Braut wärst, um welche 
geworben wird!" — Er hielt einen Augmblick inne, dann 
fuhr er, ernsthaft werdend, fort: — „Da es sich aber um 
meine Tochter handelt, werde ich sie selber fragen, ob sie den 
Menschen als Ehegespons nehmen würde, was ich kaum 
glauben kann!" 
„Sie selber fragen?!" — zeterte Barbara, — „wenn 
ich, die Mutter will? O welche Neuerung! Das Ansehen 
des Vaters legst Du ab, wo es sich um das Glück der Tochter 
handelt? Sie soll nicht gefragt werden, sie muß gehorchen 
und alles so beurtheilen, wie wir es für gut befinden, ihr zu 
zeigen!" 
„Das ist meine Ansicht nicht," — entschied Martin sehr 
kräftig, — „sie soll nicht blind einem fremden Manne folgen, 
sondern es reiflich vorher bedenken, wozu sie „Ja" zu 
sagen hat!" 
Barbara schlug ein Kreuz über Stirn und Brust. 
„Heilige Mutter Gottes!" — rief sie erschreckt, — „was 
hör' ich? Denken soll mein Kind? Glauben müssen wir 
alle, und zwar blindlings, denn es giebt nur einen Weg, der 
uns blind zum Himmel führt!" 
„Ich habe nicht Lust zu fallen," — lachte Martin 
spöttisch, — „und das könnte leicht geschehen, wenn ich meine 
Wege in Blindheit verfolgen wollte; ich mache meine Augen 
im Gegentheil weit auf; übrigens ist der Weg zum Himmel 
nicht mehr dunkel, ihn beleuchtet ein helles Licht, es kommt 
aus Wittenberg!" 
So wie er das Wort „Wittenberg" ausgesprochen 
hatte, schrie Barbara laut auf und wich mit dem Ausdruck 
größten Entsetzens weit von ihrem Mann zurück. 
„Ha! Mann, Du bist bei lebendigem Leibe schon ein 
Kind des Todes! Hat Dich denn nicht die Heiligkeit des 
Ortes, wo Du an der Kirche Seite Deinen Handel hältst, be 
schützt? War in den Heiligenbildern, in den geweihten Kerzen 
für Dich kein Talisman?" 
Martin zuckte geringschätzig die Achseln. 
„Die Kerzen modern und werden Mäuscfraß, die Bilder 
vergilben, kein Mensch fragt mehr danach!" 
„Und doch lobtest Du noch gestern das Geschäft! Wenn 
Du an diesem Allen nichts verdienst, was bringt Dir denn 
Gewinn? Heilige Jungfrau, welch' ein Argwohn!" 
Angstvoll hing ihr Blick an seinen Zügen, ein furcht 
barer Verdacht war in ihr aufgestiegen. 
„Kümmere Dich nicht um meinen Handel, Weib! Bleib 
Du in Deinem Reich und halte Ordnung in Küche, Keller, 
Haus!" 
Aus Barbara's Augen blitzte eine dämonische Schaden 
freude auf. 
„So?" — höhnte sie, — „Hab' ich Dich ertappt? Also 
im Keller soll ich herrschen?" 
Martin erschrak und blickte scheu und verlegen zu Boden, 
während Barbara forteiferte: — 
„Den Keller hast Du ja verschlossen! Denkst Du viel 
leicht, daß ich nichts gemerkt hätte, weil ich fein säuberlich 
bis heute geschwiegen habe? Wo ist der Kellerschlüffel ge 
blieben," — sie zeigte auf das Schlüsselbrett an der Wand, 
— „der dort gehangen seit dem Tage, an welchem ich als 
Dein ehelich Weib meinen Einzug in Dein Haus gehalten 
habe?" 
Martin schwieg, die Lippen fest auseinander gepreßt. 
Durch sein Schweigen wurde sie noch muthiger. 
„So ist es denn bewiesen," — schalt sie halb furchtsam,
        
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