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Periodical volume 12. Juli 1884, Nr. 42

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Jahren über die Königin Luise dachte, davon wollen wir ein Bei 
spiel geben aus einem Spektakelstücke, welches im kaiserlichen Theater 
1853 ausgeführt wurde. Der Text, welcher bei der Ausstattung, 
den Ballets und Evolutionen eigentlich nebensächlich ist, ist wohl 
kaum anders erhalten, als in einem für die Zuschauer bestimmten 
Textbuche, welches uns als eine Seltenheit vorliegt. Dasselbe führt 
den Titel „Le consulat et l’empire“ und behandelt in 22 
Tableaux den ganzen Zeitraum von 1799 bis 1806. „La reine 
de Prusse“ muß in einigen Scenen allerlei Unmöglichkeiten her 
sagen, während natürlich hinter den Koulissen fortwährend preußische 
Militärmusik spielt. Der russische Kaiser Alexander bewundert der 
Königin gegenüber den Muth, welchen sie den Truppen einzuflößen ver 
standen hat. Luise versichert, daß s i e sich an die Spitze des Heeres stellen 
würde, sobald das Signal zum Krieg gegeben. Darauf berathen 
beide weiter, wie sie den König Friedrich Wilhelm bewegen oder 
eigentlich überlisten sollen, von dem Vertrage mit Frankreich abzu 
fallen. Im entscheidenden Moment zieht die Königin ein Papier 
hervor, durch dessen Unterschrift der König die Waffengemeinschaft 
mit Oesterreich und Rußland besiegeln soll, und ihren Ueberredungs- 
künsten gelingt es trotz des Dazwischentretens und den Warnungen 
des Ministers Haugwitz, den König für den Plan zu gewinnen, 
den hinter seinem Rücken seine Gemahlin mit dem Kaiser von 
Rußland gefaßt hat. — Genug davon; es ist nicht nöthig, das 
Bild der politischen Verschwörerin, zu der das Frankreich des 
dritten Napoleon unsere Königin machte, länger im Auge zu 
behalten. Daß sie eine Frau war und eine Mutter im wahren, 
göttlichen Sinne des Wortes, das konnte freilich der kaiser 
liche Hof nicht begreifen, dem der Begriff von Frau und Mutter 
überhaupt fehlte. Dazu gehört deutscher Sinn und deutsches 
Gemüth. 
Von fremder Art und von fremdem Lande kehren wir noch 
mals zurück auf heimathliche Flur, um an zwei Denkmälern zu 
verweilen, welche einst deutscher Zartsinn und deutsche Anhänglichkeit 
der edelsten Herrscherin gesetzt hat. Beide sind halb vergeffen; nur 
jüngst tauchte in Tagesblättern eine flüchtige Notiz darüber wieder 
auf, welche aber eine Beschreibung der Denkmäler nicht enthielt. 
Auf der Fahrt nach Mecklenburg berührt die Eisenbahn das kleine 
Städtchen Gransee. Dort mitten auf dem Marktplatz ließ im 
Jahre 1811 der Landrath von Ziethen in Verbindung mit anderen 
Patrioten ein Denkmal zum Andenken daran errichten, daß bei 
der Abholung der entseelten Hülle der Verklärten von Hohen-Zieritz 
nach Berlin dieselbe am 25. Juli 1810 durch die Stadt gekommen 
und über Nacht dort geblieben war. Die Zeichnung zu dem Denk 
mal ist von dem damaligen Bauaffeffor Schinkel entworfen und 
das Denkmal selbst in der königlichen Eisengießerei in Berlin ge 
gossen worden. In einer aus Gußeisen bestehenden gothischen 
Kapelle erblickt man einen Sarkophag, ebenfalls aus Eisen. Am 
Kopfende desselben, kenntlich an einer vergoldeten Krone, steht: 
Dem Andenken 
der Königin 
Louise Aug. Wilh. Amalie 
von Preußen. 
Darunter an der Tafel am Postament: 
Von den Bewohnen, der Stadt Gransee 
der Grafsch. Ruppin und der Priegnitz. 
Am Fußende steht; 
Geb. d. 10. März 1776. 
Gest. d. 19. Julius 1810. 
Nachts den 25. Julius 1810 
Stand ihre Leiche hier. 
An der langen Seite des Sarkophags zur rechten Hand: 
An dieser Stelle sahn wir jauchzend Ihr entgegen. 
Wenn Sie die Herrliche in milder Hoheit Glanz 
Mit Engelsreundlichkeit vorüberzog. 
An der anderen langen Seite: 
An dieser Stelle hier, ach, flössen unsre Thränen, 
Als wir dem stummen Zug betäubt entgegen sahn. 
O Jammer, Sie ist hin! 
Die Kapelle, in welcher dieser Sarkophag steht, ist 23 Fuß hoch, 
13 Fuß lang und 6 Fuß breit. An den beiden Frontejpizen 
desselben sieht man auf zwei nebeneinander liegenden Schildern das 
preußische und mecklenburgische Wappen. 
In der Nähe des Dorfes Dannenwalde, an der Stelle, wo 
der Leichenzug der Königin die mecklenburgisch-preußische Grenze 
überschritt, erhebt sich das andere Denkmal, welches ebenfalls aus 
der königlichen Eisengießerei in Berlin hervorgegangen ist. Es hat 
eine dreieckige Form in Gestalt eines Altars und trägt an der Vorder 
seite den Namen, Geburts- und Todestag der Königin, während 
die beiden anderen Seiten die Worte enthalten: 
Mehr als Purpur und Krone 
umstrahlten sie 
Liebe des Volkes, 
und: 
Sie war die Zierde 
der Frauen, 
Der Tugend leuchtendes Vorbild. 
Als die Sonne sich zum Abend neigte, mußten wir 
Abschied nehmen von dem Lieblingsaufenthalte der edlen Frau. 
Der Wald nahm uns wieder auf und nachdem wir noch einmal 
im Bewußtsein eines schön verlebten Tages unsern Blick dank 
bar zurückgewandt hatten nach der Höhe, ging es weiter durch 
Mecklenburg. 
Johann Gottfried Schadow. 
Von Äoberl Springer. 
Am 20. Mai vor hundert und zwanzig Jahren (1764) wurde 
der Mann geboren, der sich in der Bildhauerei der Deutschen, vor 
Allem aber in der Monumentalkunst Berlins einen unsterblichen 
Namen erworben hat. 
Johann Gottfried Schadow, zu Berlin geboren, stammte 
aus einer bäuerlichen Familie, welche im märkischen Dorfe Saalow 
bei Zoffen ansässig war. Der Vater hatte sich aber von seiner 
ersten Kindheit an körperlich zu schwach zum Ackerbau gezeigt und 
war daher von seinen Eltern nach der kleinen Stadt Zoffen zu 
einem Schneider in die Lehre gegeben worden. Später hatte er 
sich als Meister in Berlin niedergelassen. Johann Gottfried, als 
er berühmt geworden war, legte einen besonderen Werth auf das 
Schneiderhandwerk seines Vaters und man hörte ihn öfters sagen: 
„Mein Vater, der Schneidermeister." Auch Schadow's Mutter 
war ein Landmädchen, hatte aber ihre Erziehung bei einem Oheim 
erhalten, der in Berlin einen kleinen Kramladen hatte. Die Groß- 
eltern väterlicher Seite verblieben als Bauern in Saalow, ihr Enkel 
fühlte sich zuweilen nach dem bäuerlichen Heerde, der Jugendstätte 
seines Vaters, hingezogen. 
Der Knabe Johann Gottfried verrieth frühzeitig das Talent 
zum Künstler. Er wurde durch seinen Zeichenlehrer bei dem be 
rühmten Bildhauer Taffaert eingeführt und bald galt der sechszehn 
jährige junge Mensch als der ausgezeichnetste Eleve des Meisters. 
Als Lehrer an der königlichen Akademie können nur Le Sueur, 
Bernhard Rode, Frisch und Chodowiecki als Männer von 
mittelmäßiger Wirksamkeit genannt werden. 
Tassaert war 1773 von Paris als königlicher Hofbildhauer 
nach Berlin berufen worden; sieben andere Bildhauer, Franzosen, 
Italiener und Flamländer, erhielten außer ihm königliche Gehalte 
und arbeiteten unter seiner Leitung. Ter Meister war überaus 
thätig und zauberte mit seinen „pensionirten Kompagnons eine
        
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