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Periodical volume 12. Juli 1884, Nr. 42

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Im Frühjahr 1684 kehrten Mutter und Tochter wieder nach 
Hannover zurück, im Spätsammer, 28. Septbr. (8. Oktober) 1684, 
eines Sonntags war die Hochzeit im Lustschloß zu Herren hausen 
bei Hannover mit dem preußischen „Aesop". Diese Heirath war 
keine Heirath der Wahl und Neigung. Der Mercure Galant be 
richtet im Dezemberheste 1684 also von der Hochzeitstafel: 
„I! y eut six Services qui parurent longs au Prince. La 
niodestie de la Princesse et la langueur qui paraissait dans 
ses yeux, augmenterent telement l’eclat de sa beaute naturelle, 
quelle charma tous les Spectateurs. Le pesanteur de ses 
liabits et d’une couronne de perles et de diamans luy ayant 
uu Moment fait changer de couleur, le Prince en parut 
tout alarme. Pour sortir d’inquietude, il pria Madame la 
Duchesse de trouver bon qu’on la deehargeast de ce sardeau. 
Oh la conduisit aussitost dans son Aparternent, d’ou eile fut 
ranienee en Desbabille. Elle avait une Simarre de Brocad 
d’or et couleur de feu et dans ce simple ornement eile estait 
plus belle qu’on ne l’avait jarnais vue. Quand eile se fut re- 
tiree k sa Toilette, Madame la Duchesse la deshabilla et ayant 
congedie toutes les Dam es, eile attendit seul l’arrivee du Prince, 
avec lequel eile la laissa. 
Le lendemain au matin Leurs Altesses passerent dans 
l’Apartement des Mariez et leurs souhaiterent d’heureux jours. 
Le prince se leva incontinent et alla rendre visite k Mr. le 
Duc et ensuite a Madame la Duchesse pour donner le temps 
ä la Princesse de s’habiller. Des qu’elle fut presse, tonte la 
Compagnie le vint prendre pour la conduire dans la Salle oü 
le Disne fut servy avec beaucoup de magnificence.“ 
Am folgenden Tag, Dienstag 10. Oktober, dem sechszehnten 
Geburtstag Charlottens, war der solenne Einzug in Hannover; 
das Brautpaar saß in einer Leibkarvsse von Carmoisin Sammt 
mit Gold und Silber, im Fonds, vor ihnen der Herzog und die 
Herzogin, die Prinzessin von Hannover (die nachherige 
unglückliche Prinzessin von Alten) am rechten Schlage. Am 
Abend dieses Tages war der Fackeltanz, den der Mercure Galant 
also beschreibt: 
„Apres le Soupe, on se rendit dans une grande Salle, 
paree pour le Bai. 11 commenya par une Dance, qu’on ne 
counait point en France et que I on conserve en Allemagne par 
une vieille tradition. Six de la Cour de Hannover donnerent 
la main k six de Mr. le Prince Electoral, tous un fiambeau de 
cire blanche k la main. Les mariez se placerent au milieu, en 
Sorte qu’il y a avait six devant et six derriere et commence- 
rent la Dance. Ils danserent k deux reprises. Mr. le Duc vint 
prendre la place du Prince et dansa comme luy. Ensuite 
Madame la Duchesse prit eelle de Madame la Princesse Elec- 
torale, le Prince de Hannover celle du Duc, la Princesse celle 
Je la Durchesse, et le Princes Charles (der vierte Prinz, der 
damals fünfzehnjährige Bruder des Erbprinzen Georg) celle du 
l'rinc de Hannover. II finit la Dance qui se fait au son des 
Trompetles, sans qu’il y ait aucun violon qui joue. Apres 
cette Dance on commenca un Bai k la Franfaise*) 
Eine Woche nach diesem Fackeltanz, am 19. Oktober, reiste 
Friedrich ab, Charlotte begleitete ihn bis Burgdorf, wo ihnen 
der Herzog von Zelle eine Fete gab.. Am 20. Oktober ging 
Friedrich allein nach Berlin, Charlotte kehrte nach Hannover zu 
rück, wo sie noch drei Wochen bei ihrer Mutter blieb. 
Der Mercure Galant beschreibt sie, wie sie damals war, also: 
„Madame la Princesse de Hannover est une personne tres 
aimable. Sa taille est des mediocres. Elle a la plus belle 
*) Dieser Fackeltanz währte zwei Stunden, die Fackeln waren sechs 
Fuß hoch, wie eine andere Beschreibung der Hochzeitsfeierlichkeiten im 
Novemberhefte des Mercure Galant berichtet. 
gorge et la plus belle peau que l’on puisse voir, de grands 
yeux bleux doux, une quantite de cheveaux noirs 
prodigieuse, des sourcils comme s’ils etaient fait avec le 
compas, le nez bien proportionne, la bouche inearnate, de fort 
belles dents et le teint tres vif. Le tour de son visage n’est 
ny ovale ny rond, il tieut de l’ur et de l’autre. Pour de 
l’esprit, eile en a beaucoup et une douceur fort engageante. 
Elle chante bien, joue du Clavessin, dance avec beaucoup de 
grace et s^ait ce que fort peu de personnes spavent 
dans un age aussi peu avance que le sien." 
Charlottens Bildung und Lebensgewohnheiten waren gar sehr 
von denen ihres Gemahls verschieden. Im Anfang fügte sie sich 
in die Vorliebe desselben für die steifen Ceremonien und den lästigen 
Hoiprunk, nach und nach wurde das Verhältniß ein förmliches und 
kaltes, und zuletzt schlug die Königin ihren besondern Hos in Lützel- 
burg bei Berlin auf, dessen Lage ihr bei einer Spazierfahrt gefallen 
hatte. Sie liebte es, für frohe, freie, ungezwungene Unterhaltung 
Abendgesellschaften zu geben, während der König nach alter mili- 
. tairischer Sitte des großen Kurfürsten schon früh um 4 Uhr aus 
stand, so daß es sich wohl traf, daß man von einem Souper bei 
der Königin zu einem Lever des Königs gehen konnte. Charlotte 
j hatte zwar von ihrem Geinahle den großen Garten Monbijou 
erhalten, zu dem damals als Ackerfeld der größte Theil der 
Spandauer Vorstadt und selbst der Dorotheenstadt gehörte; sie hatte 
aber vorgezogen, diese Felder zu Baustellen und Gärten an Berliner 
! Bürger gegen einen geringen Grundzins zu vergeben oder auch 
ganz umsonst zu überlassen, womit sie sich denn allerdings bei 
j diesen in ganz anderen Ruf als ihre Vorgängerin Dorothea 
gebracht hatte: sie war ungemein beliebt beim Volke, war leut 
selig mit ihm, sprach theilnehmend mit den geringsten Leuten, hörte 
ihre Bitten an und hals, wenn sie konnte. Noch als sie Kursürstin 
i war, hatte sie vorgezogen, ihre Hofstatt von Berlin weg nach dem 
eine Meile nach Spandau zu lieblich an der Spree gelegenen 
Dorfe Lützow zu verlegen. Sie erkaufte hier das von ihrem Ober- 
hofmeister Baron Dobrzinsky erbaute schöne Landgut Ruheleben 
um 25 000 Thaler und ließ sich nun daraus seit dem Jahr 1695 
durch Schlüter in großartigem, italienischen Style das Schloß 
Lützelburg bauen und weitläufige Gärten nach den Risten des 
berühmten Le Notre dabei anlegen. Nach ihrem Tode, wo zu 
Ehren ihres Namens die Stadt Charlottenburg gegründet wurde, 
erhielt das Schloß ebenfalls ihren Namen. Es war reizend und 
geschmackvoll mit schönen Meubles, Tapeten und Gemälden aus 
gestattet, ein Zimmer enthielt kostbares japanisches und chinesisches 
Porzellan, in einem andern waren die Leuchter, ein kleiner Kaffee 
tisch und ein vollständiges Kaffeeservice von gediegenem Golde. In 
den Gärten wurden schöne Orangenbäume aufgestellt, seltene Blumen 
gezogen, es schmückten sie Statuen und Vasen. Am 11. Juli 1699, 
zum Geburtstag ihres Gemahls, fand die feierliche Einweihung 
statt und von nun an hielt Charlotte hier ihren heiteren Hof, gab 
ihre geistreichen Zirkel und ließ fleißig Bälle, Maskeraden, Konzerte, 
Schauspiele, Opern und Ballette aufführen. 
Ueber das weitere Leben Charlottens erzählen wir später und 
geben dazu das Portrait von Leibnitz, des philosophischen Be- 
j rathers der Fürstin. 
Wunderlich bleibt, daß diese feingebildete liebenswürdige 
Fürstin einen Sohn haben konnte, wie es Friedrich Wilhelm I. 
war. Man nimmt ja im Allgemeinen an, daß die Söhne der 
Mutter, dagegen die Töchter dem Vater gleichen. Friedrich 
Wilhelm I. aber hatte keinen einzigen Zug seiner geistreichen 
Mutter geerbt. —
        
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