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Periodical volume 12. Juli 1884, Nr. 42

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Kind in treuen Händen wissen, und des Vaters Charakter 
bürgte mir für den des Sohnes; — er gedachte eine 
Schuld der Dankbarkeit abzutragen, indem er seinen Erben 
für meine Tochter bestimmte. Wir haben gesehen, daß 
nicht Menschen dazu berufen sind, Geschicke zu schmieden, 
die Vorsehung will selbst das Schicksal ihrer Kinder be 
stimmen! — 
So ist es mir lieb, daß es noch Zeit ist, wieder rück 
gängig zu machen, was ich, in guter Absicht zwar, aber 
doch vermessen, an meines Kindes Lebensweg selbst ordnen 
wollte. 
Helene soll ihre Freiheit wieder haben, sie soll am 
Herzen ihres Vaters jetzt den Schlitz finden, den ihr später 
der selbst gewählte, von der Vorsehung ihr bestimmte 
Gatte gewähren wird; nur das Eine fordere ich noch, 
kommt am 12. nach Berlin und helft mir dem Freunde 
beweisen, daß nicht ich betrog, sondern ein Anderer! — 
Ich erwarte euch im Hotel de Rome- 
Küssen Sie Helene und seien Sie gegrüßt von 
Ihrem 
Hamburg, den 6 Schwager Haller. 
Es ballerte eine ganze Weile, ehe eine der Beiden sprechen 
konnte; die Räthin hatte die Augen geschloffen und dachte 
darüber nach, wie gütig auch ihr gegenüber die Vorsehung 
die verwirrten Fäden geordnet hatte. Wie war ihr bange 
gewesen vor dem Moment, wo sie dem Schwager würde 
sagen müffen, „ich habe Sie hintergangen!" — nun kam der 
Lüge des jungen Frohben gegenüber diese kleine Täuschung gar 
nicht in Betracht. Und daß sie durch dieselbe ihre liebe Helene 
vor dem Schicksal bewahrt hatte, einem charakterlosen Manne 
anzugehören, das rechnete sie sich noch besonders an! Wie 
konnte ein Mann so lügen, war das nicht geradezu schändlich, 
sündhaft? Er hatte sich ja ein ganzes Lügengewebe zurecht 
gemacht; Helene in Ostende, häßlich, bucklig und lahm! Sie 
wußte nicht, sollte sie sich ärgeril oder lacheil. Während die 
Räthin nur diesen älißeren Dingen ilachhing, bewegten He- 
lenens Seele ganz andere Gedanken. 
In welchen Abgrund hatte sie eben geblickt! Las sie ! 
nicht zwischen den Zeilen, was ihr Vater zu stolz war, aus- ! 
zusprechen? Daß er bei der Wahl seiner zweiten Gattin 
nicht glücklich gewesen? — Aber wie groß war seine Liebe 
für sie selbst! Hatte sie das je gefühlt, gewürdigt? Welch' 
feste Vorsätze faßte sie in dieser Stunde; wie wollte sie dem ! 
Vater von jetzt an begegnen, wie wollte sie voll Dank uild k 
inniger Liebe an ihm gut zu lnachen suchen, was sie bisher ! 
im Geiste gegen ihn gesündigt! 
Es that ihr ordentlich leid, daß sie diesen Frohben nun 
nicht heirathen sollte, ihr warmes, bewegliches Her; wäre in 
diesem Augenblicke zu jedem Opfer bereit gewesen. — 
Sie konnte es plötzlich im Zimmer nicht mehr aushalten, j 
die Luft drohte sie zu ersticken. 
„Liebes Tantchen," sagte sie weich, „ruhe Du jetzt noch 
ein Stündchen, ich muß noch etwas hinaus und nachher 
müffen wir packen, wir haben heute bereits den zehnten und 
wir dürfen den guten Papa nicht eine Sekunde warten lasten!" 
Die Räthin nickte zustimmend und Helene ging. — 
Der Tante war die Nichte ein Räthsel; wie hatte sich 
das junge Mädchen sonst empört gegen die Feffel, die man 
ihr anlegen wollte, indem man sie ohne ihren Willen ver- 
heirathen wollte — wie der romantische Jugendsinn das 
nannte, während ftüher niemals ein Mädchen selbstständig 
wählte, und nun war plötzlich die Fessel gesprengt und Helene 
jauchzte nicht freudig dabei auf! — 
Sie konnte die Jetztzeit einmal nicht begreifen; daß das 
„romantische Gemüth" der Nichte in diesem Augenblicke 
eigene Freude über anderem Leide vergaß, das verstand die 
Tante nicht. 
Ihr war es ja auch nicht neu, daß ihr Schwager nicht 
vollkommen glücklich war, aber das lag nun auch wieder in 
seinem Idealismus. Die junge Frau Haller war schön, zog 
sich brillant an und hatte Geschmack, das mußte Jeder aner 
kennen; mein Gott, wenn sie nun auch etwas zu sehr das 
Vergnügen liebte, war denn das ein Verbrechen, der Gatte 
hatte ja die Mittel dazu! — 
Helene hatte den Weg nach der Höhe eingeschlagen, sie 
wollte Abschied nehmen von ihrem Lieblingsplatze. 
Wie pochte ihr Herz fast hörbar, welche Bilder zogen 
an ihrer Seele vorüber! — 
Sie sollte plötzlich zurück ins Vaterhaus, das ihr bisher 
ganz fremd war und das ihr durch den heutigen Brief des 
Vaters noch unklarer vor der Seele stand. 
Bisher hatte sie geglaubt, die Liebe zu der schönen jungen 
Frau habe den Vater gleichgültig gemacht gegen die Tochter 
und nun hatte er all' die Zeit über nur liebevoll für sie ge 
sorgt! Es fiel ihr auf einmal ein, daß sie sich bisher noch 
gar kein klares Bild von ihrer Zukunft gemacht hatte; wie 
konnte sie auch? Immer hatte ja dieser Frohben wie ein 
Schreckgespenst auf der ersten Stufe zu dem Heiligthume der 
Jugendfreuden gestanden und hatte ihre Gedanken zurückge 
schreckt, wenn sie sich ja einmal in das Paradies wagen 
wollten, das sich wohl jedes junge Herz zaubert in phantasti 
schen Farben. — 
Und dann war ihr der Vater erschienen wie der Engel 
mit dem feurigen Schwerte, der sie vertteiben wollte für alle 
Zeit aus dem Eden des Glückes. Nun hatte der Vater nur 
liebend und sorgend ihr die Wege ebnen wollen, und sie hatte 
die treue Hand verkannt. 
Der Vater sprach fo viel von „Vorsehung" in seinem 
Briefe, unwillkürlich mußte sie an das Gespräch von neulich 
denken, oder vielmehr an die Rede, die ihr Friedrich gehalten, 
wo er auch immer von ihrer Vorsehung gesprochen und 
sie es so bestimmt in Abrede gestellt, daß sich die göttliche 
Hand auch in solchen Kleinigkeiten nach den Menschenkindern 
ausstrecke. 
Da stand sie nun oben, unbewußt hatte sie den harzigen 
Fichtenstamm wieder umfaßt und das Auge ;u Boden ge 
senkt, ihr war's, als hörte sie Friedrichs sonore Stimme 
fragen: „Glauben Sie nun an eine Vorsehung?" — 
War es nicht ihr Kismet, der sie verleitet hatte nach 
Gersau und nicht nach Ostende zu gehen? Dadurch hatte der 
junge Frohben sich in seiner ganzen Charakterlosigkeit gezeigt, 
und sie war ft«. — 
Sonnig lag die Zukunft vor ihr — da trat 
plötzlich eine Wolke vor die sichtbare Sonne und es war 
Helene, als würde auch ihrem Leben die Helle fehlen, wenn 
sie diesen Ort verließ. Vor ihrem Geiste erstand das große 
schöne Haus ihres Vaters in Hamburg, mit den teppichbe 
legten Treppen, mit den reich dekorirten Zimmern; eine
        
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