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Volume 5. Juli 1884, Nr. 41

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Der schöne Altarschrein kam in die Stadtkirche; der metallene 
Tausstein aber wanderte in die heilige Geistkirche zu Fürstenwalde. 
Der letzte Prior sollte noch zehn Jahre in den verödeten Räumen 
sein Leben vertrauern. 1550 raffte ihn die Pest dahin, welche 
wieder ihren gefürchteten Umgang hielt. Schon während des 
Herbstes 154!» war sie aufgetaucht und die Beschreibungen zeit 
genössischer Schriftsteller entrollen düstere Schreckensbilder. 250 Per 
sonen starben elendiglich in kurzer Zeit. Als die Seuche erloschen 
schien, hcirathcte man flink. Aber zu Ostern war sie Widder da 
und nochmals ging's an's Sterben. Die jungen Eheleute sanken 
in's Grab, die Schöffenbank ward leer, selbst drei Männer des 
hochweisen Rathes mußten sich dem Zug des Todes anschließen. 
Dann kam Michaelis. Und abermals ging's an's Kuchenbacken, 
Speisen und Ehelichen. Sieben Hochzeiten auf einen Sonntag, 
so fort, den ganzen Winter durch. Man mußte sich beeilen, da 
man dem nächsten Tage nicht mehr traute. Zu all diesen Heim 
suchungen kam noch eine gewaltige Theurung, so daß man das ; 
unreife Korn schließlich im Backofen dörrte, um es zu verspeisen. j 
Von diesem Zeitpunkte an erlöschen auch die Ausgaben für 
die letzten Dominikaner. Das Kloster war nun wirklich verlaffen. 
1551 ward der Hofmeister und kurfürstliche Rath, Joachim Flaus, 
mit den Gütern des Klosters, seitens des Kurfürsten Johann 
Georg, belehnt. Non da ab wechseln die Besitzer in rascher Reihen 
folge. Allniählich begann man auch die Gebäude abzubrechen, 
je nachdem Bedarf in Bausteinen sich geltend machte. 1598 finden 
wir hierüber die erste Notiz, worin der Rath 12 Sgr. an Joachim 
Röbel für '/- Pram Kalksteine vom Kloster gezahlt hat. 
Die Pest war nun fort, auch die Theurung hatte endlich nach 
gelassen und wenn auch für das Ausrüsten so manches Fähnleins 
Kriegsleute, welches Straußberg in den Wirren der Zeit zu stellen 
hatte, mehr als nöthig verausgabt wurde, so sah man doch jetzt 
besseren Zeiten wieder entgegen. Kein Feind klopfte mehr an die 
Thore, aber dafür tobte nun im Innern der Städte um so er 
bitterter der Streit. Die Reformation hat damals seltsame Früchte 
gezeitigt. Die Geistlichen schlugen sich miteinander in den zotigsten 
Schmähschriften und wetterten in ebenso wenig galanter Weise von 
den Kanzeln nieder. Da kamen die Pastoren der Neumark eines 
Tages zusammen, um über den Amtsbruder Heinrich Hamm ernst 
haft zu Gericht zu sitzen, welcher in Wort und Schrift leichtsinnig 
verkündet hatte, die Jungfrau Maria habe Jesus Christus nicht 
ohne, sondern mit Schmerzen zur Welt gebracht. Während sich 
dir Herren im Ornate begeiferten, spielten die Schulmeister als 
Hanswürste für Geld vor dem Volke, dem natürlich nur das Lachen 
übrig blieb. Aergerniß und Anstoß überall. Aufklärerei und Aber 
glauben hüben und drüben. Roch 1581 ward in Straußberg die 
Jungfrau Diane Golsie öffentlich verbrannt, weil sie Kühe verhext 
und auch sonst allerlei Teufelsspuk mit dem Vieh begangen hatte. 
Den Geistlichen siel es nicht ein, dagegen Front zu machen. Wo 
sollten sic auch noch den Athem herbekommen, in einer Zeit, in 
der man sich ohnehin schon gegenseitig heiser schrie? Lutheraner 
und Reformirte standen fortwährend aus der Mensur. 
Dabei guckte der Katholicismus noch überall aus den schlichten 
Predigertalaren. Das Abendmahl gaben Viele noch in katholischer 
Gestalt und noch 1553 findet man eine Ausgabe in den Kämmerei- j 
büchcrn, über das Emporziehen des Herrn Jesus am Himmel 
sahrstage, hinauf zur Decke der Stadtkirchc, wo er dann in einer 
Oeffnung geheimnißvoll zwischen den Wolken verschwand. So ging 
es das Jahrhundert bis zu Ende fort. 
Magister Andreas Engel, Pfarrer zu Straußberg, ein erklärter 
Feind aller Resormirten, ließ Spottschrift auf Spottschrift vom 
Stapel lausen. 1598 gab er in Frankfurt seinen „Calvinischen 
Bettlersmantel" heraus, eine von Unflath und derber Rohheit 
strotzende Herausforderung an seine Feinde. Unter dem Titelbilde, 
welches einen zerlumpten Bettler darstellte, dem der Teufel j 
noch mehr Lappen an einem Haken reicht, standen die lyrischen 
Worte: 
„Hier sitzt ein Bettler auf dem Stock, 
Und hat gar ein'» geflickten Rock. 
Der Bettler ist ein Calvinist: 
Der Rock sein Lehr und Jrtum ist: 
Die Flecken aber sind die Lehr, 
So von Heid'n und Kezzern komt her. 
Denn, ohn' was er lehrt mit uns gemein. 
Nimmt er aus'm Lumpenhaufen unrein 
Der gottlosen Heiden und Kezzer heraus. 
Und macht ihm kein Gewiffen draus. 
Drum folg ihm nicht, rath ich von Herzen, 
Daß du nicht kommst in ew'ge Schmerzen." 
Ein anderes Bild zeigt den Teufel mU fliegenden Haaren und 
Schlangen, welch letzteren den Doktor Luther jammervoll zerstechen. 
Darunter stehen die ftommen Worte: 
„Obgleich alle Calvinische Kazzen 
Vorn lecken und hinten kratzen; 
So bringen sie doch an Tag nicht mehr. 
Denn ihr falsch Herz und schnöde Lehr." 
1598 kehrte die Pest zurück. 825 Menschen gingen in Strauß 
berg dabei zu Grunde, auch der Dichter des „Bettlersmantel", 
sowie sein Kaplan Christof Wolf. Cantor und Schulmeister hielten 
nun abwechselnd feierlichen Gottesdienst. 1611—13 ward Strauß 
berg nochmals durch diese Seuche stark entvölkert. Dann dröhnte 
der rauhe Klang der Lärmtrommel durch die Lande. Der dreißig 
jährige Krieg begann seine Schrecken zu entfalten. Zwischen jenem 
Tage, wo am 5. Mai 1526 das erste ftemde Kriegsvolk des Mans- 
felder Aufgebotes, „4 Fahnen an die Tausend wol gerüstete und 
staffirte Mann" durch die Thore einrückten, bis zu dem Tage, wo 
die letzte feindliche Horde die entvölkerte, niedergebrannte Stadt 
für immer verließ, liegt eine wehevolle, an entsetzlichen Gräueln 
reiche Spanne Zeit dazwischen. Bis an die Knöchel watet hier die 
Geschichte durch Blut und Leichenhaufen. 
Auf dem Titelblatte einer Kämmereirechnung vom Jahre 1626 
hatte ein Kämmerer wie in dumpfer Vorahnung naher, banger 
Tage geschrieben: 
„Ein weiser Mann ich leben will. 
Nicht sprech, es ist ein ungewiß Ziel, 
Ein Jeder bestell sein Rechnung diesen Tag, 
Wer weiß, wer morgen leben mag." — 
Prophetisch hatte er es verkündet und bald sollten seine Worte 
die Losung für die kommende furchtbare Zeit werden. 
In Waffen stand Deutschland. Ueberall zeigten bereits rauchende 
Trümmerhaufen, welchen Weg der unbeugsame Wallenstein genom 
men hatte. Kriegskontributionen, Einquartierungen und Ausrüstungen 
eigener Mannschaften wechselten jetzt in rascher Folge. Wochen 
lange Durchmärsche sogen die Stadt bis auf's Mark aus. Aber 
es geschah doch wenigstens ohne ernstliche Konflikte und Blutver 
gießen. Das dreißigjährige Drama baute in geschickten Steigerun 
gen seine furchtbaren Scenen auf. Am 13. Juni 1628 verkündeten 
plötzlich schmetternde Trompeten das große Ereigniß der Stadt 
am Strauß. Hoch zu Roß, kalt und unbeweglich, von einem 
glänzenden Gefolge von Fürsten und edlen Herren, Offizieren und 
Kriegsleuten begleitet, wohl an 600 Personen, ritt Wallenstein in 
Straußberg ein. Zwei Nächte blieb er daselbst. Den letzten Tag 
vor seinem Weitermarsche unternahm er noch in Begleitung des 
Fürsten von Anhalt einen Ausflug in die Umgebung der Stadt, 
wobei er auch der Kapellenruine auf dem Marienberge einen Be 
such abstattete. Dann zog er nach Pommern weiter. Aber die 
Durchmärsche dauerten das ganze Jahr hindurch fort und bald 
begannen auch die ersten Plünderungen der verthierten Wallonen. 
Kontributionen auf Kontributionen folgten. Da landete am 
24. Juni 1630 Gustav Adolf auf Rügen. Das protestantische
	        
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