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Volume 5. Juli 1884, Nr. 41

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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kommen war, wie sie lächelnd beobachtet, daß sein Kommen 
dem ihren so gleich war- — 
Weiter zogen ihre Gedanken nach dem Rigi, wie sie dort 
so verzweifelt gesessen, wie er sie gefunden; war es nicht, als 
sei dieser Mann eigens vom Schicksal ersehen, hinter ihr her 
zuziehen und sie zu beschützen? 
Da gleitete ein Boot auf der stillen Wasserfläche; sie 
mußte ihm folgen, so weit sie es sehen konnte; eine Schifferin 
saß darin, würde sie auch bergab treiben, bis ihr Arm zu 
schwach war zum Wenden oder kannte sie besser die Fluth? j 
Mit einem Schlage stand die Mondnacht vor ihrer Seele, wie 
sie im schwanken Boote gesessen, den Kopf an seinem Herzen, 
umschlungen von 
„Nein, ich will dies Bild nicht immer sehen!" schrie 
Helene heftig und verließ ihren Platz, um mit verdoppelter 
Eile ihren Weg fortzusetzen. — 
Sie wollte durch körperliche Anstrengung das Blut zu 
schnellerem Kreisen anfeuern, daß es nicht immer zurückblieb 
und dem gcängstigten Herzen immer dieselben Bilder malte, 
die es doch so heiß beschämten. — 
Helene stieg im rastlosen Denken immer rastloser weiter, 
ohne es selbst zu bemerken, wie ihre Schritte immer schneller 
tvurdcn, bis sie hoch aufathmcnd plötzlich oben stand und 
nun rasten mußte, weil ihre Lungen nicht schneller arbeiten 
konnten. Sie lehnte sich erschöpft an den harzduftenden 
Stamm einer Fichte und schloß eine Minute lang die Augen. 
Da hörte sie es rascheln neben sich im Grase und wieder 
aufschauend, blickte sie in Friedrichs Augen, die fest auf sie 
gerichtet waren. — 
Dem Gedanken an ihn hatte sie entlaufen wollen, nun 
stand er selbst vor ihr. Heiße Röthe stieg ihr in die Wangen 
aber sie faßte sich schnell und in einem Tone, der neckisch 
und abweisend klingen sollte, rief sie ihm, ohne seinen ehr 
erbietigen Gruß erwidert zu haben, entgegen: „Heute kommen 
Sie umsonst, Heir v. Friedrich, ich habe mich nicht verirrt, 
dort nach jenem Hause wollte ich," sie deutete dabei mit der 
linken Hand nach der Hütte, die noch circa 10 Minuten weit 
von ihnen entfernt lag, während ihr rechter Arm noch immer 
den Fichtcnstamm umklammert hielt, „ich habe richtig herauf 
gefunden und komme auch eben so sicher wieder hinunter!" 
Es war dem jungen Manne nicht zu verdenken, daß er 
lächeln mußte bei ihrer Anrede, ihre Stimme klang beinahe 
ängstlich und ihr Auge blickte so scheu, daß es schien, als 
habe sie ein wildes Thier oder einen Geist erblickt und nicht 
einen Mann, der sie schon zwei Mal aus wirklicher Gefahr 
errettet. Denn damals auf dem Rigi war es sein Verdienst, 
daß sie sich nicht aus den Tod erkältet hatte und auf dem 
See hatte er sie der unmittelbaren Lebensgefahr entriffen. 
„Da ist es mir ja doppelt lieb, daß ich Sie treffe, 
Fräulein Helene," entgegnete ruhig Herr v- Friedrich, „denn 
wenn ich das Glück hatte. Sie aus einer Gefahr zu befreien, 
entzogen Sie mir nachher mit möglichster Unliebenswürdigkeit 
stets das Vergnügen, in Ihrer Nähe bleiben zu dürfen!" 
„Sie sind ja merkwürdig offen und — und höflich, Herr 
v. Friedrich!" sagte Helene, erstaunt über seine Kühnheit, ihr 
von „unliebenswürdig" zu sprechen und umfaßte noch fester 
den schützenden Baum. — 
„Ja, Fräulein Helene," fuhr Friedrich unbeirrt fort, 
„wundern Sie sich nur über meine Offenheit, Sie scheinen 
nicht gewöhnt zu sein, die Wahrheit zu hören; Ihr kleiner 
Trotzkopf allein hat Ihnen auch bisher Ihr Thun und Lassen 
vorgeschrieben. Sie haben auf keinen Menschen Rücksicht ge 
nommen, ja Sie haben nicht einmal auf Ihr eigenes Herz 
gehört!" — 
Helenens Augen wurden immer größer, sprachlos vor 
Staunen blickte sie zu Friedrich hinüber. 
„Glauben Sie nur, Fräulein Helene," fuhr dieser fort 
und senkte seinen Blick tief in die blauen Mädchenaugen, 
„Ihr Herz zog Sie stets auf den rechten Weg, aber der 
Trotzkopf arbeitete zu heftig dagegen!" 
Endlich fand das junge Mädchen die Sprache wieder, 
stolz warf sie den blonden, graziösen Kopf zurück: „Herr 
v. Friedrich, halten Sie mich denn für einen unerzogenen 
Backfisch, den Jeder berechtigt ist, abzukanzeln!" Die feine 
Lippe bebte vor Entrüstung, aber das Auge hielt den innigen 
Strahl nicht aus, der ihr entgegcnleuchtete- 
„Sie thun wieder so viel Fragen auf einmal, Fräulein 
Helene," sagte Friedrich scheinbar ganz ernst, „daß ich mit 
der Beantwortung derselben — und nicht wahr, eine Antwort 
wünschen Sie doch," fügte er schelmisch hinzu, „wieder Ihre 
Geduld auf eine harte Probe stellen muß. Erstens halte ich 
Sie nicht für einen „unerzogenen Backfisch," sondern für ein 
tief beanlagtes, aber grenzenlos verwöhntes junges Mädchen, 
sei es nun, daß allzu große Elternliebe Ihnen stets den 
eigenen Willen ließ, sei es, daß Ihr Trotzköpfchen — ja, ich 
kann Ihnen nun einmal nicht helfen, Fräulein Helene, Sie 
haben eines," unterbrach er sich selbst, als er bemerkte, wie 
das junge Mädchen vor ihm unmuthig mit dem zierlichen 
Stiefelchen an den Baum schlug, „sei es also, meine ich, daß 
Ihr Trotzköpfchen gar zu hartnäckig jede Einwirkung von 
außen her zurückwies!" 
Bis hieher hatte Friedrich halb scherzend gesprochen, jetzt 
zog ein tiefer Ernst über das schöne männliche Antlitz, als er 
fortfuhr: „Sie sprechen von „Jeder" und scheinen mich damit 
zu jener Kategorie zu zählen; ich dünke mir aber. Ihnen 
etwas näher zu stehen, als die Menschen, die man mit dem 
Sammelbegriffe „Jeder" bezeichnet." 
Helene rührte sich nicht, und Friedrich fuhr fort: 
„War es nicht die Vorsehung selbst, die mich immer 
wieder zu Ihnen führte, wenn Sie meiner bedurften?" 
Helenens Widerspruchsgeist regte sich lebhaft: „Meinen 
Sie, daß die Vorsehung sich auch um Trotzköpfe bekümmert?" 
ftagte sie, aber der schnippische Ton mißlang, den sie an 
schlagen wollte. 
„Wenn Ihnen der christliche Name „Vorsehung" zu hoch 
dünkt, so nennen Sie es mit den Türken „Kismet"; ent 
gegnete Friedrich unbeirrt. „Der Begriff ist derselbe und es 
ist auch dieselbe göttliche Hand, die hier als „Vorsehung", 
dort als „Kismet" die Geschicke der Menschen leitet. Meinen 
Sie nun nicht, daß ich ein ganz kleines Anrecht aus Sie habe, 
Helene, wenn Ihr „Kismet" schon immer aufs neue mich zu 
Ihnen führt? nicht ein Anrecht auf Dankbarkeit für das, was 
ich für Sie that, denn dasselbe hätte ich für eine ganz Fremde 
auch gethan und der echte Mann verlangt keinen Dank für 
das, was er thut, weil er nun einmal der Stärkere ist!" 
„Aber ein Anrecht auf Ihre Theilnahme konnte ich for 
dern, für das, was ich fühlte und litt, indem ich Ihnen 
zur Hülfe kam!" —
	        
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