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Volume 20. October 1883, Nr. 4

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Prinz fragte mich, ob Sie mir nicht mitgetheilt, daß er Sie 
zum General von I. geschickt. 
Ich wußte nicht, ob ich darüber sprechen dürfe. Ange 
nehmes ist mir durch den Auftrag nicht erwachsen- Ich habe 
bis jetzt nur den General gesprochen. 
Also hat der Prinz doch Recht, rief Wiesel, die alte Wehlen 
ist eine eingebildete Närrin. Man ist Ihnen hochmüthig 
begegnet? , 
Ich beklage mich über Unannehmlichkeiten nicht, welchen 
mich auszusetzen der Prinz für gut befindet. 
Der Prinz meint es gut mit Ihnen, versetzte Wiesel, dem 
die Bitterkeit im Tone Georgs nicht entgangen und obwohl 
ihm jetzt andere Dinge im Kopfe umgehen, hat er Ihrer doch 
nicht vergesien. Er sagte mir, daß er Sie absichtlich in das 
Haus des General v. I. geschickt und neugierig sei, wie inan 
Sie dort aufnehmen werde, ich sollte horchen, wie Sie sich 
darüber äußerten. Er verfolgte also jedenfalls mit dem 
Aufträge an Sie einen bestimmten Zweck, für den er sich 
interesfirt, aber sicherlich hat er dabei eher etwas Grites für 
Sie im Auge, als daß er Sie Kränkungen aussetzen will. 
Er hält vom General v. I. sehr wenig und cs scheint mir, 
als ob er sein Urtheil über Frau v. Wehlen danach bilden 
will, wie dieselbe Jemand aufgenominen, den er empfohlen 
hat. Ich dachte cs mir gleich, daß es Ihnen in einein Hause 
nicht behaglich sein werde, wo man Jeden auf die Ahnen- 
tvaagc legt, aber der Prinz meinte, Sie müßten ins Feuer. 
Der General forschte nach meinen Berhältnisien. Ich 
glaube, er sucht für die Protection, die mir der Prinz schenkt, 
gehcimnißvvlle Ursachen und der Umstand, daß ich wenig von 
meinen Eltern weiß, veranlaßte ihn zu Vermuthungen, die mir 
sehr peinlich wurden. Er erwähnte auch, daß Frau v. Wehlen, 
der ich aus meiner Reise hierher flüchtig begegnete, mein 
Aeußeres aufgefallen sei, aber ich muß gestehen, ich würde 
lieber auf die Ehre verzichten, in die Salons der Baronin 
eingelassen zu werden, als diese Gunst dem Umstande verdanken, 
daß sie in den Glauben versetzt wird, es könne sich heraus 
stellen, daß vornehmes Blut in meinen Adern. 
Wiesel schien durch die Mittheilung, daß das Acußere 
Georgs der Frau v. Wehlen aufgefallen, lebhaft beschäftigt, 
er wechselte Blicke des Einverständniffes mit seiner Frau. Ich 
erinnere mich, sagte er nach einer Pause, in der er seinen 
Gedanken nachgehangen, daß dem verstorbenen Baron Wehlen 
vor langen Jahren ein unangenehmer Prozeß durch einen 
Vicomte Alibcrt drohte. Der Mann wurde für wahnsinnig 
erklärt und soll gestorben sein, jetzt ist ein Vicomte Alibert in 
Berlin, er suchte vor einiger Zeit die Erlaubniß nach, in die 
Archive des Schlosies Eintritt zu erhalten, das wurde ihm 
aber, wie jedem Anderen, verweigert. 
Es war Georg unverständlich, welche Beziehung diese 
Notiz zu dem in Rede stehenden Thema haben könne, da sah 
er, wie Wiesel seine Frau anschaute, als frage er sie, ob er 
mehr verrathen dürfe. Pauline Wiesel bemerkte es, daß Georg 
den Blick beobachtet, sie winkte ihrem Gatten zu. Mein Mann, 
nahm sie, sich zu Georg wendend, das Wort, hat zu viel 
gesagt, um die Hauptsache verschweigen zu dürfen. Es ist 
besser, wir vertrauen Ihrer Verschwiegenheit, als daß wir Ihre 
Neugierde, die einmal angeregt ist, unbefriedigt lassen, und 
dadurch zu falschen Combinationen verleiten. Der Prinz weiß 
eS oder muthmaßt, daß Sie von einer adligen französischen 
! Familie abstammen, tvelche durch den verstorbenen Herrn 
v. Wehlen um ihr Vermögen gebracht ist oder das nun be 
hauptet. Er hat Ursache, eine gütliche Einigung zu wünschen, 
sei es aus Interesse für Ihre Person, sei cs, weil der ver 
storbene Wehlen die Geldgeschäfte Friedrich Wilhelm II. be 
sorgte, als derselbe noch Kronprinz und häufig in Geldver 
legenheit war, da Friedrich II. ihn sehr kurz hielt- Wehlen 
hat wohl seine eigenen Angelegenheiten nicht genau von denen 
des Kronprinzen getrennt, meine Freundin, die Gräfin Lichtenau, 
deutete mir einmal dergleichen an. 
Pauline betonte das Wort Freundin. Georg wußte es 
nicht, daß sie die Tochter eines der leidenschaftlichsten Verehrer 
der Gräfin Lichtenau, des Geheimraths Cäsar war und wie 
ihn auch die Eröffnung Paulinens erregte, fiel es ihm doch 
auf, daß sie so offen und ungenirt von ihrer Freundschaft zu 
einer Frau sprach, welche alle Welt verurtheilte. 
Pauline bemerkte, was in ihm vorging. Sie wundern 
sich, sagte sie lächelnd, daß ich eine Frau meine Freundin 
nenne, welche der jetzt regierende König vor Gericht gestellt? 
Ich glaube, der Prinz hat Sic nur deshalb mir empfohlen, 
j weil er weiß, daß Sie, wenn Sie einmal Ansprüche an die 
Wehlens geltend zu machen haben, der Hülfe der Gräfin 
Lichtenau bedürfen und er denkt milder über diese Frau als 
: der König. 
Georg antwortete nicht, es wäre ihm unmöglich gewesen, 
dem Gefühle Ausdruck zu geben, welches ihn bei diesen Worten 
beschlich. Znm ersten Male traf seine Verehrung für den 
Prinzen ein kühler Hauch, er konnte dem Prinzen nicht dankbar 
dafür sein, daß derselbe ihn in Intriguen verflocht, die seinem 
innersten Gefühl tvidersprachen. Er konnte cs sich jetzt erklären, 
weshalb Frau v. Wehlen sich sträubte, ihn zu empfangen und 
I lieber hätte er ohne Weiteres auf alle ihm möglicherweise ge 
bührenden Aiffprttche verzichtet, als sich dem Argwohn aus 
gesetzt, daß er, um sich zu bereichern, mit Hülfe einer gebrand- 
markten Frau die Ehre des Vaters von Gertrud v. Wehlen 
noch im Grabe antasten könne! Es war anzunehmen, daß 
der Prinz, von der Gerechtigkeit seiner Ansprüche überzeugt, 
einen Plan geschaffen, einen Vergleich anzubahnen, ehe Georg 
durch Kenntnißnahme von den für ihn dcponirtcn Papieren in 
der Lage war, nach seinem Gefallen aufzutreten, oder traute 
der Prinz es seinem Character nicht zu, daß er auch dann 
schon aus Dankbarkeit den Wünschen seines Gönners folgen 
werde? Es war ein niederdrückendes Gefühl für ihn, daß 
der Prinz, dem er Alles verdankte, für den er mit Freuden 
sein Leben gelaffen, ihm nicht das Vertrauen geschenkt, er 
werde der Aussicht auf Reichthümer mit Freuden entsagen 
können, wenn er dieselben nur durch einen Prozeß erlangen 
könnte, der dem Prinzen unangenehm. 
Was haben Sie? fragte Pauline, ivclche nicht ohne Un 
ruhe die Veränderung beobachtete, die mit ihm vorgegangen. 
Ich habe Ihnen meine Mittheilungen im Vertrauen gemacht. 
Georg schaute ans, wie aus einem Traume erwachend. 
Seine Seele hatte sich schon mit dein Gedanken beschäftigt, 
dem Prinzen zu erklären, daß er Frau v. Wehlen ebensowenig 
sich aufdrängen, wie sie beunruhigen wolle, da erinnerte ihn 
Frau Wiesel daran, daß er ihr Verschwiegenheit schuldig. 
Sie hätten mir nichts sagen sollen, rief er, ich hätte dann 
tvenigstens nicht gewußt, daß der Prinz mich für undankbar 
und erbärmlich hält. Ich trachte nach keinen Reichthümern,
	        
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