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Periodical volume 1. Juli 1884, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Professor, der ein besonderer Freund aller Ursprünglichkeit 
war, herzlich Helenens Hand ergriff und ihre Geistesgegen 
wart und Willenskraft lobte, während die alten Damen, mit 
einem Blick auf die arme, viel geängstigte Tante, sich des 
Gedankens nicht erwehren konnten, daß eine gewisse Rücksichts 
losigkeit dazu gehöre, so allem natürlichen Empfinden Hohn 
zu sprechen. Selbst die Professorin, die stets gläubig und be 
wundernd zu ihrem Gatten aufschaute und es sonst für eine 
Sünde hielt, nicht mit ihm einer Meinung zu sein, strickte 
eifrig weiter und hatte so ihre eigenen Gedanken über Hele- 
nens Benehmen; die jungen Mädchen konnten ein Gefühl der 
Bewunderung ihrer Mitschwester nicht versagen, sie gestanden 
sich ehrlich — ganz im Stillen natürlich — daß keine von 
ihnen es über sich gewonnen hätte, nach eben überstandener, 
so großer Gefahr eine ähnliche Ruhe und Kaltblütigkeit zur 
um nicht schon darum zu vollster Vergebung geneigt zu 
sein. — 
Mit nervöser Hast, aber mit glühenden Farben hatte 
Helene ihr heutiges Abenteuer geschildert, von dem Moment 
an, wo der herrliche Abend, die Sehnsucht nach stillem Ge 
nießen der Sabbathruhe in der Natur, sie hinausgelockt auf 
das Wasser, bis zu dem Moment, wo sie sich bewußt gewor 
den, daß sie rath- und hülflos der Tücke der Fluthen ver 
fallen sei. „Was weiter geschah," sagte sie, „das weiß ich 
nicht genau zu schildern, meine Kräfte waren erschöpft in dem 
Moment, wo die Gefahr vorüber, wo die Aufregung, die mich 
so lange aufrecht erhielt, vorbei. Was ich gethan von dem 
Augenblicke an, als Schiffer mein treibendes Boot fanden und 
heimführten, weiß ich nicht, ich war besinnungslos, ich könnte 
keine Rechenschaft darüber ablegen!" 
Der Marmormörser. Am Bratspieße. 
SUder aus der Kaiserlichen HofkLchr in Lrrtin. 
Schau zu tragen; die beiden Jungens aber sahen mit glänzen 
den Augen wie zu einer Heldin an Helenen hinauf. Und doch 
täuschten sich alle über das Empfinden und über den augen 
blicklichen Seelenzustand des jungen Mädchens; weder Geistes 
gegenwart noch Rücksichtslosigkeit in dem Sinne des alten 
Herrn und der Damen besaß sie; weder Kaltblütigkeit noch 
Heldenmulh beseelten sie augenblicklich, sie mußte alle geistigen 
und physischen Kräfte zusammennehmen, um das zu scheinen, 
was sie so gern wollte und was theils lobend beurtheilt, 
theils tadelnd verurtheilt wurde, — vollkommen gleich 
gültig! — 
Helenens Augen blitzten in fieberhaftem Glanz, ihre 
Wange färbte ein intensives Roth und hob ihren weißen 
Teint und die wundervolle Haarfarbe ganz besonders Vortheil 
hast hervor. — 
Roch nie hatte Helene so schön ausgesehen und die 
Räthin hätte nicht so eitel sein dürfen, wie sie es war. 
Die letzten Worte hatte die Erzählerin möglichst laut und 
ruhig gesprochen, denn Friedrich war, wie er glaubte, unbe 
merkt eingetreten und ihr war es eine süße Genugthuung, ihn: 
indirekt, aber recht nachdrücklich mitzutheilen, daß sie auch von 
ihm nichts mehr wisse. — 
Er ahnte ja nicht, daß sie mit vollem Bewußtsein, wenn 
auch kraftlos, an seiner Brust geruht, wie sie das Klopfen 
seines Herzens gehört, den angstvollen Blick seines Auges 
bemerkt; und um keinen Preis der Welt durfte er es ahnen- 
Der Professor hatte, außer Helene, Friedrich zuerst be 
merkt: „nun, da können Sie uns ja die Fortsetzung liefern, 
mein junger Freund," rief er ihm freundlich entgegen; aber 
Herr v. Friedrich erwiderte unbewegt, ganz entgegen seiner 
Aufregung von vorhin: „damit ist die Geschichte bereits be 
endet, die Schiffer retteten das Boot und daß die Insassin 
desselben unversehrt geblieben, beweist sie ja in höchst eigener 
Person!" Seine Stimme sollte gleichgültig klingen; aber
        
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