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Periodical volume 1. Juli 1884, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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in der Dunkelheit, und wie plötzlich das Ungeheuer über ihr 
Boot hinweg keuchte, sie tief in die Fluthen stoßend! Und 
noch einmal rief sie laut um Hülfe. — 
Da, was war das? tönte da nicht eine menschliche 
Stimme zu ihr herüber, oder hatte ihr erregtes Hirn ihr eine 
Täuschung bereitet? Nein, der Ruf kam näher, Helene 
antwortete und bald hörte sie kräftige Ruderschläge. End 
lich unterschied sie im hellen Mondlicht einen Nachen, der 
gerade auf sie los steuerte; mit Rieseitkrast, die ihr halb 
Todesangst, halb Hoffnung auf Rettung verliehen, bemühte 
sie sich, den Lauf ihres Kahnes wenigstens auszuhalten. 
Da klang es laut und deutlich „Helene" in ihr Ohr 
und wenige Minuten später wurde ihr Fahrzeug mit fester 
Hand gefaßt, sie war gerettet! — 
Aber nun waren auch ihre Kräfte erschöpft, lautlos 
schloß sie die Augen und war unfähig, sich zu rühren. Wie 
von fern hörte sie Stimmengcmurmel, dann fühlte sie sich 
festgehalten, in warme Tücher gehüllt und schluckte wider 
standslos den Wein, den man zwischen ihre Lippen goß. — 
Nach geraumer Zeit hatte sie sich soweit erholt, daß sic 
die Augen aufschlagen konnte; ihr gegenüber saßen zwei 
Schiffer, die mit nervigtem Arm sicher und schnell das Fahr 
zeug vorwärts stießen an das ihr Boot gekoppelt war, sie 
selbst ruhte in einem starken Arme und als sie aufblickte, 
schaute sie in Friedrichs Züge, die bei dem blassen Mondlicht 
selbst blaß und abgespannt auf sie herabblickten. — 
„Wie haben Sie mich geängstigt, Helene?" sagte er vor 
wurfsvoll und zärtlich zugleich und zog das warme Tuch 
fester uin ihre Schultern. Helene schloß die Augen wieder, 
sie war zu erschöpft, um sich zu verantworten, obgleich ihr 
beschämend eine heiße Blutwelle zum Herzen schoß, daß es 
wieder Friedrich war, der sie gerettet. — 
Wie im Traume schlug der gleichmäßige Rudertakt an 
ihr Ohr und träumend ließ sie sich, in sicherer Hut geborgen, 
heim geleiten, erst gleitend auf den leise murmelnden Wellen, 
dann durch den dunklen Garten, hinauf in ihr Stübchen. — 
Sie fühlte, wie die Arme, die sie im Boot so sicher ge 
stützt, sie aufhoben und hinauf trugen, wie sie niedergelegt 
wurde auf ein weiches Lager; aber sie konnte sich noch nicht 
in die Wirklichkeit zurückfinden. — 
Im gemeinsamen Speisesaal der Pension Müller herrschte 
große Aufregung, an der Abendtafel hatte Helene gefehlt; die 
Räthin kam etwas spät hinunter, der Kopfschmerz hatte zum 
Abend nachgelaffen und sie hatte sich entschloffen, um der 
Nichte willen am allgemeinen Souper theilzunehmen, um so 
mehr, da sie ihre Schutzbefohlene schon unten wähnte. 
Wer beschreibt aber ihren Schreck, als sie Helene nicht 
bei Tische fand und auch ein Rufen und Suchen in dem 
bereits dunklen Garten ohne Resultat blieb. 
Sofort setzten sich mehrere Leute des Hotels in Bewe 
gung, selbst voll den Gästeir hntrben kürzere Rekognoscirungcn 
unternommen. Alles umsonst, denn Niemand hatte eine Ahnung, 
welche Richtung Helene eingeschlagen haben konnte. 
Endlich kam ein Kellner mit der Botschaft zurück, daß ein 
Fischer das Fräulein glaube am Wasser geseheir zu haben, und 
daß ein Kahn am Landlingsplatze fehle. Mitten in die allge- > 
meine Bestürzung trat Herr von Friedrich, der Regen hatte ihn 
von den Bergen vorzeitig herabgetrieben, und mit einem Schlage j 
kam ein gewisses System in das Suchen nach der Verlorenen. 
Friedrich selbst bestieg mit zwei kräftigen Schiffern ein 
Boot; stromab konnte Helene nur gerudert sein, strom 
all f wäre sie nicht weit gekommen und wäre längst zurück; 
lvenn sie überhaupt auf dem See war — er beorderte daher 
noch einzelne besonders umsichtige Leute, die sich ihm in 
Menge zur Verfügung stellten, da er eine bedeutende Beloh 
nung für denjenigen aussetzte, der das junge Mädchen unver 
sehrt nach Hause brächte — mit Laternen nach den besonders 
j zu einem Spaziergange verlockendeil Punkten. — 
Seit einer halben Stunde war Friedrich zurück, er selbst 
hatte Helene gefunden, man hatte sie ins Halls tragen sehen, 
aber wie und wo sie getroffen, wußte Niemand; die beiden 
Schiffer hatte der junge Mann schon am Ufer reich beschenkt 
entlassen und war allein mit der Wiedergefundenen gekommen; 
man hatte also nirgends etwas Näheres erfahren können. 
Die Aufregung hatte nachgerade beit Höhepunkt erreicht; 
die Mütter und älteren Damen, die bis jetzt so lebhaft philo- 
sophirt über vernachlässigte Erziehung u. s. w. saßen stunim 
und nachdenklich bei eiilander; die jungen Mädchen, die über 
das unpassende, emanzipirte Benehmen der jungen Dame nicht 
hinweg gekonnt, waren still geworden, die Besprochene war 
gefuilden; aber vielleicht todt! — Selbst die beiden Gym 
nasiasten, die es begeistert „romantisch" genannt hatten, daß 
Helene so waghalsig und kühn sei, waren verstllmmt und 
wagten kaum noch aufzublicken. — 
Da weckte sie Alle die sonore Stimme des Professors. — 
„Reden Sie, mein junger Freund!" sagte er feierlich, 
auf den eintretenden Herrn v. Friedrich zuschreitend, „reden 
Sie, wir sind aufs höchste erregt und gespannt!" — 
Friedrich sah bleich aus und es schien, als zwänge er 
sich gewaltsam zur Ruhe: „ich habe sie gefunden, wie? wird 
uns in kurzer Zeit der Arzt sagen können, der bei ihr ist!" 
Wie erschüttert war der junge Mann! Der Professor 
drückte ihm stumm die Hand, die Damen drängten sich um 
ihn; — „ist sie ertrunken?" „fuhr sie allein in dem kleinen 
Boot Hinalls?" „sie konnte wohl nicht wieder ans Land 
kommen?" fragte man durcheinander und Friedrich war froh, 
daß ihn der Badearzt, der eben ins Zimmer trat, aller Ant- 
wort überhob. — 
„Es geht gut da oben!" beruhigte gleich ohne direkte 
Anfrage der leutselige alte Herr, der die Neugier und Theil 
nahme aus Aller Blicken las; „etwas Niechsalz und einige 
belebende Tropfen haben schnell den jugendlich elastischen Geist 
wieder belebt, ja, die junge Dame besteht darauf, selbst in 
Ihrem Kreise noch heute Abend zu erscheinen und Bericht zu 
erstatten und da, Gott Lob, kein Grund vorliegt, ihr dieses 
harmlose Gesuch abzuschlagen, habe ich eingewilligt, sie in 
einer halben Stuilde hier an der Tafel zu empfangen, wo 
das gnädige Fräulein ein Abendbrot zu verzehren wünscht!" 
„Bravo", sagte der Professor, „das nenne ich mir 
Jugendwuth!" und „famos, famos, romantisch!" riefen die 
Gymnasiasten. 
Friedrich wollte sich umziehen gehen, er trug noch die 
Reisekleider und es wurde beschloffen, init einem gemeinschaft 
lichen Punsch den Tag zu beschließen. — 
Lange dauerte es nicht, da erschien Helene mit der Tante, 
letzterer sah man es an, daß sie angstvolle Stunden durchlebt; 
das junge Mädchen dagegen war blühend und frisch, wie 
immer, ja, sie war so heiter und unbefangen, daß der alte
        
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