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Volume 21. Juni 1884, Nr. 39

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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niederste Organismen im Blute selbst vorfinden, wurden kleine, 
vorsichtig und bei Vermeidung jeder irgendwie möglichen Verun 
reinigung entnommene Blutproben ausbewahrt. Es wurde für 
Sauerstoffzufuhr, Feuchtigkeit und Wärme gesorgt und namentlich 
dem Eindringen von Luftkeimen vorgebeugt. So gelang es, in 
paffenden, der chemischen Zusammensetzung des Blutes ähnlichen 
Flüssigkeiten auf erstarrter Gelatine und aufgekochten Kartoffeln 
die Milzbrandstäbchen zu langen Fäden auswachsen zu sehen. In 
diesen Fäden treten dann kleine Punkte in rasch sich vermehrender 
Anzahl und wachsender Größe auf. Die Fäden zerfallen all 
mählich, und nur die rundlichen Gebilde bleiben zurück. Sie aber 
stellen die Keime, gleichsam die Samenkörner des Milzbrandgiftes, 
dar. Sie gleichen an Form und Eigenschaften den Sporen der 
bekannten Sproßpilze (z. B. der Schimmelarten) und besitzen eine 
ungleich größere Dauerhaftigkeit und Widerstandsfähigkeit als die 
stäbchenartigen Gebilde, aus denen sie hervorgegangen sind. Diese 
Dauerhaftigkeit der Sporen ist von maßgebender Bedeutung. Die 
Milzbrandsporen können in abgelegenen Winkeln der Natur jahre 
lang aufgespeichert liegen und fangen erst bei dem Wiedereintritt 
günstiger Wachsthumsbedingungen von neuem an, ihre lebens 
schädliche Entwickelung zu entfalten. Aus den Sporen werden 
wieder Stäbchen wie die, aus denen sie hervorgangen sind, und 
damit ist der Kreislauf der Erscheinnngen geschloffen. 
Das klingt sehr einfach, und doch lag eine unsagbare Mühe 
und Sorgfalt, eine ganz ungewöhnliche Beherrschung der experi 
mentellen Methode zu Grunde, um diese anscheinend so klaren 
Verhältnisse aus einem Wirrsal von widersprechenden Thatsachen 
und Deutungen herauszuschälen. Der wiffenschaftliche Fortschritt 
lag vorwiegend in der Methode. 
Bald hatten die gründlichen und ideenreichen Arbeiten und 
Entdeckungen des rastlosen Forschers den Kreislauf durch die 
wissenschaftliche Welt gemacht, und überall erkannte man die all 
gemein naturwiffenschaftliche und die eminente pathologische Be 
deutung Koch's. Wußte auch die große Menge, selbst des wissen 
schaftlichen Publikums, die Tragweite der Milzbrand- und Wund- 
infectionsarbeiten nicht in ihrer vollen Tragweite zu schätzen, so 
wurde es doch mit allgemeiner Genugthuung begrüßt, als im 
Sommer 1880 der Director des kaiserlichen Gesundheitsamtes, 
Geheimrath Struck, die Berufung Koch's zum ordentlichen Mit- 
gliede des Amtes veranlaßte. 
In Berlin lebte Koch in stiller Zurückgezogenheit, wie bisher, 
ganz seinen Studien und Untersuchungen, die nun mit den ver 
mehrten Mitteln des großen Reichsinstituts eine ganz unerwartete 
Ausdehnung und Vertiefung annehmen. Nach kaum mehr als 
einem Jahre konnte der Director des Gesundheitsamtes einen um 
fangreichen Folioband herausgeben, der zu größtem Theil mit 
Arbeiten Koch's und seiner Schüler angefüllt war. Da wurde die 
Untersuchung krankmachender Organismen zum ersten mal in um 
fassender Weise von allen denkbaren Gesichtspunkten aus behandelt, 
die Verhältniffe des Milzbrandes des weitern erörtert, experimentell 
studirte Fragen über Wundfieber und die Abschwächung von Krank 
heitskeimen, namentlich aber eine praktisch durchstudirte Desinfections- 
lehre veröffentlicht, die seither maßgebend für alle klinischen und 
legislatorischen Bestimmungen geworden ist. 
Aber das waren nur Vorarbeiten. Der große entscheidende 
Wurf erfolgte alsbald. In der Märzsitzung 1882 der berliner 
Physiologischen Gesellschaft berichtete Robert Koch über eine Reihe 
von Untersuchungen, die er über Natur und Ursachen der Tuberkulose 
angestellt hatte. Die Resultate sind allgemein bekannt. Mit einer 
Arbeitsenergie und einer organisatorischen Feinsinnigkeit ohne 
gleichen hatte Koch den von zahllosen Vor- und Zeitgenossen immer 
wieder vergeblich gesuchten Pilz der Lungenschwindsucht entdeckt. 
Er vermochte mit beispielloser Geduld und Scharfsichtigkeit den 
zarten Bacillus aufzufinden, ihn außerhalb des Thierkörpers in , 
reiner Cultur zu züchten, von einer Generation auf die andere 
zu übertragen und mit den Producten dieser Züchtung auf künst 
lichem Nährboden nach Belieben bei jedem Versuchsthiere wiederum 
Tuberkulose hervorzurufen. Und in den Organen dieser experimentell 
tuberkulös gewordenen Thiere fand sich in unwandelbarer Constanz 
der Tuberkelbacillus immer wieder vor. So ist denn der größte 
Feind des Menschengeschlechts (fast ein Siebentel aller Todesfälle 
fallen auf Schwindsucht) seiner anscheinend undurchdringlichen 
Maske beraubt und der Erkenntniß preisgegeben. Die weitern 
Folgen ergeben sich von selbst. Grundlegend ist die wissenschaft 
liche That an sich. Die Nutzanwendung steht erst in zweiter Linie. 
Die Frage, so natürlich sie dem Laien sein mag, wozu wird das 
nützen?, werden wir der verheerenden Volkskrankheit von nun an 
weniger wehrlos anheimfallen? kann und soll mit der Untersuchung 
der Krankheitsursache nicht identificirt werden. Und niemand ist 
mehr davon entfernt, praktische Verwerthung seiner wiffenschaftlichen 
Forschung ohne weiteres hypothetisch vorauszusetzen als Koch selbst. 
So arbeitet und schafft derjenige Mann, aus den jetzt die 
dankbaren Blicke seines Vaterlandes und der gebildeten Welt ge 
richtet sind. Er und kein anderer war berufen, die deutsche 
Cholera-Expedition nach Aegypten und Indien zu leiten, das 
fühlte ein jeder vom ersten bis zum letzten Moment. Als im 
Frühsommer des vorigen Jahres eine kleine Schaar von Anhängern 
und Gesinnungsgenossen der scheidenden Commission das Geleit 
zum Anhalter Bahnhof gegeben hatte, war in ihnen allen das 
Bewußtsein lebendig, wenn überhaupt nach dem jetzigen Stande 
unserer Hülfsmittel eine Entdeckung des Choleragiftes möglich ist, 
so wird Koch es entdecken. Und das ist geschehen. Im Verein 
mit seinen treuen Mitarbeitern und Reisegefährten, den Stabsärzten 
Gaffky und Fischer und dem Chemiker Treskow, wurde an den 
Ufern des Nils und des Ganges dieselbe Thätigkeit wieder auf 
genommen, die sich zuerst in Wollstein und dann in der Luisen 
straße zu Berlin so überaus erfolgreich erwiesen hatte. Die eigent 
lichen, wissenschaftlichen Berichte sind noch in Arbeit, und außer 
dem haben die kühnen Reisenden in rastloser Energie die Ver 
werthung ihrer zahlreichen Beobachtungen alsbald in Angriff ge 
nommen. Aber so viel steht fest: der Cholerakeim ist gefunden. 
Seine Gestalt, die Kommaform, ist bekannt gestellt und seine Her 
kunft aus stehendm Gewässern erwiesen worden. Eine lange 
Reihenfolge von Vorstellungen und Hoffnungen hat sich an diese 
mit der Exaktheit eines Präcisionsinstruments erfüllte Lösung eines 
der schwierigsten biologischen Probleme geknüpft. Da ist jedwedes 
vorzeitige Verallgemeinern vom Uebel. Wir begnügen uns für 
heute damit, zu wissen, daß der Bacillus der Cholera gefunden, 
und wer der Mann ist, der ihn entdeckt hat, der ihn nach Voraus 
setzung aller Eingeweihten entdecken mußte. 
Die weiteren Schritte, die Bekämpfung und Besiegung der 
Bacillen, werden nicht ausbleiben und dann wird vr. Koch als 
einer der größten Wohlthäter der Menschheit für alle Zeit gelten. — 
Die Eroberung des Raubschlosses Drebkau im 
Jahre 1408. 
Es ist ein wenig erfteuliches Bild, das sich unserm Auge 
darbietet, wenn wir die Blätter der Geschichte unserer Heimath 
um 500 Jahre zurückschlagen. Die Niederlausitz war im Jahre 
1364, einer Zeit allgemeiner politischer Verwirrung und sittlicher 
Entartung, von Brandenburg an die Krone Böhmens übergegangen 
und 1370 vom Kaiser Karl IV. derselben einverleibt worden. 
Die deutschen Kaiser waren damals zugleich Könige von Böhmen, 
wie auch Kurfürsten von Brandenburg (die luxemburgische Linie). 
1378 starb Karl IV.; ihm folgten in der Regierung seine beiden
	        
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