Path:
Periodical volume 21. Juni 1884, Nr. 39

Full text: Der Bär Issue 10.1884

542 
stifteten gemeinschaftlich im 16. Jahrhundert das oben erwähnte, | 
leider noch nicht restaurirte Bild in St. Nikolai, eine Anbetung der 
Weisen aus dem Morgenlande trefstich darstellend. Schinkel be 
schreibt in seinen Beiträgen zu dem Büchlein des Probstes Ribbeck 
über St. Nikolai das Bild treffend also: 
„Sein Farbenton ist hell und freundlich, die ganze Anordnung 
sehr einfach, aber gefällig. In der Mitte eines fteien Platzes vor 
der Hütte erblicken wir den neugeborenen Heiland auf dem Schooße 
Marias; von der linken Seite bringt Joseph, eine hohe, kräftige 
Mannesgestalt, Speise für Mutter und Kind; rechts überreichen 
die mit königlicher Pracht gekleideten Magier ihre kostbaren Ge 
schenke. Der älteste von ihnen kniet, mit blaßrothem Talar ge 
schmückt, vor dem Kinde und hält ihm ein seltsam geformtes Gefäß 
voll gemünzten Goldes entgegen; die ehrwürdigen Züge seines 
bleichen Gesichtes werden durch ein sanftes Lächeln belebt. Den 
Turban hat sowohl er wie der neben ihm knieende, dunkler ge 
färbte Araber abgelegt; weiter rechts ist der schwarze, äthiopische 
Magus noch mit Herbeischaffung seiner Geschenke beschäftigt; neben 
ihm treten zwei Begleiter in den Vordergrund, von denen be 
sonders der kriegerische Aufmerksamleit verdient, indem seine Ge 
stalt mit zu den Hauptschönheiten des Bildes gehört. Den Hinter 
grund bildet die Stadt Bethlehem. Wie gewöhnlich sind die 
Familienmitglieder auch hier in sehr kleinem Maßstabe mit ihren 
Wappen abgebildete links Mann und Söhne, rechts Mutter und 
Töchter. Durch die schwarzen Kreuze auf den weißen Kleidern 
einiger Kinder scheint der frühe Tod derselben angedeutet zu sein." 
— Dies Bild ist, wie gesagt, nach 1567 gemalt. 
Doch wir verlassen nunmehr die Geschichte des Zehnderschen 
Geschlechtes, der Hohcnzweig und der Tonnenbinder. Wir haben 
uns nur noch nach dem Endschicksale der Zehnderschen Anlage zu 
erkundigen. Anno 1720 ward dieselbe mit der Mark- 
grafschen, nunmehr Simonschen Apotheke an der Ecke 
der Propst- und Spandauerstraße vereinigt. Wir deuteten schon 
oben darauf hin, daß sich hier einst vielleicht die Anlage des Meister 
Borchardus befunden hat, — daß hier vielleicht in ihren zwei 
Buden die „Apothekerinne" gewohnt hat. Es ist nichts Unerhörtes, 
daß die Geschichte von Grundstücken solch' einen Kreislauf beschreibt. 
Der Apotheker Markgraf hatte das Grundstück von einem Münz- 
Kommissar Schwidcr erkauft. In dieser „Simonschen Apotheke" 
lebt also Zehnders Anlage thatsächlich noch fort: 1888 feiert 
sie ihr 400jähriges Jubiläum! Des Meister Borchardus 
Wohnung aber wird kaum mehr zu ermitteln sein. 
Aerzte waren nun zwar diese alten Apotheker keineswegs: 
ich möchte sie eher für reiche Spezereihändler ansehen. In finsterer 
Zeit mögen sie allzumal die Alchymie eifrig betrieben haben. 
Immer aber bildet die frühe Ansiedelung von Apothekern zu Berlin 
einen erfreulichen Beweis dafür, daß man zu guter Zeit anfing, 
sich von Obrigkeits wegen um die Gesundheit der Einwohner zu 
bekümmern. 
Die Hohenzollern haben das Verdienst, auch hierin die Initiative 
ergriffen zu haben. Es wird überraschen, daß schon im 15. Jahr 
hundert ein Augenarzt aus ihre Veranlassung zu Berlin geweilt 
hat. Der Kurfürst Johannes Cicero hatte ihn berufen; in treuer 
Fürsorge für den weisen Meister schrieb der kranke Fürst dem Ber 
liner Rathe: 
„Unsern Gruß zuvor lieben getreuen! Wir haben gegen 
wärtigen Meister Herrmann zu unserm diener, Hoffgesinde und 
Augen Arzt ausgenommen; ist dcrwegen unser Begehren, ihr wollet 
demselben Meister Herrmann Schoß und anderer Pflicht ftey, so 
lang wir hinüber kommen, sitzen und bei Euch wohnen lasten, daß 
denn wir derhalben weiter mit Euch handeln wollen, wir in 
gnaden erkennen. Datum Arneburg ain Sonntage nach Andrea 
an. Dom. 1498." — 
Es erfreut, unsere Fürsten auf solchem Wege voranschreiten zu 
sehen; aber auch der Rath zu Berlin bekümmerte sich jetzt nach 
drücklicher als sonst um Leben und Gesundheit der Einwohner. 
Ja, was sehr bemerkenswerth ist, — man suchte bereits im 
16. Jahrhunderte dem Medizinal - Schwindel entgegen zu 
treten. Den Gebrauch der Haus- und Sympathiemittel ließ man 
frei; — man erlaubte sich keinen Eingriff in das eigenste Recht 
des Einzelnen! Aber dem Unfuge jener Gesellen, welche prahlerisch 
j von Markt zu Markte zogen, steuerte man denn doch! 
Barbierer und Wundärzte bildeten ja von Alters her 
eine ziemlich zügellose Gesellschaft! Jetzt, anno 1526, erhielten 
auch sie ihr Statut; denn der vereinigte Rath der beiden Städte 
verordnete: 
„Wir Bürgermeister vnd Rhätte, alte vnd neue der Siebte 
Berlin vnd Collen thuen kundt vnd bekennen vor Allermenniglich 
mit diesem unserm brieffe, die ihne sehen, hören oder lesen, vor 
Uns und Unsere nachkommen, daß die vorsichtigen Meister des 
Balbiercr und Wundtartztten handtwerks vor Uns kommen und 
erschienen sindt und haben sich mannigfaltiger Irrungen und ge 
brechen, die viel und offtmals zwischen ihnen und anderen ein 
kommenden Winkel-Arztten begeben, in welchen allen sie sich dann 
beschweret befunden, (vorgebracht): Verwegen sie uns, deme allen 
vorzukommen angefallen und mit Fleisse gebethen, ihne aufs nütz 
licher vorbetrachtunge, dadurch solch ihr gebrechen gelegert und ihr 
handtwerck desto stadlicher aufgeruckt, mit diesen nachfolgenden 
stucken, Punkten und Artickeln, zur besserunge gemeiner Stadt und 
sonderlich zur hulffe undt Trost den Armen Kranken in diesem 
Stadtrecht und auf dem Lande voreigendt, zue konfirmiren undt 
zue bestcttigen, wie nachsolgig gebethen: Erstlich dass keiner von 
den Meistern den ersten bandt bei Peen unb straffe zehen gülden, 
davon Churfl. gnaden funff undt den Rhetten beider stedte auch 
sunff zu gebe» untterschlagen solle; sondern alleine Reinoldt 
Seger, Churfl. G. Balbiercrn und Wundtarzten, oder weine das 
S. Churfl. gnaden nach seinem Tode verschreiben und verleihen 
wirbt, anzeigen, bey voriger Peen. Undt welcher sich hier zue 
Berlin undt Collen von ihrenn handtwerck setzen will, der soll vor 
Burger werden undt weitter unss dem Rhatte unser Burger Recht 
davon thuen. Darnach soll der bey den neuwen, auch des vor 
schienen Jahrs gewesenen Meisters alss den vier geschworen den 
angeben, die sollen ihnen auf ihren gethanen Eydt von Haupt an 
biss an den fues, ob er auch ersahrenheit von geschlagen, gestochen 
gehouwen odew gefallenen Wunden, wo die am Leibe oder sonst 
andern geliedern sein mögen, darauf sein gnuglich andtwordt zue 
geben; dergleichen, ob er auch vitschafft desselbigen an aller und 
iglicher glidtmassen wo sie ein und aussgehen, einzubringen weis, 
gnuglichen verhören. Wo er des nicht gründlichen Vorstandt hettc 
und wüste, soll man ihme dass handtwerck nicht verstadten, biss so 
lange daß er das erfahre. Und wan er dan also volfaren und 
vom handtwerck angenohmen und gnuglich erkandt, soll ein jeder 
zugelassen werden und weitter denselben vier Meistern, tvelche ihne 
vorhörtt, eine zimbliche Mahlzeit seines vormogens geben soll. 
Undt Wan ein jeglicher Meister auss dem handtwerck, so osit es 
geschicht, der einheimisch undt nicht kranck ist, vorbott wurde undt 
umb zwolff Hora nicht erschiene, der soll den Meistern einen groschcn 
geben undt vorfallen. Doch soll der jungeste Meister, so ihme das 
durch die olden nieister besohlen undt angesagt die andern vcr- 
botten, so er daßclbige nicht thuen will, soll undt magk er das 
durch seinen gesellen oder jungen zue thuende bestellen, das jederm 
jüngsten Meistern hierine nachgelaffen sein solle. Undt so auch 
jemandt von den Gesellen wie oben vermelt verbott und zue rechter 
Zeit nicht queme undt sursetzlich undt ungehorsamblich außenbliebe, 
der soll iu alle Wege, so offt das geschicht, den Meistern vier 
groschen zu geben vorfallen sein: es wehre dann das ein iglicher 
Meister und Geselle eine redtliche gnugsame Ursache undt endt- 
, schuldigunge hette. Und so auch ein Pacient einen andern Balbierer
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.