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Volume 21. Juni 1884, Nr. 39

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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So die Geister der Askanier 
Nächtlich zieh« am Werbellin. 
In des Mondes lichtem Glanze 
Klingen Harfen leis' und matt. 
Wie ein Hauch: zum Kaiserkranze 
Trug'» auch wir ein Lorbeerblatt. 
F. Brunold. 
i>l'n Apotheken und Apothekern in Ätt-Berlin. 
Eine Studie von Oskar Srsiuifsjrt. ^Schluß.) 
(iinc politische Partei zu unterstützen kostet aber bekanntlich 
nicht unbeträchtliche Opfer! Ich beabsichtige, demnächst eine Ueber 
sicht über jene Geldmittel herauszugeben, welche vaterländisch ge 
sinnte Bürger aus der Mark damals im 14. Jahrhundert gegen 
gewisse, — zum Theil sehr „unsichere" Pfandverschreibungen der 
kaiserlichen Sache zur Verfügung gestellt haben. Hier genüge nur 
das Folgende: 
Es gab kein reiches Stadtgeschlecht, — und auch die Familie 
des Meister Borchardus bildete ein solches, — kein „Geschlecht" in 
den Handelsstädten der Mark, in Frankfurt, — der bedeutendsten 
derselben, — in Berlin, in Prenzlau und in Stendal, welchem die 
bayrischen Markgrafen nicht mit zum Theil sehr bedeutenden 
Summen verschuldet waren. Eine sehr reiche und fortlaufende 
Unterstützung hatten ihnen z. B. die großen Handelshäuser der 
Hokemann in Frankfurt und der Rykc in Berlin gewährt. Konnte 
doch auch die letztere Familie mit vollem Rechte ihren nieder 
deutschen Namen in das lateinische „dives — reich" übersetzen! In 
dieser Form erscheint dieser Familienname in älterer Zeit nämlich 
sehr häufig in den Urkunden. Zu den „reichen Bürgern" von 
Berlin, welche sicherlich auch hier eine geschloffene Gesellschaft 
bildeten, ähnlich der „Richerzechheit" in Köln am Rheine, gehörte 
nun, wie auch schon Klöden bemerkt hat, ohne Zweifel jener 
Wundarzt und Apotheker Borchardus. — 
Was haben wir aber unter den „Diensten" zu verstehen, 
welche dieser Borchard dem Markgrafen geleistest hat? Sind es 
Dienste im Kriege oder während des Friedens gewesen? Ich meine, 
die Antwort darauf kann unbedenklich dahin formulirt werden, 
daß der Berliner Bürger Borchard während der Feldzüge des 
Markgrafen bei ihm das Amt eines Leibarztes ver 
sehen hat. 
Denn es ist wohl anzunehmen, daß Ludwig, der, wie z. B. 
während seines Aufenthaltes zu Frankfurt, von düsterster Verzweiflung 
überfallen gewesen sein niuß, sich oft genug tollkühn in die Gefahren 
des Kampfes geworfen hat. Magister Borchardus, unser ältester 
Berliner Apotheker, mag oft kein leichtes Amt gehabt haben; ich 
bin überzeugt, er hat seine Dienste auch dem Feldhauptmann 
Friedrich von Lochen, dem „rothen" Haffo von Wcdell, wie all' den 
kühnen und verzweifelten, geächteten und gebannten Paladinen des 
Hauses Wittelsbach gewidmet. 
Die weiteren Schicksale des Apothekers Borchard sind uns 
freilich unbekannt; vermuthlich ist er ein Ghibellin geblieben Zeit 
seines Lebens und nach stürmischem Lebensgange sanft und selig 
verschieden. 
Wo aber die älteste Apotheke von Berlin belegen gewesen ist, 
vermögen wir nicht ganz sicher anzugeben; — wohl aber er 
fahren wir aus dem Stadtbuche, daß ein Apotheker damals auch 
mit andern Dingen gehandelt hat. Die alten Weinverkäuftr 
pflegten zu dem Getränke ihren Gästen Konfekt vorzusetzen. Sie 
mußten laut jener Bestimmungen, welche „de yino“ ergangen 
waren, das Konfekt oder „ander gut geenide" der Apotheke 
entnehmen. „Gecrude“ von croitre oder von „Kraut" abgeleitet, 
bedeutet alle Provenienzen aus dem Pflanzenreiche. 
Die nun folgenden Notizen über die Apotheken zu Berlin sind 
nun freilich sehr dürftig und farblos: ich stelle dieselben daher hier 
einfach zusammen: 
Anno 1354, 29. April: Markgraf Ludwig schuldet auch dem 
Apotheker Dietrich zu Berlin Geld! Vielleicht ist Dietrich Borchards 
Sohn. Die Borchard waren ein Stadtgeschlecht. Noch 1399 
wurden ihnen nach dem „Buche der Uebertretungen" ein eiserner 
Grapen <Braukessel) und zwei Pferde von Peter Juris und 
Konrad Storkelow gestohlen. — 
Anno 1375: Nach dem karolingischen Landbuche besitzt der 
Apotheker zu Berlin Hebungen in Diesdorf. 
Das ist Alles, was uns überliefert ist! — 
Lange Zeit schweigen nun die Nachrichten über Berliner 
Apotheker. Erst aus dem Jahre 1449 erfahren wir (Stadtbuch^ 
ed. Clauswitz p. 252), daß Meister Hinrich der Balbirer und die 
„Apothekerinne" mit ihren zwei Buden zu dem „Windeborne" ge 
hörten und diesem Ziehbrunnen das für den Haushalt nöthige 
Waffer zu entnehmen hatten. Dieser „Windeborn" muß sich, wie 
aus dem Namen des gleichfalls zu ihm gehörigen Bürgermeisters 
Wilke von Blankenfelde hervorgeht, in der Spandauerstraße oder aus 
dem Molkenmarkte befunden haben. Es geht daraus fast mit Ge 
wißheit hervor, daß die zwei Buden jener „Apothekerin" sich nahe 
bei der Stätte erhoben haben, welche heut die Simonsche Apotheke 
trägt, d. h.: an der Ecke der Spandauer- und Propst-Straße. 
Licht aber werden diese sehr dunklen Verhältniffe erst im Jahre 
1488. In demselben nehmen die beiden Städte in der Person des 
wahrscheinlich aus Süddeutschland stammenden Johannes Zehndcr 
(Czender, lateinisch Aerarius — Münzer) einen Apotheker an, welcher 
freie Wohnung, Deputat, sowie das alleinige Recht zum Verkaufe 
von Apothekerwaaren erhielt. Sein Privileg ist oft gedruckt 
worden. 
Johann Zehnder besaß indessen seine Apotheke nur bis zum 
Jahre 1514, in welchem er starb. Noch heut ist in der Vorhalle zu 
St. Nikolai unter dem Thurme sein ehrwürdig grauer Leichenstein 
wohlerhallen. Meister Zehnder, — den Titel „Herr" führten die 
Apotheker nicht, — steht in der Pelzschaube vor uns; — analog 
der etwas phantastischen Sitte, sich zu kleiden, welche die Apotheker 
damals befolgten, trägt er auch auf seinem Grabsteine einen Turban. 
Es interessirt ungemein, ein lebensvolles Bild von seiner gelehrten 
Persönlichkeit sich machen zu können, welcher die Gesundheitspflege 
im alten Berlin gewiß außerordentlich viel zu verdanken hat! 
Wie die Wappenschilde am Fuße dieses Steines besagen, war 
Johannes Zehnder verheirathet. In jenen kleinen Schilden be 
findet sich nämlich einerseits eine Hausmarke, ein K mit Henkel 
kreuz K, andererseits ein Arm, der einen „Zweig" oder Stecken 
faßt, begleitet von zwei Rosen. Es ist dies der Wappenschild des 
Geschlechtes Hohenzweig oder Hauenzweygk; das Familien 
zeichen ist also ein „redendes." Jedenfalls hatte Johann Zehnder auch 
Kinder. Denn anno 1567 starb ein Johann Aerarius, wie eins 
der alten Gemälde hinter dem Altare von St. Nikolai besagte. 
Er mag des 1514 verstorbenen Zehnder's Sohn oder Enkel ge 
wesen sein. 
Jedenfalls aber übernahm ein Peter Hohenzweig anno 1520 die 
Zehndersche Apotheke, welche nun als die „gemeinschaftliche Apotheke" 
der beiden Städte bezeichnet wird. Er leistete in diesem Jahre 
sein Jurament, der Herrschaft und den Städten treu zu dienen, 
alle Arzeneien nach den ergangenen Verordnungen getreu und 
ehrlich zu verfertigen, ohne Vorwisien der Aerzte keine Gifte zu 
verkaufen und sich mit einem „ehrlichen" Gewinne zu begnügen. 
Vielleicht war dieser Peter Hohenzweig des alten Johann Zehnders 
Schwager oder sein flieste; offenbar aber muß er sich für das 
Geschäft bester geeignet haben als Zehnders Sohn Johannes. 
Wo war nun diese alte Zehnder-Hohenzweigsche Apotheke 
belegen?
	        
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