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Periodical volume 21. Juni 1884, Nr. 39

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Sie endlich gefunden zu haben, nun gilt es vor allem, danach 
zu trachten, daß Sie so wenig als möglich Schaden von Ihrer 
tollkühnen Partie davon tragen!" Er sagte das so ruhig und 
so bestimmt, daß Helene sich unwillkürlich, wie ein Kind, das 
man einer Unart überführt, wieder niederließ und tief erröthend 
und bittend zu Friedrich aufblickte. — 
Dieser hatte sich schon wieder zur Wirthin gewendet und 
bat sie leise, die junge Dame mit trockenen Schuhen und 
Strümpfen zu versehen und recht heißen Thee bereit zu halten, 
dann ging er hinüber nach dem Gastzimmer, mit der Weisung, 
ihn zu rufen, wenn das gnädige Fräulein die Fußbekleidung 
gewechselt haben würde. 
Helene dachte gar nicht darüber nach, wie Friedrich 
überhaupt hierher kam; sie hatte es kaum bemerkt, daß er sie 
so vertraulich Fräulein Helene genannt; willenlos ließ sic's 
geschehen, daß die Wirthin ihr grobe baumwollene Strümpfe 
anlegte und ihre kleinen Füße in zwar neue, aber sehr un 
förmige warme Schuhe steckte; sie horte, als wäre von einer 
fremden Person die Rede, wie die freundliche Iran sagte: 
„gut, daß der Herr Bräutigam Sie noch gefunden hat, er ist 
doch ein besserer Schutz, als der Walther von der Staffel, 
's ist ihm auch schon schlecht gegangen, der Herr Bräutigam 
hat eben sehr mit ihm gezankt, als er ihn ablohntc, 's war 
aber auch unverantwortlich so 'ne Tour mit dem Fräulein zu 
machen, wo's Wetter schon so nahe stand! — S' ist ein schöner 
Mann, der Herr Bräutigam, das muß man sagen!" fügte 
die Wirthin hinzu, offenbar in der Absicht, Helenen etwas 
Angenehmes ju sagen. — . 
Das junge Mädchen war in einer schrecklichen Ver 
wirrung. es war ihr eines Theils unangenehm, die Frau in 
dem Glauben zu lassen, der fremde Herr sei ihr Bräutigam, 
andererseits war es ihr peinlich zu sagen, daß Friedrich sie 
gar nichts angehe, mit welchem Recht war er denn hier? Der 
naive Sinn der einfachen Frau hatte es für nöthig gehalten, 
sich eine Beziehung zwischen ihnen beiden zu kombiniren, um 
dem fremden Manne eine Berechtigung zugestehen zu können, 
in solcher Weise für ein junges Mädchen zu sorgen, wie 
Friedrich es that; wie sollte sie den Irrthum lösen, ohne sich 
in ein ganz eigenthümliches Licht zu stellen? Sie war innerlich 
empört über die Anmaßung, die in dem Wesen dieses Menschen 
lag und vermochte doch nicht ihm zu zürnen, ja sie konnte 
sich eines Gefühles der Dankbarkeit nicht erwehren, so sehr 
sie sich auch dagegen sträubte, es gerade ihm zu zollen. 
Indessen war der Schuh- und Strümpfewechsel beendet 
und Helene musste sich gestehen, daß sie sich auf trockenem 
Fuße weit behaglicher fühle; da trat Friedrich mit dem be 
stellten Thee zu ihr, vorsichtig goß er einen Löffel Arak hinein, 
mischte Zucker und Rothwein darunter und reichte dann das 
Getränk dem jungen Mädchen, das, ohne sich zu sträuben, die 
Taffe leerte. 
„Nun," sagte Friedrich, und Helenen klang wieder der 
herrschsüchtig überlegene Ton durch die Worte, der sie bei 
diesem Manne so sehr empörte, „nun wollen wir uns parat 
halten, in 10 Minuten kommt noch ein Zug fjermtf, um 
Reisende nach unten zu holen, die auf Rigi-Kulm eingeregnet 
sind, den wollen wir benutzen, damit endlich die arme Tante 
über Ihr Verbleiben beruhigt ist!" Damit nahm er seinen 
Regenmantel von den Schultern und wickelte Helene fest 
hinein, ihr die Kapuze eng um den Kopf ziehend, und als im 
selben Augenblicke der Zug heraufstöhnte und vor dem Wirths- 
hause hielt, schob er sie auf einen Platz, wie ein krankes 
Kind und setzte sich daneben und als das junge Mädchen 
noch der Wirthin bezahlen wollte, was es verzehrt, rief diese 
freundlich: 's ist schon gut, 's ist schon gut, der Herr Bräuti 
gam hat schon alles berichtigt!" 
Helene hätte in die Erde sinken mögen vor Scham und 
dabei bemerkte sie beim flackernden Scheine der Laterne, wie 
Friedrich über die Worte der Frau lächelte. — 
Sie war vollkommen außer sich über die beschämende 
Situation, in der sie sich befand; wie gern hätte sie Friedrich 
eine Malice gesagt, wenn ihr nur eine eingefallen wäre. 
Während sie noch, in die Ecke geschmiegt, darüber nach 
dachte, wie sie sich diese unangenehme Bevormundung ab 
schütteln könnte, beugte sich ihr Begleiter zu ihr herab und 
flüsterte: „Sie sind doch nicht krank, Helene?" und sie war 
über die plötzliche Anrede so verblüfft, daß sie alle guten 
Ideen, die sic noch eben bewegt, vergaß und ebenso flüsternd 
antwortete: „nein, ich danke, es geht mir ganz gut!" und 
Friedrich löste sein Cachenez vom Halse lind schlang es um 
ihren Nacken, um die Kapuze zu befestigen, die immer nach 
rückwärts schob. — 
Da saß sie nun, an seiner Seite, in seinem Mantel, 
mit seinem Halstuchc und konnte sich nicht wehren, sie mußte 
sich alles gefallen lassen, ob ihr auch vor Zorn darüber die 
hellen Thränen in die Augen gestiegen waren! — 
Nein, in Gersau blieb sie nicht länger, wenn sie iinmer 
mit diesem Menschen zusammen sein mußte, jetzt, nachdem sie 
sich so blamirt vor ihm, mochte sie nicht verurtheilt sein, noch 
länger in diese klugen, stolzen Augen zu blicken, die ihr nun 
immer sagen würden: „ich habe Dich recht klein gesehen!" — 
Sie seufzte unwillkürlich tief auf und ihr Nachbar fragte 
besorgt, ob ihr etwas fehle? „O, nein," sagte sie und der 
alte Ucbermuth klang schon wieder in ihrer Stimine, wenn 
auch vermischt mit etwas Aerger, „o nein, ich möchte nur 
diesen Tag aus meinem Leben streichen können!" Er wandte 
sich lvie fragend zu ihr herum, dann sagte er einfach: „Ich 
nicht!" — 
Was sollte das mm wieder heißen? Helenens leicht er 
regbares Blut stieg ihr heiß zlim Herzen: „Finden Sie es 
schön, wenn man sich blanrirt? wenn es auch mir so scheint, 
als ob man sich blamirt habe?" fragte sie gekränkt und 
richtete sich stolz auf. — 
„Ja, aber, glauben Sie denn, Fräulein Helene," ent- 
gegncte er ruhig, „daß irgend Jemand Ihnen einen Vorwurf 
daraus macht, daß Sie in Ihrer Schwärmerei für die Natur 
sich z»l weit gewagt haben? Das einzige Unrecht, das Sie 
vielleicht begangen, war, daß Sie sich durch unsere Mah- 
nllilgen nicht abhalten ließen, überhaupt nach dem Rigi zu 
fahren; was Sie von dort aus unternommen, dafür trifft 
allein Ihren Führer die Verantwortung!" — 
Friedrich hatte wieder so ruhig überlegen gesprochen, daß 
ein Widerspruch beinahe uninöglich war und deshalb gerade 
wallte Helenens Zorn hell auf: „war sie denn ein Kind, dem 
mail keine Verantwortung für seine Handlungen zuerkannte!" — 
Wenn ihr nur irgend etwas paffendes eingefallen wäre, 
j ihm noch zu sagen, es war ihr ein so beschämendes Gefühl, 
sich so vollständig beherrschen zu laffen, noch dazu von einem 
! Manne und von einem, den sie erst seit gestern kannte. —
        
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