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Periodical volume 14. Juni 1884, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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Bei der fünfzigjährigen Gedächtnißieier der Freiheitskriege, im 
Oktober 1863, hielt die Berliner Turnerschast ein Gedenkrest am 
Friesenhügel, wobei der Professor Voigt, Lehrer an der alten 
Friedrich-Wilhelms-Realschule, die Festrede hielt. 
Bei Gelegenheit des großen deutschen Turnfestes im Jahre 1872 
ließen die Berliner Turner das Grabkreuz am dem Jnvaliden- 
Kirchhose erneuern und mit einer goldenen Inschrift versehen. Die 
Rückseite bezeichnet den Verewigten als „Lehrer und Begeisterer 
der Jugend." 
Es bildete sich gleichzeitig ein Berliner Turnverein, welcher 
sich nach dem Namen des Gefeierten nannte. Dieser „Turnverein 
Friesen" veranstaltete im September 1878 eine Feier an dem 
Hügel in der Hasenhaide, zu welcher sich Gesandtschaften von allen 
Berliner Turngemeinden und auch mehrere Veteranen, darunter 
der alte Schulvorsteher, Dr. Marggraf, einfanden. Der Hügel 
wurde renovirt, mit Epheu geschmückt und mit der erwähnten 
Gedenktafel versehen. 
Die rühmliche Lebens- und Leidensgeschichte, welche die lako 
nische Inschrift dieser Tafel andeutet, wollten wir in den vor 
stehenden Zeilen in der Kürze erzählen. 
Von Äpothclltn und Äpothelrrrn in Ält-Berlin. 
Eine Studie von fflslinr Srfunpfiet. 
Durch die Zeitungen geht die folgende Notiz: 
Die älteste der Berliner Apotheken, welche im Jahre ! 
1888 ihr 400jähriges Bestehen feiert, die Simon'schc Apotheke 
in der Spandauerstraße, ist in diesen Tagen für den Preis von 
1200 000 Mark an die Besitzer der hiesigen Strauß-Apotheke, 
Sachs und Friedländer, verkauft worden. Zu dieser Apotheke ge 
hören fünf Grundstücke: — die Häuser, Spandauerstraße 33, 34 
und 35 und Propststraße 18 und 19. — . j 
„Was wird das Schicksal jener althistorischen Anlage feinV — 
Wie ist diese fast 400 jährige Geschichte beschaffend" — Gewiß er 
heben sich solche Fragen im Publikum! — Wenigstens auf die 
letztere derselben möchte die nachfolgende, auf gewiffenhaften Unter 
suchungen beruhende Studie Aufschluß geben. — 
-j- 
* * 
Die Geschichte der alten Apotheker und ihrer Offizinen ist 
auch bei uns in Berlin eine sehr interesiante. Allein auch auf 
diesem Gebiete vermag nur die emsigste Forschung uns eines 
jener lebenswahren Bilder aus alter Zeit zu entrollen, welche 
zugleich belehren und erfteuen! 
Was in unseren Büchern über die „Geschichte Berlins" von 
den medizinalen Verhältnissen der alten Stadt gesagt worden ist, 
ist theils völlig falsch, theils gänzlich unzureichend. 
Alan stößt hier z. B. bei sonst ganz ernsthaften Leuten 
aus die absolut unverständige Angabe, rechte Apotheker, sowie 
Aerzte aus Beruf träten bei uns zu Berlin erst gegen das Ende 
des 15. Jahrhunderts auf. Als wenn diese „consules providi,“ 
die sfürsichtigen Rathmannen der alten Zeit, in welcher Berlin 
fast einer reichsstädtischen Selbstständigkeit sich erfteute, nicht auch 
über dem leiblichen Wohle der ihrer Fürsorge anbefohlenen 
Bürgerschaft gewacht hätten! — 
Ich bringe heute reiches wissenschaftliches Material gegen eine 
so thörichte Behauptung vor! 
Zunächst ist wohl zweifellos, daß wir unter den ältesten, der Heil 
kunde in Berlin befliffenm Persönlichkeiten uns vorzugsweise Franzis 
kaner- Mönche vorzustellen haben, — vielleicht auch Dominikaner. 
Es ist durchaus widersinnig zu glauben, daß die auch in Berlin 
üblichen, reichen Schenkungen an die Klöster nur aus rein religiösen j 
Gründen erfolgt seien; — im Gegentheil: es war bei ihnen stets 
ein sehr materielles Motiv vorhanden. Entweder hatten die Gebete > 
oder die ärztlichen Kenntnisse der Mönche bereits gewirkt, oder — 
sie sollten noch wirken! 
Will man aber ein rechtes Bild der Sanitätspflege in älterer 
Zeit gewinnen, so ist fteilich auch noch eine andere Thatsache zu be 
rücksichtigen. 
Nimmer wohl wird bei uns die volksthümliche Arzenei 
kunst aussterben. Wir wissen ja, was die Volksmedizin und die 
Sympathetik noch heute für weite Schichten der Nation zu besagen 
haben! Gewiß hat man mit „Dosten und Dorant," mit der 
„Veilchenwurzel," der „Königskerze," dem „Bibernell" u. s. w. 
auch zu Berlin einst vielfach ärztliche Heilungsversuche veranstaltet! 
„Alterthümer" dieser volksthümlichen Heilkunde aber habe ich 
nicht mehr aufzufinden vermocht. 
Es' gehört manches aus unseren Hexenprozessen hierher: 
So z. B.: 
1. Die Bestimmung des Stadtbuches, (Ausg. v. Dr. P. Claus 
witz p. 152.): 
„Welk kristenman met toverye umme gat oder met vor- 
gistnisse und des vorwunnen wart, den sal man up einer hört 
(Feuerstelle) bernen“ (verbrennen). 
2. Die Notiz vor dem Jahre 1399: 
„Walborgh, der Nyendorpinne medder, wart gebrand dorch 
toverighe wille, di sy begink an diselve ore madderen, der sy 
by Else Snyders sande twe bereu, dar sy in hadde vor gift 
gedan. Don sy di beren ad (aß), dan ward sy tu hantz (so 
gleich) krank und gantz sere sy do quynede (siechte hin) und 
wart met gantz unfruyt (trübsinnig). Do gink sy dorch gnade 
ville (oft) tu Wolborghe nnd sän or an rad und hulpe umme 
ore krankheit. Do sede sy openbar vor eyn deil unser borger 
alse vor hans borchard, cune Slagen, Schunenpluch und 
vor mer man und frouwen, dat sy or de sukede (Siechthum) 
selven hadde gedan in twen beren und sprak vort (kühnlich): 
„up der erden is nymant wen ich nach gode, dy de sukede dy 
benemet.“ Und also toch sy der Nyendorpinne vele geldes ave 
und halp or nichtes niht! Do quem Heyne Nyendorp vor 
uns med frunden uud clagede sulke sake, alse sy steif gbe 
schrieven und sän gerichtes (verlangte Bestrafung der Schuldigen 
Und wart gebrannd (nämlich die Wolborgh) und by or war 
toveryie gevunden.“ — 
Wir meinen: „Difficile est, satiram non scribere!“ oder 
mit Rabbi Ben Akiba: „Es ist schon alles dagewesen!" Denn 
es ist ein überaus charakteristisches Genrebild, welches diese urkund 
liche Notiz bezüglich der ältesten medizinalen Verhältnisse 
Berlins vor uns entrollt! 
Die Walburg, — schon der Name ist ein schöner, uralt 
heidnisch-hehrer und darum verdächtiger Walkhren- und Hexenname 
— hat eine Verwandte, Base (medderin), das ist die „Neuen 
dorfin!" Deren Siechthum soll mit zwei Beeren, — wahrscheinlich 
vom heidnischen Zauberbaume „Schleedorn," geheilt werden! Das 
Mittel schlägt aber nicht an, und schlimmer wird die Krankheit! 
Endlich tritt der Bürger Neuendorf dazwischen, da seiner Frau 
gar zu viel Geld von der Walburg „abgezogen" ist! Fürchterlich 
war die Strafe für diese Medizinalpfuscherei: die Hexe Walburgis 
wurde verbrannt! — 
Hier bietet sich der Stoff zu einem kulturhistorischen Romane 
aus der Vorzeit Berlins von selbst dar! — 
Ich finde ferner in der erwähnten Publikation meines ver 
ehrten wiffenschaftlichen Freundes Clauswitz auf Seite 214 die 
Angabe: „Anno domini 1423 feria quarta ante Johannis bap- 
tistae, (21. Juni), quaedam mulier est combusta, quod fecit 
pulveres et toveryge (Pulver und Zauberei) et quia pulveres de 
nocticorate (Nachtschatten f) fecerat.“ — 
So furchtbar di« Strafen dieser Medizinalpfuschereien 
waren, — denn die Anwendnngen von Zaubxrmitteln waren nichts
        
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