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Periodical volume 14. Juni 1884, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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nahmen. Diese Frau, welche damals in der Blüthe der Jugend und 
Schönheit stand und einen Kreis der begabtesten Männer um sich ver 
sammelte und bezauberte, machte auf Friesen einen tiefen Eindruck 
und er gestand es ihr in einem Briefe. Den Brief erzählt Ludmilla 
Assing in der Lebensbeschreibung der Gräfin — las Elisa von 
Ahlefeldt zu wiederholten Malen an demselben Abend, an welchem 
Friesen den Tod erlitt; in der Nacht erwachte sie aus einem 
quälenden Traume und sah ihn vor ihrem Bette stehen, auf eine 
tieie Wunde in seiner Brust zeigend. 
Friesen und sein Schul- und Jugendfreund August v. Vieting- 
hoff, hatten sich, bevor sie ins Feld zogen, das gegenseitige Ver 
sprechen gegeben, es solle, wenn einer von ihnen in Frankreich im 
Kampfe fiele, der andere alles aufbieten, um den Leichnam des 
Freundes in Deutschlands geweihter 
Erde zu bestatten. 
Friedrich Friesen versah nach 
Körners Tode den Dienst eines Ad 
jutanten im Lützow'schen Korps; 
Vietinghoff hatte Lieutenants-Rang. 
Als Napoleon Rheims genommen 
hatte, wendete er sich gegen das 
Schwarzenbergische Heer und nöthigte 
die Lützower, sich auf das rechte Ufer 
des Flusses Aisne zurückzuziehen. Die 
Truppen geriethen aber in mehrfache 
Scharmützel und wurden endlich 
völlig zersprengt. Eine kleine Ab 
theilung Ulanen, von Friesen und 
Vietinghoff geführt, erreichte bei 
Nacht ein altes Schloß bei dem 
Dorfe Chetre, wurde aber von dem 
Landstunne überfallen und zur Flucht 
genöthigt. Der Landsturm oder „die 
Erhebung in Maffe" (levee sn 
masse) war nach der Schlacht von 
Laon von Napoleon aufgerufen wor 
den, aber zu keiner bedeutenden Wirk 
samkeit gelangt. (Im letzten deutsch 
französischen Kriege erhielten die 
Franctireurs, nach den wiederholten 
Niederlagen der regulären Truppen, 
ein ausgedehntes Gebiet für ihre ver- 
zweiselte Gegenwehr; der Parteihaß 
sprach ihnen aber sowohl die mili- 
tairische wie die patriotische Berech 
tigung ab.) 
Die zersprengten Lützower ge 
riethen auf ihrer Flucht durch eine 
unbekannte gebirgige Gegend in die 
größte Bedrängniß. Ueberall stießen sie auf gut bewaffnete 
Plänkler oder wurden aus dem Hinterhalte mit Kugeln empfangen. 
Die Truppe verlor den Zusammenhang, viele mußten sich ver 
einzelt durchschlagen und zuletzt auf stolperndem Roffe ihren Weg 
allein suchen. Zu den letzteren gehörte Friedrich Friesen. Nachdem 
er drei Tage im Ardenner Walde, das Roß am Zügel hinter 
sich herführend, umher geirrt war, gerieth er in die Gefangen 
schaft einer Abtheilung vom Landsturm, welche aus bewaffneten 
Bauern bestand und von dem Bürgermeister von Launoy an 
geführt wurde. Letzterer, Coche mit Namen, forderte den feind- | 
lichrn Offizier auf, sich dem Schulzen des nahe gelegenen Dorfes 
la Lobbe überliefern zu lassen. Während aber Friesen neben ihm 
hinschritt, wurde er plötzlich von den Bauern von hinten gedrängt 
und gestoßen und als er sich umwendete, drückte einer aus der 
Mannschaft, ein blödsinniger Schäfer, Namens Brodio, sein Gewehr 
auf ihn ab. Die Kugel ging durch die Brust und traf den Jüng 
ling zu Tode. 
Der Maire von la Lobbe vermuthete in dem schönen und 
edel gestalteten Leichnam einen höheren preußischen Offizier. Er ließ 
den Ermordeten in allen Ehren auf dem Dorfkirchhofe bestatten 
und ein Protokoll über das Begräbniß und über den ganzen 
Hergang der Sache aufnehmen. 
So fiel in jenem Kriege unter den tausenden der Jugend 
blüthen eine der schönsten und edelsten. Als man den jungen 
Helden vermißte, erhoben sich, wie bei Körner's Tobe, die trauernden 
und klagenden Stimmen der Kameraden und Freunde, darunter 
die der edelsten Patrioten. Jahn beklagte die gefallene „Siegsrieds 
gestalt von großen Gaben und Gnaden;" Arndt besang den „edlen 
Ritter, vom Fuße bis zum Schädel 
ein lichter Schönheitsstrahl;" Lützow 
rief trauernd: „Von allen ist er am 
wenigsten zu missen und das Vater 
land verliert am meisten." 
Jahn ließ dem Gefallenen zum 
Gedächtniß jenen Hünenhügel auf 
dem Berliner Turnplätze in der 
Hasenhaide errichten, auf der Stätte 
der Kampfspiele und Uebungen des 
heranwachsenden Geschlechts, die er 
bei Lebzeiten geleitet und angefeuert 
hatte. Als der Turnplatz später 
zum Militair-Schießplatze umgestal 
tet wurde, blieb ein Theil der öst 
lichen Seite frei und jener Hügel 
kam außerhalb des Schießplatzes zu 
liegen. 
August v. Vietinghoff, einge 
denk seines Versprechens, hatte lange 
Zeit, aber vergeblich, nach der Grab 
stätte seines Freundes geforscht und 
nur erfahren, daß er vermuthlich in 
der Gegend zwischen Rethel und 
Mezieres gefallen sei. Zufällig kam 
er im Jahre 1817 als Hauptmann 
im 14. Infanterie-Regiment bei Lau 
noy in Kantonnirung. Dort brachte 
ihm der Unteroffizier Christoph Don 
ner, der von seinen Nachforschungen 
wußte, eines Tages das Dienstpet 
schaft des Lützow'schen Korps, welches 
er von einem Bauer erhalten hatte. 
Dieser hatte ihm auch mitgetheilt, 
das Petschaft sei bei einem preußi 
schen Offizier gefunden worden, der 
im März 1814 im Walde erschoffen und im Dorfe la Lobbe 
begraben worden sei. Von demselben Schulzen des Dorfes, welcher 
den Gefallenen beerdigen lassen und ein Protokoll darüber aufge 
nommen hatte, erfuhr der Hauptmann das Weitere. Er ließ das 
Grab öffnen und erkannte die vorhandenen Gebeine als die Ueber- 
reste seines' Freundes. Wir vermögen keinen Ausschluß darüber zu 
geben, weshalb er dieselben 26 Jahre lang in einem Sarge mit 
sich herumführte. 
Erst als August v. Vietinghoff als Oberst-Lieutenant seinen 
Ruhesitz in Berlin nahm, erstattete er den betreffenden Bericht an 
den König und erhielt die Genehmigung, Friesen's Gebeine auf 
dem dortigen Jnvaliden-Kirchhofe zu bestatten. Letzteres geschah 
1843, am 15. März, Friesen's Todestage, im Beisein des Kriegs 
ministers und vieler Kampfgenossen aus dem Befreiungskriege. 
Der Direktor Zeune, Freund des Verstorbenen, hielt di« Leichenrede. 
Alte Spielkarten.
        
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