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Periodical volume 7. Juni 1884, Nr. 37

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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„Und Dessen tröstet Ihr Euch auch, der unser Aller 
Tröster ist?" fragte der mitleidige Mönch. 
„Von ganzem Herzen!" 
„So zieht hin in Frieden!" Mt priesterlicher Salbung 
sprach der Dominikaner die Absolutionsformel. 
„Noch eine Bitte, Herr! Bestattet mich an der Seite des 
großen Albertus!" 
„Ja, wenn Du hoffen, wenn Du glauben kannst wie er! 
Er hat es tief empfunden: 
„All unser Wissen und Können ist Stückwerk!" — 
Thurneyffer war zu einem selig glaubenden Kinde ge 
worden. Er empfing gläubig die letzte Oelung. Er, der Hoch 
gelehrte, sah es' jetzt ein: 
Nie kann des Menschen 
Geist die hohen Räthsel 
lösen: Was ist Gott? 
Woher die Welt? Was 
heißt schaffen? Was ist 
die Zeit uird was der 
Raum? Was ist die 
Ewigkeit, und wohin geht 
einst Deine Seele?" — 
In herrlichem Gleichniß 
spricht die Schrift von 
dem Unfaßbaren als 
von der Rückkehr des 
Sohnes zu seinem Vater, 
— als von einem Auf 
gehen in die ewige Liebe! 
— Der Beichtvater des 
Sterbenden griff auf 
dieses Gleichniß zurück. 
Er sprach: „Auch der 
verirrte Wanderer soll 
zum Heimathhause kom 
men. Hoffest Du dar 
auf?" 
„VonganzerSeele!" 
„Dann fühlst Du 
auch, wie leicht dies 
Sterben ist?" 
»Ich sehe leuchtende 
Berge!" 
„Es sind die Berge 
des Heils!" 
„Der Quell der Wüste sprudelt und die Palmen rauschen!" 
„Ruhe sanft!" — 
Thurneyffer hatte vollendet; — er ward am nächstfolgenden 
Tage zur Linken des großen Bischofs Albertus im Domini 
kaner-Kloster zu Köln beigesetzt. — Auf seinem Leichensteine 
erblickte der Besucher der berühmten Stätte keine eigentliche 
Inschrift, sondern nur die drei Worte: 
„Ad portum veni!“ 
„Den Hafen hab' auch ich gefunden!" 
In den Pönitenzbüchern der Stadt Bern findet sich end 
lich noch bei dem Jahre 1595 die folgende Notiz: 
„Am. 17. Februarii ist gerichtet mit dem Schwerte die 
vormals Edle von Croaria, Marina genannt." 
Die Worte sind völlig räthselhaft. Eine andere Hand 
hat daher mit- anderer Tinte dazu geschrieben: 
„Umb Gifstmischereh. 
War ein freies Frewlin!" — 
Welch' erschütternder Schluß zweier hochbegabter Menschen 
leben! Durch Mark und Bein gehend klingt uns hier die 
alte Wahrheit entgegen: 
„Nichts sind die glänzendsten Gaben ohne den festen Halt des Charakters." 
Mecklenburg. 
Von ft. kalter. (Schluß.) 
Die heimathlichen vielfältigen Fehden schienen im Frühjahre 
1287 geschlichtet. Ein 
Landfiiede war zu Stande 
gekommen. Es läßt sich 
annehmen, daß in der ein 
getretenen allgemeinen Ruhe 
Anastasia Mittel fand, 
dringendere Schritte, als 
bisher zulässig gewesen sein 
mochten, zur Erforschung 
des Aufenthaltes und zur 
Befteiung des Fürsten zu 
unternehmen. Wahrschein 
lich auf Grund erhaltener 
Kunde trat sie mit der 
mächtigen Hansastadt Lübeck 
in Verhandlung. Als diese 
sich bereit erklärte, durch 
die zu Akkon lebenden deut 
schen Ritter Erkundigung 
und Versuche anstellen zu 
lassen, ließ ihr die Fürstin 
2000 Mark löthigen Sil 
bers auszahlen, um es als 
Lösegeld zu verwenden. 
Wieder verstrichen zwei 
Jahre banger Erwartung. 
Da kam ein Bericht Wi- 
richs v. Homburg, Präcep- 
tors des deutschen Ordens 
zu Akkon an den Senat 
v. Lübeck unterm 14. Au 
gust 1289. Endlich ein 
Lichtstrahl! Aber es war 
nur eine trübe Kunde da 
hin, daß bei den obwal 
tenden kriegerischen Ver 
wicklungen mit dem Sultan zur Zeit keine Aussicht aus Befteiung 
vorhanden sei. Als nun auch Lübeck die empfangene Summ 
zurückerstatten ließ, war jede Hoffnung vernichtet. Die Jahre 
gingen dahin. Fürst Heinrich war für die Heimath todt. 
Sein nun schon lange erwachsener gleichnamiger Sohn hatte 
sich bereits einen rühmlichen Namen erworben. Man nannte ihn 
den Löwen. Besonders suchte er im Bunde mit andern Fürsten 
den Räubereien und Fehden des Landadels Einhalt zu thun. So 
lag er einst im Sommer des Jahres 1298 eben im Lager vor der 
Burg Glasin an der Elde — als ihm die wunderbare Kunde 
kam, sein Vater sei frei und habe schon den deutschen Boden be 
treten! Aller Welt mußte die so unerwartete Befteiung nach nun 
sünsundzwanzigjähriger Gefangenschaft wie ein Wunder erscheinen, 
zumal, wie man bald hörte, sie das freiwillige Werk des dama 
ligen Sultans war. Denn bei allem schweren Unglück, das Hein
        
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