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Volume 7. Juni 1884, Nr. 37

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue10.1884 (Public Domain)

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Sonnenglanze freundlich umstrahlt, bald von dem Mantel des 
aufsteigenden Wetters umhüllt, immer aber doch in festen Um 
riffen unsern Blicken gezeigt! Jetzt aber ist es später Abend ge 
worden ; die Nacht bricht herein. Da erhebt sich, vielgestaltig, 
in phantastischen Formen sich zertheilend, aus den Niederungen 
der Nebel; als verschwommen gigantische Riesengestalten, Unge 
heuer gleich Drachen und Schlangen, steigen die Geister der 
Felsenhöhlen zu Berges Haupt hinan! Das kreist und wirbelt, 
braut und thaut und kämpft und wallt, bis endlich eine un 
durchdringliche Nebelmaffe, ja eine feste Wolkenwand des 
Berges Gestalt, die uns so lange ein Führer war, unsichtbar 
macht. Nur durch die Riffe des Schleiers sehen wir undeut 
lich noch von Zeit zu Zeit das alte, wohlbekannte Bild hin 
durchschimmern. — 
Im Herbste des Jahres 1584 soll bei den Buchhändlern der 
zinnen- und thurmreichen Stadt Prag ein merkwürdiger Mann 
vorgesprochen haben. Er nannte seinen Namen nicht, bewies 
aber eine seltene Wiffenschaft von den Dingen des Morgen- 
landes und von den Geheimniffen der Natur. Er sprach von 
gewaltigen Werken, welche er herausgeben wollte, von einer 
großartigen, mit herrlichen Holzschnitten versehenen Erdbe 
schreibung! Was aber konnte dieselbe für die lustig zechenden 
deutschen Edelleute des Königreichs Böhmen und für seine 
unwissende czechische Bevölkerung für einen Werth haben? Die 
Buchhändler an der Brücke und am Theyn schüttelten das 
Haupt! Die Pläne des Fremden zerschlugen sich völlig. Ueber 
einer reichen Kleidung von dunklem Sammet trug derselbe 
das Ordenszeichen der heiligen Katharina vom Berge Sinai. 
Es soll Thurnehffer gewesen sein. — 
Hören wir weiter! 
Im Jahre 1585 herrschte in der Lagunenstadt Venedig 
eine jener noch nicht wiffenschaftlich erkannten, furchtbaren 
Seuchen vergangener Jahrhunderte. In dem großen Hospi 
tale „8an Spirito in Sassia“, in welches alle Deutschen einge 
bracht wurden, that ein fremder Arzt Dienste, welcher vor 
kurzer Zeit erst aus Tyrol zur Beherrscherin der Adria, zur 
Königin der Meere gekommen war. Seine Hand war wunder 
sam gesegnet; sein Auftreten sehr fest, sehr klar; aber er ver 
schmähte jeden Lohn. Wie dankten die Kranken diesem bleichen, 
stillen, ernsten Manne! Als endlich die Wuth der Seuche fast 
gebrochen schien, da richtete fie sich noch einmal mit tödtlicher 
Kraft und in ihrer vollen Bosheit auf gegen den Mann, 
welcher sie am wirksamsten bekämpft hatte; fie ergriff den 
deutschen Arzt und seine beiden Kinder, welche in einem der 
Paläste neben 8t. Maria del Orto wohnten. Noch lag der 
fremde Gelehrte in Fieberphantasien; da fuhr eine Gondel 
die sterblichen Reste seiner beiden blühenden Kinder nach 
jener kleinen Insel des Lido hinaus, auf welcher seit alten Zeiten 
die Deutschen in Venedig ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. 
Es war ein herzzerreißender Jammer, als der Vater wiederher 
gestellt worden war und er sein Liebstes auf Erden nicht mehr 
vorfand! Der fremde Arzt soll Doktor Leonhard Thurneyffer zum 
Thurne gewesen sein! 
Lange Jahre verfloffen. Man sprach von dem großen 
Doktor, dem tiefer, Kenner der Geheimniffe dieser Welt schon 
wie von einem Gestorbenen. Auch in Berlin! Aengstlich 
wurden die Räume gemieden, welche er bewohnt hatte; — 
ja, das graue Kloster wurde für eine unheimliche Stätte ge 
halten; man schwor hoch und theuer darauf, daß der Geist 
des Doktors in den meisten Gemächern umgehe. Wüst, — 
ja das waren die ehemaligen Prachträume allerdings; ihr 
reicher Schmuck war ja an den Kurfürsten gekommen! Das Beste 
freilich war schon zu Basel vertrödelt worden. Doch trotzdem, 
daß ängstliche Gemüther bereits des Doktors Geist gesehen 
haben wollten, lebte Thurneyffer noch. Aus einem Schweizer 
Bade, welches sich damals eines hohen Ruhmes erfreute, 
— eines Ruhnres, welcher freilich nur kurzen Bestand hatte, — 
flog im Jahre 1590 ein Büchlein in die Welt, welches den 
Titel trug: 
„Attisholzer Badeordnung durch Leonhard Thurneyffer 
zum Thrrrne verfasset." — 
In demselben Jahre, im November, fand zrr Florenz in 
dein Palazzo Riccardi, der alten Residenz der dci Medici, ein 
glänzendes Fest statt, welches der Kardinal Francesco, der 
spätere erste Großherzog, dem Adel der berühnrten Stadt und den 
fremden Gesandten gab. Der holläirdische Arzt Otto Tachenius 
nennt uns in seinem „Hippocrates cliymicus“ sogar das 
Datum dieses Festes ganz genau; es war ain 20. November. 
Nach der Mahlzeit trat ein deutscher Arzt, ein Greis von 
stolzer, edler Haltung vor die erlauchte Gesellschaft. „Er er 
hitzte", sagt Tachenius, welcher ein Augenzeuge des Vorganges 
war, „einen eisernen Nagel, er tauchte ihn in gewiffe Oele 
ein, und siehe, — das Eisen war zu Golde geworden!" — 
Der Kardinal bei Medici befahl, den Nagel zu ewigem Ge- 
dächtniffe in Florenz aufzuheben; der Wechsel der Zeiten, — ver 
nichtende, umstürzende Staatsbegebenheiten indessen haben dies 
Merkzeichen von Thurneyffers Aufenthalte zu Florenz zerstört 
oder in alle Welt verweht; denn jener Adept war kein Anderer 
als Er! — 
Derselbe Kardinal Francesco dei Medici verweilte in der 
Paffionszeit des Jahres 1591 in der ewigen Stadt Rom. 
In seinem Gefolge soll auch Leonhard Thurneyffer sich befunden 
haben; wenigstens sah man den glänzenden Kirchenfürsten sehr 
oft mit einem deutschen Herrn voll tiefen Ernstes und von 
schmerzdurchfurchten Gesichtszügen verkehren, welchen zu Rom 
Niemand kannte. Der Sekretär des Kardinales, ein Bischof 
in partibus infidelium, schrieb im April des Jahres 1591 
folgenden, höchst merkwürdigen Brief an den Kölner Dom 
herrn Franz Albert von Manderscheid, einem seiner eifrigsten 
Freunde: 
„Es wäre thöricht von uns, wenn wir an dem end 
lichen Siege unserer heiligen Kirche verzweifeln wollten! 
Denn tagtäglich dürfen wir es mit Freuden sehen, wie sich 
die Geister wieder zu uns kehren, gleich jenem verlorenen 
Sohne, welcher die rechte Heimath endlich und nach vielen 
Schmerzen wiederfand. Das Gleiche, möchte ich fast sagen, 
ist in den letzten Tagen an einem Gelehrten aus Deutschland 
geschehen, Thurneyffer mit Namen, keinem niedern Geiste, 
sondern vielmehr an einem Manne, welchen ich anreden 
möchte, wie einst Horaz den Archytas: 
„Du, der Erde und Meer durchforschtest, — der Du an brandendem Ufer 
Selbst die Körnlein zähltest des unermeßlichen Sandes!" 
Aber dieser große Gelehrte konnte nimmer Frieden 
finden. Wie sagt der heilige Augustinus? — „Cor nostrum 
inquietum, donec in te requiescat, domine!“ — „Unser 
Herz ist unruhig, bis es in Dir ruhet, o Herr!" — Der 
Doktor Leonhard Thurneyffer zum Thurne ist in den Schooß 
der allein selig machenden Kirche zurückgekehrt! Der heiße
	        
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