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Periodical volume 7. Juni 1884, Nr. 37 Abbildung: Preußisches Kriegswesen [...] Friedrichs des Großen

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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„Ist es nicht empörend, mich in solche Lage zu bringen," | 
schluchzte Helene, „nein, nun steht es erst recht fest bei mir, 
ich gebe mich für eine Helene Hella, Deine Nichte im zehnten 
Grade aus! Wenn dieser Mensch hierher käme, mich fände 
und dann schließlich noch „nein" sagte, Tante, möchtest Du 
mich deun so demüthigen lasten?!" — 
„Aber Kind, die Frohbens glauben uns ja in Ostende, 
wie kämen sie denn hierher; sei doch vernünftig", die Tante 
legte sich jetzt auf's Bitten, „ich habe Dir schon nachgegeben, 
nach der Schweiz zu gehen, ganz heimlich, wie ein Ausreißer, 
habe aus Angst vor Entdeckung kein Mädchen mitgenommen, 
was mir sehr schwer wird, nun erlaste mir doch diese Komödie, 
Kind, ich kann ja Deinem Vater nicht mehr vor die Augen 
treten, wenn ich 
Deine Streiche so 
unverantwortlich 
unterstütze!" — 
Man war beim 
Hin- und Herwan 
dern wieder vor 
der Gartenthür an 
gelangt und Helene 
zog die Tante durch 
den dunklen Laub 
gang, die Stein 
treppen hinauf in 
den Speisesaal, 
ohne noch eine Ant 
wort auf die letzte 
Bitte zu geben. — 
Als Helene ge 
zwungen gewesen 
war, ihre Gedanken 
von dem neuen 
Gaste der Pension 
abzulenken, war 
dieser von dem Kell 
ner, der, immer 
drei Stufen der 
breiten Treppe auf 
ein Mal nehmend, 
tänzelnd vor ihm 
hersprang, daß die 
Frackschöße genö 
thigt waren, mit 
zuspringen, in ein 
großes, zweifenstriges Gemach geführt worden. 
Dort hatte ihn der eifrige Kellner seinem Schicksale über 
lasten, und der Reisende hatte sich erst in die Ecke des be 
quemen Sopha's geworfen, um abzuwarten, daß man sein 
Gepäck brächte. 
Als auch die beiden eleganten Koffer im Zimmer standen, 
zündete sich der Eigenthümer derselben eine Cigarette an, 
schloß ein Necestaire von rothem Juchten auf und entnahm 
demselben Schreibutensilien, mit denen er sich dann an dein 
großen Sophatische zurechtsetzte. 
Es war schon ziemlich dunkel in dein Zimmer und der 
junge Herr mußte die beiden Kerzen von dem Spiegelconsol 
holen und sie anzünden- — 
Draußen plätscherten leise die Wellen gegen das Ufer 
und der Fremde schrieb beim matten Scheine der dünnen 
Lichter, deren Flamme gelb abstach gegen das Abendroth, das 
sich allmählich tiefer und tiefer auf die dunkle Wasserfläche 
schmiegte, bis es endlich in den Fluthen zu versinken schien: 
„Lieber Robert! 
Glücklich bin ich heute angelangt und gedenke, wenn 
der erste Eindruck, den ich hier empfangen, mich nicht 
täuscht, einige Zeit hier zu bleiben. — 
Du hast wohl die große Güte, mein lieber Junge, 
täglich nach der Post zu gehen und nachzufragen, ob etwa 
Briefe für mich eingetroffen sind — anbei eine Vollmacht 
dazu — dann hast Du gewiß die Freundlichkeit, mir die 
Zirttn. 
preußisches Kriegswesen 
Fries von A. von Heyde 
Schriftstücke, denn solche werden es vermuthlich sein, die 
man mir sendet, hierher zu schicken unter der Adresse: 
Herrn v. Friedrich — z. Z. Gersan — Schweiz — Pension 
Müller. Ich werde Dir von Zeit zu Zeit die Antworten 
senden, die Du dann nur von Dir aus abzusenden hast. 
Für heute sei meiner Freundschaft innig versichert und 
verzeihe, wenn ich schon schließe, immer 
Dein 
treuer Friedrich." 
Herr v. Friedrich überflog noch einmal die Zeilen, ehe 
er sie einsiegelte, trat vor den Spiegel, seine Toilette zu ord 
nen und ging dann hinunter in den ebenso hübschen, als ge 
müthlichen Speisesaal der Pension. —
        
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