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Periodical volume 31. Mai 1884, Nr. 36

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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zu können, trat Kurfürst Johann Sigismund dem Kölnischen Rath 
eine der Krambuden nebst dem daneben gelegenen Raum ab, indem 
er bemerkte, es sei das zu erbauende Wirthshaus eine für die 
Stadt nothwendige, für durchreisende Fremde aber eine nützliche 
Einrichtung. 
Allerdings war es mit den Berlinischen Gasthöfen damals 
nicht zum Besten bestellt, wie wir bereits früher im „Bär" aus 
führlicher dargethan haben. Deshalb etablirte auch der Berliner 
Rath eine Garküche auf dem Hofe seines Rathhauses, die bei dem 
Erweiterungsbau desielben, im Jahre 1693, wieder abgebrochen 
wurde. 
Zur Verwaltung der Garküchen waren besondere Garköche 
bestellt; sie mußten dem Magistrat einen Zins entrichten, hatten 
aber freie Wohnung und wöchentlich für einen zu schlachtenden 
Ochsen die Steuerfreiheit. 
Eine eben so interessante als lehrreiche Episode aus der Sitten 
geschichte gewähren uns die Berichte der Mühlenhauptleute über 
die Verunreinigung des Spreestromes auch seitens der Bewohner 
der Fischerstraße. Schon 1592 wird über mancherlei „Unrichtig 
keiten" von Werk- und Gerbstätten, Waschbänken, Sekreten und 
Schweineställen geklagt, welche die Bürger „auf Churf. Gnaden 
Spreestrom gebauet". Und noch zur Zeit des Großen Kurfürsten, 
1674, ist von einem Berg im Wasser die Rede, den die „Häus- 
linge und Miethlinge" vergrößerten, indem sie bei nächtlicher Zeit 
allen ihren Schutt re. aus den Häusern hinzutrugen. Insonderheit 
„dämpften die Bürger in der Fischerstraße immer ein wenig nach 
dem andern in die Spree hinein" und befestigten den so gewon 
nenen Grund und Boden mit einer Schälung. Ihre Hinterhäuser 
aber (heißt es weiter) seien so voller Hausleute, daß in manchem 
Hause 7 bis 9 Paare vorhanden wären, die allen Auskehricht nicht 
auf die Höfe brächten, sondern in die Spree trügen. Darum auch 
sei der Strom an vielen Orten so verschüttet, daß man bei nie 
derem Wasser mit kleinen Kähnen auffahre und nur mit großer 
Mühe wieder loskomme. 
Um diesen „Unrichtigkeiten" zu steuern, ließ der Kölnische 
Rath wohlweislich Warnungstafeln mit Halseisen aufstellen 
und fernere Verschüttungen bei Leib- und Lebensstrafe unter 
sagen. Diese stadtväterliche Fürsorge ging selbst dem Großen Kur 
fürsten, welcher damals in Cleve verweilte, zu weit; er vermerkte 
dem Kölnischen Rath das Aufstellen jener Warnungstafeln sehr 
übel, weil es sein (des Kurfürsten) Ansehen und Hoheit „touchire“, 
und brachte unterm 13. September 1661 die früheren Verordnungen 
in Erinnerung, wobei er zugleich bestimmte, daß die einkommenden 
Strafgelder für ein „künftiges" Hospital Verwendung finden sollten. 
Unbegreiflich aber muß es uns erscheinen, daß selbst die Geistlichen 
auf den Kanzeln diese Verunreinigung des Spreestromes zum Ge 
genstand einer gegen den Kurfürsten gerichteten Polemik machten, 
wobei sie in etwas unehrerbietiger Weise auf das Gleichniß von 
den „Schafen ohne Hirten" anspielten. Wegen dieses Citats 
behielt der Kurfürst weitere Berichterstattung bei seiner Rückkehr 
sich vor. 
Nachdem strenge Verordnungen dem Unwesen endlich Einhalt 
gethan, erhielt der Mühlendamm eine neue Gestalt, und die Be 
sitzer der Buden mußten solche im Jahre 1687 abbrechen und 
maffiv erbauen lasten. Bei dieser Gelegmheit wurde auch die 
Kölnische Garküche abgebrochen und nach dem andern Ende der 
Fischerstraße, jenseits der Kölnischen Gasse, verlegt. Aber auch 
dort war ihres Bleibens nicht lange; man verlegte sie nach dem 
Raum des heutigen Waagegebäudes am Kölnischen Rathhause, bis 
endlich die Aufftellung von Schlächterscharren, im Jahre 1706, ihr 
den Garaus machten. 
Ferd. Meyer. 
Mecklenburg. 
Von II. lutfft. 
Es ist sicher ein eigenthümliches Land unser benachbartes 
Mecklenburg, in vieler Beziehung einzig dastehend: hat es doch 
unter allen slavisch-deutschen Gegenden noch am meisten in der 
Bodengestaltung — fast so viel See wie Land — den uralten 
slavischen Anstrich bewahrt. Auch sein Fürstengeschlecht ist eigen 
thümlich, denn es ist das einzige unter allen deutschen Herrscher 
geschlechtern, das sich uralter slavischer Abstammung rühmen kann, 
ja seine ältesten Glieder standen noch dem Christenthum feindlich 
gegenüber und neigten ihr Haupt dem.dreiköpfigen Triglaf. Aber 
das Geschlecht ist aufgenommen worden in den Verband des 
großen Reiches und seine Glieder haben sich dessen würdig Jahr 
hunderte hindurch bewährt. Die älteste Geschichte nennt uns 
deutsche Stämme Mariner und Heruler als Bewohner Mecklen 
burgs, Slaven unterjochten dann das Land und drückten ihm den 
noch heute nicht ganz verwischten Stempel der Eigenthümlichkeit 
auf. Zuerst vernehmen wir von ihren räuberischen Einfällen, die 
sie nach der Sitte der Zeit überall von den Meeresküsten aus 
unternahmen und damit hauptsächlich die dänischen Inseln heim 
suchten. Früh ging daher auch das Bestreben der dänischen 
Könige dahin, sich der slavischen Ostseeküsten zu versichern und das 
Volk zu unterwerfen. Seit Karls des Großen Versuch, die Slaven 
an der Elbe und jenseits derselben zurückzudrängen, hörten auch 
für Mecklenburg die Angriffe der Deutschen von Holstein her nicht 
mehr auf. So wurde das Land von Norden und Westen her be 
drängt und der hier wohnende slavische Volksstamm muß unsere 
Bewunderung wachrufen, daß es ihni trotz aller Fährnisse gelang, 
dennoch seine Unabhängigkeit zu bewahren. Die Obotriten werden 
uns als Bewohner des Landes genannt, und sie waren es, die 
diese bewundernswerthe Spannkraft entwickelten. An der Ostsee 
küste zwischen Wismar und Rostock war ihre Heimath, in einem 
I reich gesegneten Lande. Von der Seekette, die von Westen nach 
Osten das Land durchzieht, breiten sich flache Höhen und üppige 
j Wiesengründe bis zum Meere und gaben dem Volke die günstige 
Gelegenheit, ihre Heerden zu pflegen. Schon in uralter Zeit muß 
- dieser Küstenstrich seiner Viehzucht wegen bekannt gewesen sein, 
j denn das Land um Dobberan, dem heutigen so gepriesenen See 
badeorte, hieß in nordisch-dänischer Bezeichnung Gobanze, von Coh, 
Kuh und Bant Wiesengrund. Noch heute klingt der Name nach 
in Kuppentin, einem Flecken nahe Dobberan. Es ist viel über 
das Wappen der Mecklenburgischen Fürsten und über seinen Ur 
sprung gestritten worden: da wir die Gegend von Dobberan als 
ein uraltes Besitzthum des Geschlechtes kennen, könnte wohl ein 
Zusammenhang des Wappenbildes, des Stierkopfes, mit jenen 
vielleicht einst rinderreichen Wiesengründen bestehen. Sicher war 
es ein angesehener und reicher obotritischer Grundbesitzer, Niklot 
wird er genannt, dem es gelang, in den nie ruhenden Kämpfen 
seinem Volke die Unabhängigkeit zu bewahren. 
Es war um die Mitte des 12. Jahrhunderts, als wiederum 
jener religiös-kriegerische Drang die christliche Welt erfüllte, der 
schon Tausend unter dem Zeichen des Kreuzes in den Tod geführt 
hatte. Fast ganz Europa waffnete sich, um das heilige Land, 
des Heilands Heimath, den Ungläubigen zu entreißen. Aber nicht 
dieses allein, jedes andere erreichbare, von Nichtchristen bewohnte 
Land war der Kreuzfahrer Ziel. So sollte denn auch das Land 
der Wenden und Obotriten von einem Kreuzheere heimgesucht 
werden. Im Frühjahre des Jahres 1147 gingen durch ganz 
Norddeutschland die gewaltigen Zurüstungen. Eine Menge Fürsten, 
Grafen und Herren führten persönlich ihre Banner ins Feld, die 
sie, nach gemeinsamer Uebereinkunft und zur Unterscheidung von 
den nach Palästina Ziehenden, mit einem veränderten Kreuze be- 
I zeichneten. Unter den Führern ragte vor Allen der achtzehn-
        
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