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Periodical volume 31. Mai 1884, Nr. 36

Full text: Der Bär Issue 10.1884

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kümmern- Nur zu dem treuen Herrn Wolfgang vom Kloster 
sprach er einst mit funkelndem Blicke: „Verlasset Euch darauf, 
— mein Freund; — auch in dies verworrene Dunkel kommt 
einst noch Licht!" 
Und dieser Ausspruch sollte sich in erschütternder Weise 
bewahrheiten. 
Denn wenige Tage, nachdem die Entscheidung des Baseler 
Rathes in Berlin eingetroffen war, saß Thurneyffer eines 
Abends bei seinen chemischen Arbeiten; er hatte mit Mühe 
seine Ruhe wieder gesunden und suchte Trost in fleißigern 
Schaffen für seinen Herrn. Schon hatte er dem Kurfürsten, 
welcher ihm die innigste Theilnahme bezeugte, aus den Ein 
künften der Salinen und Alaunwcrke wiederum ein stattlich 
Sümmlein übersenden können; — jetzt prapärirte er die Stoffe 
zu der abermaligen, demnächst in großcnr Maßstabe stattfinden 
sollenden Durchführung des Magistcriums. Da tönten leichte, 
eilige Schritte den gewölbten Gang hinauf. Thurneyffer 
öffnete die Thür des Gemaches und sah hinaus. Da lagcrr 
seine Kinder in seinen Armen: — ein Stadtknccht von Basel, 
den weißen Schild mit dem Bischofsstäbe auf der Brust, über 
brachte sie ihm, wie er es in seinem letzten Schreiben ver 
langt hatte. 
Weinend schmiegten sich dieselben an den Vater an, 
welcher sie mit Küffen überdeckte. Mit theilnehmendcm Blicke sah 
der bärt'ge Schweizer zu; dann sprach er: „Ja, Herr; — 
Furchtbares ist geschehen! Und unsere Herren haben ungerecht 
gerichtet; — das hat die Hand Gottes selbst an's Tageslicht 
gebracht! Ich habe einen Brief, — doch ich will's Euch lieber 
selbst erzählen, hochgelehrter, bleicher Herr! Aber die Kinder 
müffen fort!" 
Thurneyffer rief seinen getreuen Faktor Hentzke und ein- 
zelne seiner Künstler herbei. Seine Glieder zitterten; er glich 
einer Leiche an Fahlheit der Gesichtsfarbe. 
Nachdem die Kinder entfernt waren, sprach der Stadtknecht: 
„Ja, unerhört ist solche Schandthat, die an Euch geschehen! 
Wiffet Ihr, Herr Doktor, wer Euch verrathen hat, — wer 
Eures Unglücks Urheber ist? Euer eigener Bruder! Er ward 
Genoß der Sünde jenes schönen Weibes! 
Aber die Sache konnte nicht lang' so gehen! Da kamen die 
Junker aus Aalen, Jsny und etliche lose Leute von unseren 
Geschlechtern, — das Treiben in dem alten Ehrenhause der 
Jselin ward ruchbar, und Euer Gold, das schmolz! Da das 
die beiden merkten, der Kriegsgesell, das „Sanderli," das 
nie etwas getaugt hatte, und die schöne Dama mit den 
schwarzen Locken, da stellten sie das tolle Treiben ein und 
wollten auseinander gehen. „Erst theilen, was noch über ist!" 
sprach Euer Bruder, der Schurke, der stets gegen Euch ge 
wesen ist und Lieb' und Treu' Euch nur geheuchelt hat! 
„Theilen?" fragte die Dame mit den nackten Schultern. 
„Du Thor! Mir gehört der Raub, — ich werd' Dich gehen 
lernen, Troll!" — Das ward ein schlimmer Tag im Hause 
Jselin! Am nächsten Tag verkaufte die schöne wälsche Frau 
das Haus mit aller Habe an den Geldmann, den Rhyhener,*) 
welcher des Schultheiß' Stelle von der mehreren Stadt**) ver 
treten sollt'; — Ihr könn't es denken: für ein' Spottpreis! 
Und mit dem Gelde ist sie, begleitet von ihrer Zofen, weg 
*) Ein Mitglied der Baseler Patriziersamilie „ze Rhin? 
**) Groß-Basel westlich des Rheins. 
geritten auf schönem, schwarzem Roste; — niemand weiß, 
wohin! Der Sander aber ist verschwunden geblieben, — ein' 
Tag, zwei Tag', — nian hätt' ihn nimmer g'sunden, wenn 
der Rhein ein' stärker'» Zug gehabt! So aber ward die 
Leiche auf das Schilf am Ufer ausgeworfen. „Er hat den 
Judaslohn!" sagte der alte Bärenfelser, unser Blutherr!"*) 
Thurneyffer saß unbeweglich da. Wie irr leuchtete sein 
Auge. Dann winkte er den Seinigen, ihn zu verlassen. Dem 
Boten der Schreckenskundc aber lohnte er reichlich. — 
Man sah ihn erst spät am folgenden Morgen wieder. 
Er zeigte sich jetzt ganz ruhig und gefaßt; — die Sorge für 
seine Kinder übertrug er der Frali seines redlichen lind 
thätigen Druckers Hentzke. Nachdein er endlich noch den 
Befehl ertheilt hatte, ilieinandeir als die Boten seiner Kurfürst 
lichen Gnadeir zu ihm zu lasten, schloß er sich, mit Speise 
und Trank versehen, in sein Studirzimmer ein. — 
Eine unheimliche Stille lagerte einige Tage lang über 
dem grauen Kloster von Berlin. Die Scholaren des neu- 
gegründeten Gymnasiums sahen's mit Erstaunen, wie an dem 
sonst so verkehrsreichen Platze alles Leben mit einem Zauber- 
schlage wie erstorben schien. Das Volk von Berlin wollte 
klagende Stimmen gehört haben, welche sich zur Nachtzeit auf 
dem Kirchhofe und in den von Thurneyffer bewohnten Räumen 
hatten vernehmen lasten. 
Irr und von einer fieberhaften Unruhe verfolgt, schritt der 
Doktor selbst Tags und Nachts durch die öden Räume, in 
welchen einst so rühriges, thätiges Leben geherrscht hatte. 
„Es muß anders werden!" sprach er wohl zu sich. — 
„Aber ich bin todmüde!" Auf Stunden versank er dann 
wieder in düsteres Sinnen; — keine freundliche Stimme gab 
ihm Rath und Trost; ängstlich mieden ihn selbst die eigenen 
Kinder, — nur seine ältesten und treuesten Beamten hielten 
bei ihm aus; endlich floh ihn auch der Schlaf! 
Er mußte jetzt für sich selbst, wenn er nicht untergehen 
wollte, seine ärztliche Kunst zu Rathe ziehen. Ec preßte sich des 
Mohnes friedenbringende und schmerzenstillende Säfte aus und 
schlief seit langer, langer Zeit zum ersten Male. Ein anderer 
Mann, mit neuer Kraft begabt, ein Mann helleren Auges 
und leichteren Herzens, erwachte er. „Ich Thor," sprach er, 
„daß ich mich dem lebensvernichtenden Grame so weichlich 
überließ! Ich wußte ja, daß alles so kommen mußte! „Fata 
necessitant!“ Glück, — Schuld, — so lautete ihr Horoskop; 
— die Sühne und die Vernichtung wird nicht auf sich 
warten lasten! Aber ich rufe den rächenden Strahl nicht 
herab auf ihr schuldig Haupt, und — Alexander hat sich 
selbst gerichtet!" — 
Heut war es sein Erstes, daß er die lang' verschlossenen 
Fensterläden, die schweren Vorhänge wieder einmal öffnete 
und lüstete. Mit dem gold'nen Lichte drang auch neues Leben 
in die dumpfen, staubcrfüllten Räume. Lustig zwitscherten an 
dem schönen Morgen die Vöglein in den Gebüschen seines 
Gartens. — Wie, — war es möglich, daß er sich so lange 
an der Pracht dieser Blumen, dieser thauigen Schönheiten 
von wunderbarem Farbenglanze nicht mehr ersteut hatte? — 
Jetzt ging er hinab, vornehm und ernst gekleidet wie früher! 
Er schnitt zwei große, volle Sträuße für seine Kinder. Als er sie 
ordnete, kamen Michael Hentzke und ein anderer Faktor, Nikolaus 
*) Oberster Gerichtsherr.
        
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