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Periodical volume 1. October 1883, Nr. 1

Full text: Der Bär Issue 10.1884

Erscheint wöchentlich ant Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitung-speditionen und Postanstalten für 2 Mark 30 Pf. 
X. Jahrgang. vierteljährlich zu beziehen. - Im Postzeitungs-Latalog eingetragen (14. Nachtrag) unter Nr. 2278. i. © c tof>« 
Nr. 1. Herausgegeben von Emil Dominik. Verlag von Gebrüder Paetcl in Berlin IV. 1883. 
Der Günstling des Prinzen. 
Historischer Roman von 8. J6. n. Dcisenrofsi. 
Es war ein böses Wetter. Der Sturm jagte die Wolken, 
ballte sie zusammen und fegte sie dann wieder auseinander, 
er strich heulend über die Ebene und bog die Bäume nieder. 
Der Strom, der in Folge anhaltender Regengüsse und wegen des 
Zuflusses der Gebirgswäster über seine Ufer getreten, schlug 
mächtige Wellen; das Brausen 
des Masters vereinte sich mit dem 
Heulen des Sturmes und machte 
einen unheimlich beängstigen 
den Eindruck aus die Reisenden, 
welche den Strom zu passiren 
hatten. 
Auf dem Uferdamme lag 
das Fährhaus, daneben das Aus- 
spannungsgebäude der Post. Ein 
kalter Regenschauer hatte die 
Weiden am Stromufer mit Mil 
lionen Tropfen besäet, die jetzt, 
wo die Sonne durch die Wolken 
brach, wie Edelsteine blitzten. 
Während man den schwer 
fälligen Postwagen auf den großen 
Fährprahm brachte, labten sich 
die Reisenden im Fährhause an 
warmen Getränken und an dem 
großen, wohlgeheiztcn Ofen, manch 
ängstlicher Blick flog auch aus 
den Fenstern aus die fluthende 
Wastermenge des Stromes. Ein 
alter Herr, der ebenso wie seine 
bejahrte Ehehälfte sich in Tücher 
und wollene Shawls fest eingewickelt, schien besonders besorgt 
zu sein. Er fragte den Wirth, ob der Prahm fest, die Fähr 
leute auch sicher seien. 
Der Wirth lachte und sein breites Gesicht zeigte eine 
Reihe weißer, derber Zähne. Wenn das Eis treibt und in 
Nachdruck verl öten. 
Gesetz v. 11. VI. 70. 
dunkler Nacht, sagte er, da mag's gefährlich sein, aber bei 
Hellem Tage ist nichts zu fürchten. Der Prahm ist gut und 
die Männer sind Flößer vom Gebirge, die verstehen ihr 
Handwerk. 
Ein magerer Herr mit schwarzem Haar und dunklen bren 
nenden Augen, besten Kleidung 
einen fremdländischen Schnitt 
zeigte, der aber trotz der ehemals 
kostbaren, jetzt etwas abgetragenen 
Stoffe reduzirt aussah, flüsterte 
einer jungen, tief verschleierten 
Dame die Worte des Wirthes in 
französischer Sprache zu. Dann 
fragte er den Wirth in gebroche 
nem Deutsch, ob man die Rei 
senden mit den Pferden und den 
Wagen zugleich übersetze. 
Denkt Ihr, der Prahm 
werde zweimal fahren? lautete 
die Antwort, da hätten die Fähr 
leute viel zu thun. 
Ein Posthorn ertönte. Der 
Kondukteur der Post, der sich 
schon gerüstet, seinen Grog zu 
bezahlen und das Zeichen zum 
Aufbruch zu geben, setzte sich 
nieder. Eine Extrapost, sagte er, 
da haben wir noch Zeit. 
Ein schwerer Reiscwagen, 
von vier Pferden gezogen, hielt 
an dem Damme, ihm folgte eine 
von zwei Pferden gezogene Kalesche. Der große Reisewagen 
trug am Schlage ein adliges Wappen. Ein Diener in Livr<-c 
saß aus dem Bocke, ein anderer und eine Zofe auf dem er 
höhten Dicnersitz hinter dem Wagen. In der geschloffenen 
Kutsche befanden sich eine ältere und zwei junge Damen. 
Friedrich Daniel Lchlcirrmachcr. 
Originalzeichnung nach einem gleichzeitigen Portrait. 
(S. Seite 8.)
        
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